Sibirien-Expedition bei stern.de Urmenschen und Mammuts

In den Dünen des Lenaufers soll es von Mammutknochen nur so wimmeln. Es ist gar nicht so leicht, Knochen von altem Holz zu unterscheiden. Haben wir vielleicht schon aus Versehen Mammutknochen in unserem Lagerfeuer verheizt?

Auf Pflanzenjagd an der Buotama

23.07.

10 Uhr morgens, strahlender Sonnenschein - wir verlassen unsere Zelte am Ufer der Lena und machen uns zu Fuß auf den Weg zur Buotama, einem Nebenfluss der Lena. Auf dem Weg durch die Taiga frischen wir nebenbei unseren Vitaminhaushalt mit Johannisbeeren, Krähenbeeren, Bärentrauben, Preiselbeeren und Walderdbeeren auf.

Am Ufer der Buotama treffen wir eine jakutische Familie, die bereits das Mittagessen vorbereitet: Fleischsuppe mit Gemüse auf einer Feuerstelle vor dem Holzhaus. Wir werden freundlicherweise zu Suppe, Brot und selbst gemachter Butter eingeladen. Die selbst gemachte Butter heißt auf russisch Smetana, von uns mit Schmand übersetzt. Mit dem gleichnamigen Komponisten hat sie allerdings nichts zu tun.

Wir überqueren die Buotama. Einige waten durch das in der Nähe einer Sandbank nur knietiefe Wasser einen halben Kilometer flussaufwärts, einige schwimmen und der Rest setzt mit einem kleinen Ruderboot auf die andere Seite über. Hier ersteigen wir einen steilen, ca. 150 Meter hohen Hügel. Im Kern besteht er aus Kalkstein, der von Sand überweht wurde - eine für diese Gegend typische Formation.

Rote Heuschrecken auf fleischige Sukkulenten

Große, in der Sonne rot schimmernde Heuschrecken fliegen auf und unter großem Getöse um uns herum. An dieses Geräusch und an diesen Anblick müssen wir uns beim Aufstieg erst langsam gewöhnen. An diesem sonnenabgewandten, trockenen Berghang nehmen wir die verschiedenen, verstreut wachsenden Pflanzengesellschaften für unser Herbar auf: Viele Sukkulenten mit ihren fleischigen Blättern wachsen auf dem typischen Trockenrasen. Wir finden duftenden Lauch, Küchenschelle und die seltene in Jakutien auf der Roten Liste stehende Sibirische Kreuzblume (Polygala sibirica), die wir natürlich nur fotografieren. Insgesamt beschreiben wir fünfzehn verschiedene Pflanzenarten auf diesem nach Thymian duftendem Hangstück.

Oben angekommen bietet sich uns ein herrlicher Blick auf das Mündungsgebiet der Buotama in die Lena. Endlose, leere Sandstrände und viele unterschiedlich geformte Sandbänke im Mündungsbereich der Buotama glitzern in der Sonne. Nun ist uns auch klar, warum wir unsere ursprünglich mit unserem Boot geplante Landung an der Buotama nicht durchführen konnten: Die Buotama führt offensichtlich nur während der Schneeschmelze oder größerer Regenfälle für eine solche Landung genügend Wasser. Mit vollem Herbar machen wir uns auf den Rückweg. Abends am Lenaufer braten wir unsere von Matthias und Bastian gefangenen Barsche und Hechte über dem Lagerfeuer. Wir sitzen wieder bis weit nach Mitternacht an unserem aus Treibgut zusammengetragenen Holzfeuer, da es im Juli in Jakutien auch nachts immer etwas hell bleibt. Unser Biorhythmus hat damit noch so seine Problemchen.

Herbarisieren an der Lena

24.07.

Heute sitzen wir hoch über der Lena auf einer Wiese in der Sonne und zeichnen unter der Anleitung Herrn Völckners Pflanzen aus unserem Herbar. Die Herbarien bestehen aus selbst gefertigten, rechteckigen Holzrahmen, über die ein Maschendraht genagelt wurde. Das ganze wird mit Spanngurten zusammen gehalten. Zwischen zwei mit Maschendraht bespannten Holzrahmen legen wir unsere Pflanzen zum Trocknen in russische Tageszeitungen ein.

Zwischen diesen Holzrahmen liegen auch Pflanzen, die in Jakutien schon zu Zeiten der Mammuts wuchsen. Prof. Dr. Gogoleva erklärt uns, worauf es beim Herbarisieren ankommt: Die Pflanze muss eindeutig bestimmbar sein, was nur möglich ist, wenn Wurzeln, Blüten und Früchte zu sehen sind. Passt eine Pflanze nicht auf das Format des Papiers, so darf sie auf keinen Fall geknickt, sondern muss gebogen werden. Bei größeren Exemplaren mit relativ stabilem Stängel ist dies nicht immer einfach. Bei Pflanzen, die die Farbe verlieren, muss die ursprüngliche Farbe neben Fundort, Finder, Datum, lateinischem Namen und Familie notiert werden. Nach diesen Vorschlägen verbessern wir unser Herbar weiter.

