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Stuttgarter Zoo: Entführter Pinguin in Lebensgefahr

Ein Pinguin ist aus dem Stuttgarter Zoo verschwunden. Die 30 Zentimeter kleine Babe wurde vermutlich am helllichten Tag von einem Besucher gestohlen. Mit Fahndungsplakaten wird nun nach dem Vogel gesucht. Denn Babe könnte der unfreiwillige Ausflug das Leben kosten.

Von Eva Wolfangel, Stuttgart

Dienstag, der 26. Februar: Morgens um 7.30 Uhr hatte Tierpfleger Gerhard Popp das vierjährige Pinguin-Weibchen wie üblich mit frischem Seefisch gefüttert. Um 14.30 Uhr, bei der zweiten Fütterung der 50 Pinguine, war "Babe" verschwunden.

"Es gibt keine andere schlüssige Erklärung, als dass Babe geklaut worden ist", sagt Günther Schleussner, Kurator und Vogelspezialist in der Wilhelma. Bisher gebe es aber keinen einzigen Hinweis eines Zoobesuchers. Die wahrscheinlichste Erklärung: Nach der morgendlichen Fütterung nähert sich ein Zoobesucher dem Gehege. Babe, die Neugierigste in der Stuttgarter Kolonie der Brillenpinguine, wackelt auf den Fremden zu, vielleicht springt sie ihm sogar auf den Schoß. Möglicherweise kommt der Besucher erst dann auf die Idee, den putzigen Vogel zu packen. "Ihre Zutraulichkeit wurde Babe zum Verhängnis", vermutet Schleussner. Deshalb habe sich das Tier wahrscheinlich nicht gewehrt, als der Besucher sie unter seine Jacke oder in einen Rucksack steckte. "Vielleicht hat sie gegen den Rucksack gehackt und versucht, ein Loch hinein zu picken", vermutet der Vogelexperte.

Fahndungsplakat: Trägt Frack, riecht streng nach Fisch

Inzwischen verbreiteten die "Stuttgarter Nachrichten" sogar ein Fahndungsplakat, das von Lesern in der ganzen Stadt plakatiert wurde. "Babe trägt stets einen Frack, fällt durch ein elegantes Erscheinungsbild auf, gilt als zutraulich und riecht streng nach Fisch", so der Steckbrief. Darüber das Bild eines Brillenpinguins mit seinem charakteristischen schwarz-weißen Kopfmuster. Viele Besucher der Wilhelma, vor allem Kinder, sorgen sich um die Pinguindame. Erst Recht, seit Babes Gefährte, Pinguinmännchen Fritzi, in der gemeinsamen Bruthöhle sitzt und lauthals klagend nach seiner Frau ruft.

Doch wie sucht man nach einem verschwundenen Brillenpinguin? Hinterhöfe, Böschungen und Gärten durchkämmen? Hoffnungslos, so lange es nicht die geringste Spur gibt, bekennt Polizeisprecherin Sybille Ahlborn. Es bleibe ihnen nur geduldiges Abwarten, bis es erste Hinweise auf "dieses arme Tierchen" gebe. "Der Pinguin ist kaum größer als eine Flasche Mineralwasser", sagt Ahlborn. "Es ist ein bisschen aussichtslos."

Pinguine verstecken sich nicht

Bleibt eine kleine Hoffnung: Hin und wieder machen die Pinguine des Stuttgarter Zoos kleine unerlaubte Ausflüge innerhalb der Wilhelma. Das war die spontane Vermutung des Pflegers, als Babe nicht zur Mittagsfütterung auftauchte. Meist werden sie dann im nächsten Gebüsch wieder gefunden. Aber die sofortige Durchsuchung des Zoogeländes blieb erfolglos. "Und niemand hat einen Pinguin gesehen, der durch eine der Drehtüren aus der Wilhelma geflüchtet ist", sagt Schleussner. Der wäre aufgefallen, denn die stolzen Tiere verstecken sich nicht. "Sie wäre erhobenen Hauptes hinaus marschiert."

Mit Tierdiebstählen hingegen hatte man es in der Wilhelma schon ein paar Mal zu tun. Einmal wurde eine wertvolle Schlange geklaut, ein Hundskopfschlinger aus dem Amazonienhaus, ein andermal fehlte ein Kakadu. Tiere, die einen Marktwert haben. "Das waren eindeutig geplante Diebstähle", sagt Schleussner. Für Pinguine hingegen gibt es keinen Schwarzmarkt, der Entführer wird Babe nicht verkaufen können.

In einer Privatwohnung wird Babe nicht überleben

Nun hoffen die Zoobetreiber, dass er sich besinnt und das Tier zurückbringt. Denn, da ist sich Zoologe Schleußner sicher: In einer Privatwohnung hat Babe keine Überlebenschance. "Pinguine zu halten ist sehr schwierig", erklärt der Experte. So ist es nicht mit Heringsfilet aus der Dose getan, wie manche Zeitgenossen glauben. Ein Pinguin braucht täglich fangfrischen Seewasserfisch, in Stücke geschnitten, "nicht zu groß und nicht zu klein". Auch Zugang zu frischem Wasser ist überlebenswichtig für Babe, deren Artgenossen an der Westküste von Südafrika leben. "Es genügt nicht, die heimische Badewanne einmal am Tag mit frischem Wasser zu füllen", warnt Schleussner.

Nicht zuletzt sind es die alltäglichen Keime einer Wohnung, die das Immunsystem des Pinguins angreifen werden, der weder Hausstaub noch Pilze kennt. All das kann ein Pinguin eventuell eine Woche lang überleben, weshalb der Zoo nach wie vor hofft, das Tier könne wieder auftauchen. "Man darf aber nicht vergessen, dass Babe auch unter sozialem Stress leidet", betont der Zoologe. Pinguine sind gesellige Vögel, allein und vor allem ohne ihren Partner dürfte sich Babe alles andere als wohl fühlen. Dieses geballte Zusammentreffen widriger Umstände könnte dem Brillenpinguin schnell den Tod bringen.

Babe und ihr Verlobter Fritzi sind gerade geschlechtsreif geworden. Derzeit ist Brutsaison, sie beginnt mit dem südafrikanischen Frühling im November. Obwohl die Vögel seit Generationen in deutschen Zoos leben, tickt ihre biologische Uhr auf Ortszeit Kapstadt. "Vielleicht hätte Babe sogar ein Ei zustande bekommen", sagt Schleußner.

Vielleicht hat das junge Pinguinpaar ja noch eine Chance. Sollte der Dieb auf die zahlreichen Aufrufe in der Presse und an den Litfass-Säulen reagieren, muss er nicht mit einem Strafverfahren rechnen. "Wenn einer mit einem verschnürten Pappkarton kommt, dann sagen wir: Stell ihn hin, wir schauen weg", verspricht Schleußner. Hauptsache, Babe ist wieder da.