Tierversuche Vergebliche Leiden


Forscher kritisieren die methodische Qualität vieler Tierversuche in der Medizin - Schlamperei und schlechte Planung können die Ergebnisse wertlos machen.

Langjährigen Protesten zum Trotz sind Experimente an Tieren in der medizinischen und biologischen Forschung Alltag: 2,2 Millionen Wirbeltiere wurden laut offizieller Statistik im Jahr 2002 allein in Deutschland für wissenschaftliche Versuche verwendet. Tierversuche sind gesetzlich gefordert - sie müssen durchgeführt worden sein, bevor eine klinische Studie an Menschen beginnen darf, um ein neues Arzneimittel zu prüfen.

Eine aktuelle Untersuchung kommt jetzt jedoch zu dem Ergebnis, dass viele Forscher nicht sorgfältig genug arbeiten, um das Leid der Tiere mit dem versprochenen Nutzen für die Menschheit rechtfertigen zu können: Die Ergebnisse vieler Experimente seien sogar unbrauchbar - wegen mangelhafter methodischer Qualität. So urteilt eine angloamerikanische Forschungsgruppe um den Londoner Professor Ian Roberts im angesehenen 'British Medical Journal'. Sie hat bereits abgeschlossene Arbeiten von Kollegen nochmals geprüft.

Schlamperei auf verschiedenen Ebenen

Dabei kam Schlamperei ans Licht: So war in mehreren Fällen bereits mit den klinischen Studien am Menschen begonnen worden, bevor die Tierversuche überhaupt ausgewertet waren. Andere Untersuchungen am Menschen begannen, obwohl sich am Tier ernste Risiken gezeigt hatten.

Tierexperimente können freilich nur dann eine sinnvolle Vorstufe für Studien an menschlichen Probanden sein, wenn sie verlässliche Daten geliefert haben - und diese müssen natürlich vor der Durchführung klinischer Versuche analysiert sein. Ansonsten sei diese Forschung komplett unnötig, so das Fazit der Wissenschaftler. Sie verlangen jetzt eine umfassende, systematische Untersuchung der aus Tierversuchen gewonnenen Erkenntnisse im Hinblick auf ihren tatsächlichen Nutzen für die Humanmedizin.

Experimente auf ein sinnvolles Minimu begrenzen

Verzichten wird die Wissenschaft auf Tierversuche nicht. Immerhin sind sich die Forscher mittlerweile weltweit einig, dass die Experimente auf ein sinnvolles Minimum begrenzt werden sollen. In einigen Bereichen wurden sie auch durch Methoden im Reagenzglas ersetzt: So werden augenreizende Chemikalien heute an bebrüteten Hühnereiern getestet - längst nicht mehr an den Augen von Kaninchen. Deutlich reduzieren ließe sich die Zahl der Versuche schon durch möglichst präzise Planung und exakte Auswertung. Denn oftmals muss ein Versuch wegen unbrauchbarer Daten wiederholt werden. Einige Experten fordern darüber hinaus, die Tiere sollten - genau wie menschliche Probanden - per Zufallsgenerator auf Vergleichsgruppen verteilt werden: Der Experimentator soll nicht wissen, ob er ihnen ein wirksames Medikament oder ein Placebo verabreicht. Das steigert die Aussagekraft seiner Ergebnisse und damit den Erkenntnisgewinn pro eingesetztem Tier.

Begrenzte Aussagekraft bei schlechter Planung

Ein Großteil der heute üblichen Experimente genügt derart strengen Anforderungen nicht: "Ich schätze, dass ein Viertel der Tierversuche in der Grundlagenforschung nicht optimal geplant wird, so dass die wissenschaftliche Aussagekraft hinterher begrenzt ist", schätzt Kay Brune, Stiftungsprofessor für Innovationen im Tier- und Verbraucherschutz an der Universität Erlangen. Die meisten Fehler passierten dort, wo es keine objektiven Messgrößen gebe, sondern dem Auge eines Betrachters vertraut werden müsse. Etwa bei der Entwicklung von Psychopharmaka: Forscher verabreichen Nagetieren Medikamente gegen menschliche Depression und beobachten, wie sich deren Verhalten ändert. Diese Veränderungen können komplex sein und vom Beobachter ausschließlich subjektiv wahrgenommen werden.

Forderung nach mehr methodischen Vorgaben

Im Vergleich zu klinischen Studien an Menschen sieht Lutz Edler, Biostatistiker am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, für Tierversuche zu wenig methodische Vorgaben. Er vermisst eine Sorgfaltsverpflichtung, wie sie der Weltärztebund zum Umgang mit menschlichen Probanden aufgestellt hat: "Wir haben für die klinischen Studien die Deklaration von Helsinki, die sicher als ein Segen zu bezeichnen ist. Eine entsprechende internationale Vereinbarung gibt es für das Tierexperiment nicht."

Zwar existieren Richtlinien, und eine "International Conference on Harmonisation" in Genf definiert seit Jahren weltweite Standards für die Erprobung von Arzneimitteln. Doch verbindlich sind diese Regeln nur dann, wenn ein Unternehmen die Zulassung für ein Medikament beantragt hat und dafür die vorgeschriebenen Tests machen muss. Der Bereich außerhalb der Prüfverfahren ist nicht betroffen. In Deutschland ist man dementsprechend, amtlich betrachtet, bisher mit der Qualität zumindest von Arznei-Zulassungsstudien recht zufrieden: "In weniger als fünf Prozent der zulassungsrelevanten Tierstudien finden sich so grobe Mängel, dass die Fehler die wissenschaftliche Interpretation einschränken", erklärt Harald Enzmann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, der deutschen Zulassungsbehörde für Medikamente.

Eleonore v. Bothmer/ Nicole Heißmann print

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