Tückischer Treibsand

Den Nachmittag verbringen wir am Lenaufer, wo wir erste Erfahrungen mit Treibsand sammeln. Über Treibsand laufen, fühlt sich an wie über Pudding gehen. Das Teuflische: Diee jeweiligen Stellen sind meist nur wenige Quadratmeter groß und liegen etwas tiefer als der übrige Sand! Bleibt man stehen, beginnt man zu versinken.

Unser Versuch, Schwimmen zu gehen, wird durch die geringe Wassertiefe vereitelt. Vor uns sehen wir nur eine endlose Aneinanderreihung von Sandbänken. Also waschen wir unsere Haare im flachen Wasser und gehen zur intensiven Körperpflege über, putzen die Zähne und "duschen" uns in der Lena. Wenn man hier von "fließendem Wasser" spricht, dann denken alle nur an die Lena.

Den Mammuts auf der Spur

25.07.

Der Tag beginnt mit unserem Frühstück und dies beginnt wie immer mit dem Hacken von Holz. Man muss besonders aufpassen, wenn man sich noch verschlafen ans Holzhacken macht. Aber unsere Fertigkeiten beim Holzhacken haben sich schon erheblich verbessert - so schlägt sich heute wenigstens keiner mit dem Beil ein Loch in den Schuh.

Wir füllen einen unserer Metalleimer in der Lena mit Wasser und bringen ihn auf der Feuerstelle zum Kochen. Zum Frühstück gibt es Brot, solange wir noch etwas haben. Es wird täglich etwas härter, mit Konfitüre, Obst und Tee. Danach beginnt unsere Besprechung am Morgen in einem runden Schamanenheiligtum auf einer Düne hoch über der Lena, das aussieht wie das englische Stonehenge im Westentaschenformat. An einer Stelle liegen viele Kopekenstücke, Schlüsselanhänger, Batterien und sogar Zigaretten. Dies sind Opfergaben, die die Jakuten an besonders geweihten Stätten niederlegen. Auch wir werden zum Opfern aufgefordert, denn es bringe Unglück, an diesen Orten vorbeizugehen ohne etwas zu geben. Wir legen kleine Gaben nieder, denn wer will schließlich das Unglück heraufbeschwören?

Wo sind die Mammutknochen?

Wir wollen heute in den Dünen am Lenaufer nach Mammutknochen suchen. Die Lena hat den hier rund 400 Meter tiefen Permafrostboden unter sich aufgetaut. Erst im Uferbereich setzt der Permafrost wieder ein. Die Permafrostschicht in den Dünen schmilzt im Uferbereich und da die Dünen an Lena und Buotama durch Hochwasser und Eisgang immer mehr abgetragen werden, geben sie hin und wieder Mammutknochen an den Abbruchkanten frei. Jakutische Schüler haben an diesen Abbruchkanten schon Mammutstoßzähne, Eckzähne und Knochen gefunden. Während wir in unserem Camp an der Lena sind, wird noch ein Teil eines Oberschenkelknochens eines Mammuts gefunden. Wir suchen jedoch den ganzen Tag vergebens die Dünen nach Knochenresten ab.

Abends beim Lagerfeuer meint Bastian, dass die alten Mammutknochen eine gewisse Ähnlichkeit in Farbe, Gewicht und Konsistenz mit altem, ausgewaschenem Strandholz haben. Er vermutet sogar, so versehentlich einen Mammutknochen - fälschlicherweise für Holz gehalten - im Lagerfeuer verbrannt zu haben. Allgemeines Schweigen. Bastian steht auf und fängt noch einige Barsche zum Abendessen. Auch in dieser Nacht summen uns viele großen Mücken, die außen auf unseren Moskitonetzen sitzen, wieder in den Schlaf.

Diring-Jurjah: Wohnort der ersten Urmenschen – eine Hängepartie

26.07. / 27.07.

Am Montag fahren wir mit unserem Flussschiff, der "Buotama", die Lena aufwärts nach Diring-Jurjah. Nach zwei Stunden Fahrt werden wir direkt am Strand unterhalb eines 200 Meter hohen Hügels abgesetzt. Da es zu nieseln anfängt, bauen wir sofort unsere Zelte auf, sichern unsere Lebensmittel mit einer großen, an den Rändern mit Steinen beschwerten Plastikplane gegen Regen und suchen Feuerholz.

Dann beginnen wir mit dem Kapitän der "Buotama" den Aufstieg zu den archäologischen Fundstellen oben auf dem Hügel über der Lena. Wir klettern den Hang zur Ausgrabungsstätte Diring-Jurjah mit etwa 50 Prozent Steigung empor, bis wir in einer Höhe von 100 Meter über der Lena auf ein kleines Plateau stoßen. Hier befindet sich wieder ein Schamanenbaum, unter dem auch Zehnender-Geweihe von Hirschen geopfert wurden. Wir legen Kopekenstücke und andere Dinge am Baum nieder.

