HOME

Sprachentwicklung: Wortwart auf Wortjagd

Als sich der Barbie-Klon in eine Babyholikerin verwandeln will, scheitert der aufgegockelte Testosteronbrutalo im Beziehungs-Elchtest. Noch Fragen? "Wortwart" Lothar Lemnitzer weiß Antwort, denn er sammelt neue Worte.

Um das zu vermeiden, hätte der Egosurfer mit Unterleibsturbo vielleicht mehr in weiche Werte wie Chatiquette und Essthetik investieren oder zumindest seinen Prickelfaktor in Sachen Wortschatz aufpushen sollen. Bei der "Wortwarte" des Tübinger Linguisten Lothar Lemnitzer hätte er dazu Gelegenheit gehabt. Seit fünf Jahren sammelt der Sprachforscher neue Wörter - auch im Dienste der Wissenschaft.

Eine Software durchkämmt das Internet nach neuen Worten

Eine an Lemnitzers Institut entwickelte Software durchkämmt jeden Tag das Online-Angebot zahlreicher deutscher Medien. Von den insgesamt rund eine Million dabei erfassten Wörtern, spuckt das Programm am Tag rund 2000 bis 3000 unbekannte aus. "Die gehe ich dann händisch durch", sagt Lemnitzer. Neben zahlreichen Tippfehlern sind meist ein Dutzend neue Wörter sind dabei, die er auf seiner Internetseite www.wortwarte.de veröffentlicht.

Der Boah-geil-ey-Faktor angesichts von Begriffen wie Pattex- Kanzler, Bierdeckelsteuer, Eurodermitis, Hartz-IV-Simulant oder Mentaliban stellt sich nur gelegentlich ein. Den solch sprachliches Polittainment ist deutlich seltener als Phisher (Bankpasswort-Dieb) und Grabber (Domain-Klauer), sprich Wörter aus den Bereichen Internet und Telekommunikation. "Handy-Tarifmodelle sind eine besonders ergiebige Quelle für neue Wörter", sagt Lemnitzer. Gerade bei ihnen häufen sich "verdenglischte" Wörter (Anglizismen). Anleihen aus anderen Sprachen sind selten, zu den wenigen Beispielen gehören "Kanax-brack" für gerade noch verständliches Türk-Deutsch oder der aus Frankreich übernommene "Bo-Bo" für den bourgeoisen Bohemien.

Simsen wird bleiben

Begriffe wie Simsen für SMS verschicken oder Podcasting für das Angebot einer Art privaten Radioshow im Internet werden sich nach Lemnitzers Überzeugung im Sprachgebrauch durchsetzen. Hingegen sind Wörter wie M-Commerce für den Handel via Handy oder Dotflopp für gescheiterte Internetfirmen zu sehr mit ihrer Zeit verbunden und daher wohl bald ebenso vergessen wie Bohlens Teppichluder oder der Milleniumstress. "Die Wortwarte ist zwar eine schöne Sache, aber für die wissenschaftliche Forschung nur von begrenztem Nutze, weil zu viele Wörter darunter sind, die nur einmal und dann nie wieder auftauchen", kritisiert Doris Steffens vom Mannheimer Institut für Deutsche Sprache. Das kümmert Lemnitzer wenig. "Die Eintagsfliegen sind doch oft die schönsten unter den Wortspielereien."

Für seine Nutzer definiert Lemnitzer weder selbst, was ein Standarddummchen, ein Körbchengrößendiskutierer oder ein Edelrentner ist, noch wie man sich die Caffè-latte-Generation, Fußumpuschelung oder den Antiterrorrabatt vorzustellen hat. Um einer Nörgelspirale entnervter Leser aber vorzubeugen, führt ein Link zu den Textpassagen im Internet, aus denen sich dann ergibt, dass verpusemantuckeln so etwas wie essen sein muss und ein Papier-Spammer wohl unerwünschte Werbebriefe verschickt.

Rund 20.000 oft gefundene Wörter hat Lemnitzer bereits auf seiner Seite gesammelt, und das nicht nur, um etwa über den "Kukucksfaktor" fremd gehender Frauen zu schmunzeln. "Das Projekt ist Teil der Forschung an texttechnologischen Methoden", sagt der Wissenschaftler. Mit Hilfe der Wortlisten sollen typische Wortreihungen erarbeitet werden, die wiederum von Computerprogrammen verwendet werden, um aus Texten Zusammenfassungen zu generieren. "Das Finden von relevanten Textstücken funktioniert heute schon ganz gut."

Arno Schütze/DPA