Überraschungsfund Die Alien-Ameise vom Amazonas


Das fahle Insekt mit langen Greifzangen wirkt so fremd, dass Biologen sie als "Ameise vom Mars" bezeichnen: Im Amazonas-Dschungel haben deutsche Forscher eine blinde Ameisenart gefunden. Die Entdeckung war ein Wissenschaftskrimi.

Christian Rabeling entdeckte das bisher einzige, nur drei Millimeter lange Exemplar einer neuen, räuberischen Ameisenart im Amazonasgebiet. Fünf Jahre zuvor hatte sein Kollege Manfred Verhaagh, Insektenkundler in Karlsruhe, schon einmal zwei Exemplare in einer Bodenprobe gefunden - aber diese wurden zerstört. Nun, zum glücklichen Ende der doppelten Entdeckungsgeschichte, beschreiben beide Forscher die neue Art "Martialis heureka" im Wissenschaftsmagazin "PNAS".

Der aus dem griechischen entlehnte Artname illustriert die Fremdartigkeit - martialis heißt "vom Mars kommend" oder "zum Mars gehörend". Heureka steht für "Ich hab's gefunden!", und das gilt im doppelten Wortsinn: Verhaagh hatte vor seinem Kollegen zwei Exemplare der Tiere im Amazonas-Tiefland entdeckt. Sie trockneten allerdings aus und klebten in ihrem Glasröhrchen fest. Beim Rettungsversuch im Labor eines Kollegen sollten die Tiere durch ein Ultraschallbad wieder freikommen. Leider zerlegten sie sich dabei in feine Ameisenbrösel. "Dass überhaupt ein weiteres Exemplar gefunden wurde, war wie ein Lotto-Treffer", sagt Verhaagh. Die drei Millimeter kleinen Insekten sind im Erdboden kaum zu finden.

Erbgut aus dem rechten Vorderbein

Das Tier, der sogenannte Holotyp, wird heute im Museum für Zoologie der Universität São Paulo verwahrt. Die genetische Analyse des augenlosen Weibchens - es gehört zur Kaste der sterilen Arbeiterinnen - erforderte Feingefühl: Das rechte Vorderbein wurde entfernt, um die DNA daraus zu extrahieren. Die daran befindlichen Muskeln versprachen noch am ehesten Erfolg, berichtet Verhaagh.

Aus der DNS ließ sich die Abfolge von drei Genabschnitten lesen, um sie mit jenen von anderen Ameisen zu vergleichen. Zusammen mit dem Körperbau ergaben sich daraus so viele Unterschiede, dass das neue Insekt nun - alleine - in die neue, 21. Unterfamilie der Ameisen einsortiert wurde. Es ist seit 85 Jahren die erste neue Unterfamilie, die für lebende Ameisen geschaffen werden musste.

Über Lebensweise und Verhalten der blinden Ameisen im lehmigen Untergrund ist wenig bekannt, aber sie krabbeln vermutlich unter dem Laub und in verrottendem Holz, etwa hohlen Wurzeln. Vielleicht kommen sie im Schutz der Dunkelheit auch zum Fressen ins Freie. Die langen, filigranen und pinzettenartigen Mundwerkzeuge - sie sind im Reich der Ameisen ebenfalls ohne Beispiel - könnten zum Herausziehen weicher Beute-Organismen wie Insektenlarven oder Würmern aus deren Behausungen dienen, spekulieren die Forscher.

Spezialisiert auf ein Leben im Untergrund

Rabeling und Verhaagh gehen - zusammen mit ihrem Co-Autor Jeremy Brown von der University of Texas - davon aus, mit der "Marsianerin" einen besonders urtümlichen Nachfahren der ersten Ameisen aus dem Laub gezogen zu haben. Diese Gruppe gibt es vermutlich bereits seit mehr als 120 Millionen Jahren, entwickelt haben sie sich aus wespenartigen Vorfahren. Einige Ameisen spezialisierten sich aufs Leben im dunklen Untergrund, sparten sich fortan Pigmente und Augen - und überlebten bis heute.

Vermutlich, so erklärt Rabeling, hätten sie im Boden wenige Feinde, außerdem habe sich dort über lange Zeit ein stabiles Klima gehalten. Auf diese Weise konnte diese Reliktart viele besonders alte Eigenschaften bewahren. Diese neue deutet auf eine Vielzahl ähnlicher Arten im Untergrund der Regenwälder hin, folgern die Forscher, die mit weiteren Entdeckungen rechnen. Nächtliche Suchgänge im Laub und unterirdische Fallen könnten dabei helfen.

Thilo Resenhoeft/DPA DPA

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