Pestizid-Weintrauben "Der Verkauf grenzt an Kriminalität"


Weintrauben aus deutschen Supermärkten enthalten gesundheitsgefährdende Mengen an Pestiziden, warnt Greenpeace. "Der Verkauf solcher Früchte grenzt an Kriminalität", sagte ein Sprecher. Das Verbraucherministerium geht dem Fall nach.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat vor dem Verzehr gespritzter Weintrauben aus deutschen Supermärkten gewarnt. In zahlreichen Proben seien nicht nur die Grenzwerte für Pestizidbelastungen überschritten worden, sondern in elf von insgesamt 77 Proben auch die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegte akute Referenzdosis (ARfD), sagte ein Greenpeace-Sprecher am Freitag. Der ARfD-Wert beschreibt die Menge einer Substanz, die man über die Nahrung innerhalb eines Tages oder mit einer Mahlzeit aufnehmen kann, ohne dass daraus ein erkennbares Gesundheitsrisiko resultiert.

"Nie zuvor fand Greenpeace derart gefährliche Giftmengen im Obst", sagte Greenpeace-Chemieexperte Manfred Krautter. "Der Verkauf solcher Früchte grenzt an Kriminalität." Mehrere Proben hätten viermal so viele Pestizide enthalten, wie laut ARfD-Wert erlaubt. In solchen Fällen würden schon vier Trauben ausreichen, um das Hormon- oder Nervensystem eines zwölf Kilogramm schweren Kindes zu schädigen, warnte Greenpeace. Betroffen sind nach Angaben der Umweltorganisation Märkte von Edeka, Lidl, Metro, Rewe und Tengelmann in Berlin, Dortmund, Dresden, Frankfurt, Köln, Mannheim, München und Stuttgart.

Verbraucherministerium wird aktiv

"Wenn die Messungen von Greenpeace richtig sind, sind diese Grenzwertüberschreitungen überhaupt nicht akzeptabel. Solches Obst gehört nicht auf den Markt", sagte Alexander Müller, Staatssekretär im Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, gegenüber stern.de. Das Ministerium habe deshalb die Bundesländer aufgefordert, aktuelle Proben zu ziehen. Sollten sich die Belastungen bestätigen, müssten die Länder dafür sorgen, dass die Trauben aus dem Handel genommen würden.

Darüber hinaus habe man das Bundesinstitut für Risikobewertung beauftragt zu prüfen, ob der Verzehr der belasteten Früchte wirklich so dramatische gesundheitliche Folgen für Kinder habe, wie Greenpeace dies darstelle, sagte Müller: "Denn wenn das so ist, besteht akuter Handlungsbedarf."

Bis zu 18 unterschiedliche Schadstoffe

Greenpeace meldete außerdem, in den untersuchten Proben seien bis zu 18 Pestizide gleichzeitig nachgewiesen geworden. Somit bestehe die Möglichkeit, dass sich die Chemikalien gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken. Am häufigsten wurden das Insektenvernichtungsmittel Lambda-Cyhalothrin und das in Deutschland nicht zugelassene, hormonell wirksame Pilzbekämpfungsmittel Procymidon gefunden. Auch in einer von 84 Pfirsich- und Nektarinenproben hat Greenpeace eine Überschreitung des ARfD-Wertes gemessen, hieß es. Die Früchte stammten aus der Türkei und Italien.

Greenpeace erstattete Anzeige gegen die Supermarktketten wegen des Verkaufs gesundheitsgefährdender Lebensmittel. Bei Edeka und Rewe hieß es, man werde die Ergebnisse der Studie prüfen, werde aber vorerst Weintrauben aus den betreffenden Regionen weiterhin anbieten. Die anderen Supermarktketten waren nicht mehr für eine Stellungnahme zu erreichen.

Angelika Unger (mit dpa)

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