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Steinzeitmensch: Auf Ötzis Spur über die Alpen

Forscher haben eine Handelsroute rekonstruiert, auf der womöglich auch der berühmte Steinzeitmann die Berge durchquert hat - und als Reisender in Sachen Kupfer einen gewaltsamen Tod fand.

Wahrscheinlich war es ein Mord aus dem Hinterhalt. Der Pfeil durchschlug das linke Schulterblatt des Opfers. Die Spitze, die kurz vor der Lunge stecken blieb, zerfetzte lebenswichtige Blutgefäße. Und schon ein bis zwei Tage zuvor muss ein heftiger Kampf stattgefunden haben. Denn die Hände zeigen tiefe Schnittwunden, die zum Zeitpunkt des Todes noch nicht verheilt waren. Wunden, wie sie entstehen, wenn jemand verzweifelt mit bloßen Händen den Angriff mit einem Messer abwehrt. Im Gesicht glauben Pathologen einen Bluterguss zu erkennen. Computerbilder offenbaren einen Defekt, wie er nach einem schweren Schlag auf den Kopf auftreten kann.

Die Leiche des etwa 45 Jahre alten und rund 1,60 Meter großen Mannes, den das abschmelzende Eis nahe des Hauslabjochs zwischen Österreich und Südtirol vor 15 Jahren freigab, ist eine der bestuntersuchten der Welt. Aber bis heute sind Forscher nicht sicher, wer der namenlose Geschundene gewesen sein könnte, den bald jeder "Ötzi" nannte. Ein Hirte oder Händler, vor rund 5350 Jahren hinterrücks überfallen? Ein Tyrann, vertrieben von der Familie und schließlich gemeuchelt?

Bis ins Detail werden sich die Umstände der Bluttat niemals klären lassen, doch in den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete Indizien gesammelt, die besonders eine der vielen Thesen erhärten. Vor allem Feuersteine - neben Holz das wichtigste Werkzeugmaterial der Steinzeit - haben ihnen den Weg gewiesen.

Dichtes Handels- und Wegenetz

Einer der Forscher ist der deutsche Geoarchäologe Alexander Binsteiner. Jahrelang durchstreifte er Voralpen und Alpen auf der Suche nach Feuersteinbergwerken. Mit genauer Kenntnis der geologischen Verhältnisse und dem richtigen Riecher gelang es ihm, über 50 solcher Lagerstätten zu erkunden, darunter zwei der größten Feuersteinbergwerke in Europa, Baiersdorf im Altmühltal und Arnhofen bei Kehlheim mit rund 20.000 Gruben und Schachtanlagen, die teilweise bis in eine Tiefe von acht Meter reichen.

Wo der Laie nur schlichte Steinwerkzeuge oder Rohlinge mit gesprenkelter Oberfläche sieht, entdeckt Binsteiner Einschlüsse von Schalenresten bestimmter Muscheln, von Stachelhäuternadeln, von Pflanzenüberresten oder Körperhüllen winziger Rädertierchen, sogenannter Radiolarien. "An jeder Fundstelle", erklärt Binsteiner, "weisen die Steine eine charakteristische Zusammensetzung an bestimmten Einschlüssen auf, oder sie lassen sich anhand der Farbe oder durch bestimmte Schichtungsmuster unterscheiden."

Solche Herkunftsanalysen untermauern die Ergebnisse früherer Forschungen, die ebenfalls zeigten, dass die Gegenden nördlich und südlich der Alpen bereits in der Jungsteinzeit (in Mitteleuropa etwa die Zeit von 6000 bis 2000 v. Chr.) über ein dichtes Handels- und Wegenetz miteinander verbunden waren. Sicheln aus Baiersdorfer Plattenhornstein waren damals ein Exportschlager, und an vielen Stellen nördlich der Alpen sind die besonders sorgfältig gearbeiteten langen, schmalen Messer und Schneiden aus Rohmaterial von den Lessinischen Bergen östlich des Gardasees zu finden.

Umfrangreiche Warenlisten

Die Zeitgenossen Ötzis im 4. Jahrtausend v. Chr. tauschten Waren und Wissen von Slowenien bis zu den westschweizerischen Seen, vom Bodensee bis nach Norditalien, sogar von Frankreich bis nach Ungarn - eine Art "Steinzeit-EU". Sie lebten in Pfahlbausiedlungen an den Ufern der großen Seen und Flüsse oder im Hügelland des Alpenrandes. Sie waren Jäger, Fischer, Bauern und einige offenbar auch agile Händler, die sich nicht scheuten, Alpenpässe und Gletscher zu überqueren, um ihren Geschäften nachzugehen.