Unser Kapitän wohnt am gegenüberliegenden Ufer der Lena und hat den Beginn der Ausgrabungen 1982 selbst miterlebt. Er berichtet uns von der Wette einiger Einheimischer, die einen Preis für jenen Traktor-Fahrer auslobten, der diesen steilen Abhang unbeschadet hinunterfahren könnte. Stolz erzählt er, dass ein Fahrer es geschafft hat, indem er mit einer vorgespannten Schaufel zusätzlich abgebremst hat. Den Anstoß zu dieser Ausgrabung haben Jäger der umliegenden Orte gegeben, berichtet er. Sie haben in der Taiga viel Wild erlegt und wollten an diesem Abhang einen Teil des Wildes auf Permafrostboden für später zurücklassen. Als sie nun hier gruben, fanden sie alte menschliche Skelette. Da es sich bei dieser Anhöhe um einen mit Dünensand und Erde überwehten Hügel aus Kalkstein handelt, konnten sich die ebenfalls kalkhaltigen Skelette hier sehr lange halten. Übrigens ist es bei Moorleichen umgekehrt. Bei ihnen löst sich das Skelett auf und nur die äußere Hülle, z.B. Haare und Haut, bleiben erhalten.

Wie alt sind die Steinwerkzeuge wirklich?

Bei den folgenden archäologischen Ausgrabungen fand man Werkzeuge und Waffen aus ganz unterschiedlichen Menschheitsepochen. Am umstrittensten ist bis heute die Datierung von Steinwerkzeugen und Waffen in Diring-Jurjah, die man so zuvor nur in Kenia, Tansania oder Äthiopien gefunden hatte. Der Leiter der Ausgrabung, Herr Prof. Dr. Motschanow, datiert diese Steinwerkzeuge auf ein Alter von ca. 1,8 bis 2,5 Millionen Jahre. Zur Datierung werden Interpretationen der Steinbearbeitung und Vergleiche mit anderen Fundstücken herangezogen. Die einzige naturwissenschaftlich exakte Methode ist die Datierung der Erde, in der die Steinwerkzeuge gefunden wurden. Diese ergab ein Alter von 300.000 Jahren. Doch damit ist die Frage nach dem Alter noch nicht beantwortet.

Die gefundenen Steinwerkzeuge sind alle Teil einer Hangablagerung, in der sich Erdmassen verschiedenen Alters im Laufe der Jahrtausende mischten. Ob der Urmensch an verschiedenen Stellen der Erde entstand, unter anderem in Sibirien, wird man eindeutig erst wissen, wenn man einen weiteren Fundort in einer Ebene mit nur geringen Erdbewegungen ausgemacht hat.

Wir besichtigen die riesige Ausgrabungsfläche und sehen den aufgehäuften Sand. 150.000 Kubikmeter Sand haben die Archäologen bewegt und Hochsitze in den Bäumen des Grabungsgebietes angelegt. Sogar den Vorratskeller der Archäologen finden wir. Es ist ein circa 2,80 Meter tiefes, gut ausgeschaltes Loch, das bis zum Permafrost hinunter reicht.

Wir suchen auf dem Grabungsfeld, auf dem sehr viele Feuersteine liegen, nach Speerspitzen und Steinwerkzeugen. Für den Laien sind bearbeitete Speerspitzen schwer von zufällig ähnlich geformten Steinen kaum zu unterscheiden. Wir finden Kratzer von Feuersteineb, mit denen man die Felle von Tieren von innen gesäubert hat. Aber wir können nicht eindeutig sagen, ob es Urmenschen waren, die diese bearbeitet haben.

Im leicht einsetzenden Regen klettern wir wieder den Abhang hinunter, es ist Zeit zum Abendessen. Am Ufer bauen wir unsere Feuerstelle auf, hängen an einen langen, über einen Baumstamm gelegten Ast zwei Eimer mit Lenawasser über das Feuer und schälen Kartoffeln. Der Regen wird immer stärker und schließlich ist unser Küchendienst bis auf die Haut durchnässt. Also essen wir unsere Mahlzeit bei strömendem Regen im Zelt. Gegen Mitternacht hört der Regen endlich auf und wir hängen unsere nassen Sachen auf Stöcken am Feuer zum Trocknen auf.

Wir wickeln uns in unsere Schlafsäcke ein - es wird kalt in dieser Nacht. Die Temperatur liegt nur im einstelligen Bereich. Wir sind froh darüber, direkt am Strand auf unseren Iso-Matten zu schlafen, wo der Permafrostboden wegen der Lena unterbrochen ist. Morgen müssen wir wieder packen. Dann geht es mit der "Buotama" acht Stunden flussaufwärts zu den Lena-Felsen.


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