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Aktuelle Studie Gefangen im Teufelskreis: Die Arktis erwärmt sich viermal schneller als der Rest der Welt – mit katastrophalen Folgen

Eisberge treiben in der Baffin Bay in der Nähe von Pituffik, Grönland,
Eisberge treiben am 15. Juli in der Baffin Bay, nahe der grönländischen Siedlung Pituffik. Beobachtungen des Erbeobachtungssatelliten ICESAT-2 belegen eine enorme Ausdünnung des arktischen Meereises in nur drei Jahren
© Kerem Yücel / AFP
Der Norden taut – und das deutlich schneller als bislang angenommen. Laut einer neuen Studie steigt die Durchschnittstemperatur in der Arktis viermal schneller als auf dem Rest der Welt. Ein Teufelskreis mit katastrophalen Folgen.

Dem aktuellen IPCC zufolge hat sich der Planet seit Beginn der Industriellen Revolution bereits um 1,1 Grad erwärmt. Dass auch der Norden dahinschmilzt, liegt somit auf der Hand – doch tut er das viel schneller als bislang angenommen. Wie Wissenschaftler am Donnerstag im Fachmagazin "Communications Earth & Environment" veröffentlichten, hat sich die Arktis in den vergangenen vier Jahrzehnten viermal schneller erwärmt als der Rest unseres Planeten. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. In einigen Regionen des Nordens, zum Beispiel in der Barentsee zwischen Russland und der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen, stieg die Durchschnittstemperatur siebenmal schneller. Im Umkehrschluss bedeutet das, so das australische Nachrichtennetzwerk "Conversation", dass es in der Arktis bereits jetzt durchschnittlich drei Grad wärmer sei als 1980.

Unterschätzten bisherige Modelle die Erwärmung?

Wie "Science News" berichtet, ging man in früheren Studien noch davon aus, dass die arktischen Temperaturen "nur" zwei- bis dreimal schneller steigen als in anderen Erdregionen. Zu den erschreckenden neuen Erkenntnissen ist das Forscherteam um den Meteorologen Mika Rantanen vom Finnischen Meteorologischen Institut in Helsinki gelangt, indem sie Beobachtungsdaten aus den Jahren 1979 bis 2021 analysierten. Die Erdtemperatur sei in dieser Zeitspanne durchschnittlich um 0,2 Grad Celsius pro Jahrzehnt angestiegen – in der Arktis seien es zeitgleich 0,75 Grad gewesen.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die jüngste Vervierfachung der Erwärmung in der Arktis entweder ein extrem unwahrscheinliches Ereignis ist, oder dass die Klimamodelle systematisch dazu neigen, die Verstärkung zu unterschätzen", heißt es in der Studie. Die Ungenauigkeit der Modelle, die bisherige Erwärmung der Arktis realistisch zu simulieren, stelle in Frage, wie gut künftige Veränderungen in der Arktis – und deren Folgen für den Rest der Welt – vorhergesagt werden könnten.

Thomas Ballinger, Forscher an der University of Alaska Fairbanks, sagte gegenüber der "New York Times", dass die Definition der Region für das Verständnis des arktischen Wandels enorm wichtig ist. Eine "größere" Arktis umfasse mehr Land, was wiederum die Auswirkungen der Rückkopplung zwischen Eis und Ozean auf die Durchschnittstemperaturen verringere.

Arktis: Von eisigen Zeitbomben und Teufelskreisen

Warum der Norden so unverhältnismäßig stark vom Klimawandel betroffen ist, dafür gibt es eine Reihe von Erklärungen. "Conversation" zufolge spielt das Meereis eine entscheidende Rolle. Die für gewöhnlich ein bis fünf Meter dicke Schicht ist mit einer Schneedecke überzogen, die wiederum circa 85 Prozent des Lichts reflektiere. Im dunklen Ozean sei das Gegenteil der Fall: Das Wasser absorbiere gut 90 Prozent der Sonnenstrahlen. Dadurch, dass das Eis durch die globale Erderwärmung stärker schmilzt, schluckt der Ozean mehr Licht – und nimmt mehr Wärme auf. Ein Teufelskreis. Dieses Phänomen bezeichnen Experten als "Polare Verstärkung".

Die Folgen, die das schwindende Weiß mit sich bringt, sind katastrophal – vor allem, weil die Arktis zu den empfindlichsten Klimaregionen der Welt zählt. Doch nicht nur das Eis wirkt als Brandbeschleuniger. Der Permafrost (eigentlich dauerhaft gefrorener Boden) schließt den Kohlenstoff im darunter liegenden Boden ein. Taut das ewige Eis ab, gelangen auch Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre und befeuern den Klimawandel zusätzlich. Der Permafrostboden allein, so "Conversation", enthalte genug Kohlenstoff, um die globale Durchschnittstemperatur um mehr als drei Grad zu erhöhen. Eine "Zeitbombe", deren Auswirkungen unkontrollierbar wären. Diese Rückkoppelungseffekte würden nach aktuellen Wissenschaftsstand bei einer Erwärmung von 4,5 Grad einen kritischen Punkt überschreiten.

Grönländisches Eisschild massiv bedroht

Sorgen bereitet der Wissenschaft auch das zurückgehende Grönländische Eisschild. Am dritten Juli-Wochenende waren auf der größten Eisfläche der nördlichen Hemisphäre 18 Milliarden Tonnen Eis geschmolzen – genug, um umgerechnet die gesamte Fläche Hessens mit 30 Zentimetern Wasser zu bedecken. Und das dreimal (). Wissenschaftler hatten davor gewarnt, dass solche Extremereignisse sich häufen und zu einem bedrohlichen Anstieg des Meeresspiegels führen könnten.

Laut Daten eines Erdbeobachtungssatelliten der Nasa, genannt ICESat-2, hat Grönland in den letzten zwei Jahrzehnten 200 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr verloren, erklärt Eisforscher Nathan Kurtz gegenüber "USA Today".

Quellen: "Science News"; "The Conversation"; "New York Times"

yks

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