"Wie umfangreich die Warenlisten waren", sagt Alexander Binsteiner, "können wir nur ahnen: An erster Stelle standen sicherlich Feuerstein und Salz, hinzu kamen Schmucksteine und Muschelschalen, Gewürze, Früchte und Getreide sowie Kupfer als neuer wertvoller Werkstoff."

Auch der Schweizer Alpinarchäologe Urs Leuzinger hat keinen Zweifel, dass bereits zu jener Zeit "Jäger, Hirten und Händler, aber auch ganze Familien mit Hausrat und Vieh hochalpine Zonen regelmäßig und selbstverständlich nutzten und überquerten". Für einen Wanderer mit Erfahrung und guten Geländekenntnissen sei es trotz massiver Höhenunterschiede von Vorteil gewesen, den direktesten Weg über die Pässe zu nehmen. "In den engen, mit reißenden Flüssen durchzogenen Tälern", so Leuzinger, "war es oft wesentlich mühsamer, vorwärtszukommen."

Vermutlich stammt er aus dem Eisacktal

Eine Haupthandelsroute in Ötzis Welt führte nach den Erkenntnissen Binsteiners vom Gebiet östlich des Gardasees durch das Etsch- und Schnalstal über die Ötztaler Alpen, weiter durch das Ötz- und Inntal in das Chiemgauer und Salzburger Alpenvorland. Vieles spricht dafür, dass der Gletschermann diesen Weg gegangen ist und wahrscheinlich nicht nur einmal: Vermutlich stammt er aus dem Eisacktal nordöstlich von Bozen, wie ein australisch-amerikanisch-schweizerisches Forscherteam mithilfe einer chemischen Untersuchungsmethode ermittelte.

Seine Knochen wiesen die gleiche Isotopenverteilung auf wie Wasser- und Bodenproben aus diesem Gebiet. Der Rohstoff für die sechs Feuersteingeräte, die er bei sich trug, wurde aber gut 100 Kilometer weiter südlich in den Steinbrüchen der Lessinischen Berge abgebaut. "Das Kupfer für sein kunstvoll gearbeitetes Beil kommt allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit von der anderen Seite der Berge, aus den größten Kupferlagerstätten im Alpinen am Mitterberg im Salzburger Land", ist Binsteiner überzeugt. Denn die arsenhaltige Metallzusammensetzung sei typisch für den Kupferrohstoff, den die Menschen der Kultur, die sich damals rund um den Mondsee formiert hatte, verwendeten.

Steinzeitliches Technologiezentrum

Der Schlüssel zur Entdeckung der Handelsroute war für Alexander Binsteiner ein umfangreicher Materialfund aus einer Pfahlbausiedlung bei See am Mondsee. Jahrzehntelang verstaubten die rund 20.000 Objekte im Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Wien, bis sich Binsteiner vor kurzem zusammen mit dem Linzer Archäologen Erwin Ruprechtsberger und einer Gruppe von Wiener Studenten daranmachte, das Material auszuwerten.

Begeistert waren die Forscher vor allem, weil es zum einen vier Feuersteine enthielt, die eindeutig aus den Lessinischen Bergen bei Verona stammten, zum anderen, weil sie zahlreiche hoch entwickelte Geräte zur Kupferherstellung fanden. "Die Mondseekultur", vermutet Ruprechtsberger, "muss zu Ötzis Zeiten eines der Technologiezentren für Kupfergewinnung und -verarbeitung gewesen sein." Die von dort aus nach Süden durch die Alpen führende Route nennt Binsteiner denn auch die "Kupferstraße".

Arsen-Rückstände in den Haaren

War der Gletschermann also vielleicht ein Kupferprospektor - ein Fachmann, der für den Kupfernachschub von Nord nach Süd und für den Technologietransfer von Oberitalien in den nördlichen Alpenraum sorgte? Einiges spricht dafür, dass "Ötzi" intensiv mit Kupferverhüttung zu tun hatte: In den Lungen der mumifizierten Leiche fanden Wissenschaftler einen deutlich erhöhten Schwermetallgehalt, möglicherweise von den Produktionsabgasen. Die Haare bargen Rückstände von Arsen und Zink - Metalle, die im Kupfererz enthalten sind.

"Vielleicht hat er eine größere Handelskarawane begleitet oder angeführt", überlegt Alexander Binsteiner, "und ist bei einem Überfall von Wegelagerern ums Leben gekommen." Von Räubern, die es auf einen neuen, äußerst begehrten Rohstoff abgesehen hatten - das Kupfer.

Rüdiger Braun / print