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Science-Center: Ein Theater für die Wissenschaft

Sie sehen aus wie fliegende Untertassen und Sternenzerstörer und sie wollen Besucher zu Mini-Forschern machen: Science-Center. Auch Hamburg plant einen Bau der Superlative, der aber viel mehr sein will als nur ein Erlebnispark der Wissenschaften.

Von Jens Lubbadeh

Thomas Kraupes leicht erhobene Hände formen in der Luft eine imaginäre Kugel. In diese Kugel hat der Direktor des Hamburger Planetariums sein ganzes Herzblut gelegt. Und sie soll auch das Herz sein, das Hamburgs neuem Science-Center einmal Leben einhauchen soll. Das Wissenschaftstheater, wie Kraupe diese Wunderkugel nennt, wird in der Kuppel des neuen Tempels der Wissenschaften residieren, der schon in fünf Jahren in Hamburgs Hafencity Realität sein soll. Für Kraupe ist es zugleich der entscheidende Baustein, der das Hamburger Science-Center von allen anderen Wissenschafts-Erlebnisstätten unterscheiden soll, die derzeit in Deutschland Konjunktur haben.

Wunderkugel Wissenschaftstheater

Mithilfe hamburgischer Forschungsgewalt wie dem Deutschen Elektronen Synchroton (Desy) und dem Zentrum für Marine und Atmosphärische Wissenschaften (ZMAW) hat Kraupe einen Bau konzipiert, der auf sechs Stockwerken mit insgesamt 7700 Quadratmetern Science-Center, Wissenschaftstheater und ein Aquarium beherbergen wird. Die Vorgaben sind sportlich: 500.000 Besucher pro Jahr sollen sich in dem Prachtbau mit allerfeinster Technik einmal tummeln. "Wir waren der Meinung, dass Science-Center und Aquarium nicht ausreichend sind, um genug Besucher zu bekommen", sagt Björn Marzahn von der Kulturbehörde Hamburg. Abwechslung ist daher gefragt, um immer wieder Leute anzulocken. Die soll laut Marzahn das Wissenschaftstheater bringen. Aber wie genau?

In den PR-Texten wird das die Wunderkugel als "Auge, Teleskop, Mikroskop und Zeitmaschine gleichermaßen" beworben. Nicht nur wird man nach Auskunft Kraupes darin durchs All sausen, live mit der Internationalen Raumstation verbunden oder in Ameisenperspektive durch den Dschungel tippeln können - alles in Rundumsicht versteht sich. Das ist für Kraupe das Übliche und nicht viel anders, was Imax-Kinos heute schon bieten. Er denkt grenzübergreifend: "Im Wissenschaftstheater werden sich Wissenschaft, Kunst und Kultur begegnen."

Das Wissenschaftstheater soll aber nicht nur Wohlfühlzone sein. Der Anspruch ist hoch, pädagogisch: "Es soll übergreifende Zusammenhänge und letztlich ein Weltbild vermitteln", sagt Kraupe. Dieses zentrale Element fehle anderen Science-Centern. Und zwar ein Bild der Welt, die keineswegs heil ist: Klimawandel, Umweltzerstörung, Krankheiten. Globale Probleme, die jeden schon heute direkt betreffen. Kraupe hat keine Angst vor Kontroversen. Doch bei den schwierigen Themen der Medizin und der Life-Sciences - Klonen, Stammzellforschung, Gentechnik - ist ihm noch nicht klar, ob und wie sie ihren Platz im Science-Center finden werden.

Hafencity - Stadtteil der Superlative

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, hat Ex-Kanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Thomas Kraupe hat Visionen - und davon nicht zu knapp. Björn Marzahn berichtet von Ideen des Planetariumsdirektors, der das Wissenschaftstheater noch multimodaler ausrichten wollte, die Leute zum Beispiel mit vibrierenden Sitzen ordentlich durchschütteln, aufrütteln wollte. "Das mussten wir aus Kostengründen streichen."

Visionen braucht man, wenn man sich ein Gebäude ausdenken soll, das in einer Umgebung wie der Hafencity stehen wird - Hamburgs neuem Stadtteil, der vor Superlativen nur so strotzt: 155 Hektar Baufläche direkt am Wasser, 5500 Wohnungen für 12.000 Leute, Quadratmeterpreise bis zu 4000 Euro. Bei dem größten Städtebauprojekt Europas entsteht eine Vision aus Glas und Stahl, wo früher Schuppen und Lastkräne vor sich hin rosteten.

Bis zur endgültigen Verwirklichung des Science-Centers wird Kraupe noch mehr Visionen benötigen: 47 Millionen Euro hat die Stadt Hamburg für den Bau zwar zugesagt. Das aber wird sicher nicht reichen, weswegen Thomas Kraupe gerade auf der Suche nach finanzkräftigen Sponsoren ist.

Science-Center boomen

Allerdings ist Kraupe keiner, dem man mangelnden Realitätssinn attestieren könnte. Dafür hat er zuviel Erfahrung mit solchen Großprojekten. In der Kuppel des ehemaligen Wasserturms, in der das Hamburger Planetarium seit 1930 zuhause ist, hat er schon ein Wissenschaftstheater in klein geschaffen. Dort begnügt sich Kraupe schon längst nicht mehr nur mit der Präsentation von Sternbildern. Für viel Geld wurde das Planetarium im Jahr 2003, als Kraupe seine Leitung übernahm, mit modernster 360-Grad-Projektor- und Lasertechnik aufgerüstet. Seither kann man dort computeranimiert durch das Universum reisen, sich in ägyptischen Grabkammern tummeln oder einfach audiovisuell zu Pink Floyd oder den Ambient-Klängen von Raphaël Marionneau schwelgen. Vom reinen Sternbilder-Vorführen hin zum Showtheater - ein Konzept, das Kraupe bereits von 1996 bis 2000 zum Erfolg führte, als er Berater bei der Überarbeitung des New Yorker Planetariums zum Science-Center war.

Seit einigen Jahren erleben Science-Center in Deutschland einen Boom: Das Bremer "Universum", ein riesiges silbernes Ufo wie aus einem 50er-Jahre-Science-Fiction-Film entsprungen, öffnete im Jahr 2000 seine Türen. Fünf Jahre später schien in Wolfsburg einer der Sternenzerstörer aus den alten Star-Wars-Filmen niedergegangen zu sein: Da eröffnete die "Phaeno". So imposant und unnahbar "Phaeno" und "Universum" architektonisch wirken - inhaltlich fußen sie beide auf demselben Konzept: Wissenschaft zum Anfassen. Damit haben sie wie viele andere Science-Center weltweit ein amerikanisches Konzept übernommen, das bereits Ende der 60er-Jahre entwickelt wurde. Frank Oppenheimer, Bruder des amerikanischen Atomphysikers und Manhattan-Project-Mitglieds Robert Oppenheimer, wollte statt musealem "Berühren verboten" "hands on" - der Besucher sollte Hand anlegen, ausprobieren und mitmachen. Zum ersten Mal wurde das im "Exploratorium" in San Francisco umgesetzt, der Urmutter aller Science-Center.

Authentisch und aktuell

Den Besucher vom Zuschauer zum Experimentator machen - dazu muss man zunächst sein Interesse wecken. Am besten anhand spektakulärer Phänomene: kleine Tornados, in die man hineinpusten, magnetische Flüssigkeiten, die zu bizarren Formen erstarren, Wärmebildkameras, vor denen man posieren kann. Für Kinder zweifellos eine tolle Sache, beschleicht einen beim Durchwandern der Erlebnisstätte Science-Center doch oftmals das Gefühl, sich in einer riesigen teletubbyesken Spielwiese voller Stauneffekte zu verlieren.

"Phänomene und hands-on wird es bei uns auch geben", sagt Kraupe. Doch damit nicht genug. Ihm ist Authentizität wichtig. Wissenschaft zum Anfassen übersetzt er in: Wissenschaftler zum Anfassen. Aus den Tiefen der Elfenbeintürme will er "echte" Forscher hervorholen, die im Science-Center dem so genannten Laien Rede und Antwort stehen werden. Es soll sogar kleine Labors im Science-Center geben, in denen tatsächlich geforscht wird und man zuschauen kann, wie Wissenschaft Wissen schafft. Authentisch und zugleich aktuell sein, so lautet die Devise. "Wir wollen keine Mona Lisas sammeln", sagt Kraupe. "Wir sind kein Museum. Wir wollen und werden uns ständig weiter entwickeln - so wie die Wissenschaft selbst."

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