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Positives Denken kann lähmen: Je schöner Sie träumen, desto weniger wird wahr

Positiv zu denken bringt uns nicht in jedem Fall weiter. Vielmehr hindert uns der Traum von einer schöneren Zukunft manchmal sogar daran, die angestrebten Ziele tatsächlich zu erreichen.

Von Antje Brunnabend

Was man in Zukunft nicht alles sein will: Schöner, größer, reicher, erfolgreicher. Doch wer sich seine Ziele zu schön ausmalt, wird sie vermutlich nie erreichen.

Was man in Zukunft nicht alles sein will: Schöner, größer, reicher, erfolgreicher. Doch wer sich seine Ziele zu schön ausmalt, wird sie vermutlich nie erreichen.

Als "Debbie Downer" bezeichnen die Amerikaner Leute, die andere mit ihren Bedenken runterziehen. Die Figur Debbie Downer trat in der TV-Show "Saturday Night Live" auf, wo sie jegliche Begeisterung mit schwarzseherischen Bemerkungen erstickte. Untermalt wurden ihre Kommentare mit einem traurigen Posaunentröten. Ich habe mir das angeschaut, nachdem mich eine Kollegin scherzhaft ermahnt hatte, in Konferenzen nicht immer die Debbie Downer zu geben. Mit Bedenkenträgerei macht man sich ja nicht so beliebt.

Nach der Lektüre des neuen Buchs "Rethinking Positive Thinking" aber bin ich fast geneigt, den Namen als Ehrentitel zu betrachten. Die Autorin Gabriele Oettingen war einst als Stipendiatin in die USA gegangen und hatte sich gefragt, ob das dort verbreitete, quasi obligatorische positive Denken wirklich immer nur nützlich ist. Nach gut 20 Jahren Forschung in den USA und Hamburg hat die Psychologieprofessorin eine Antwort gefunden: Ist es nicht.

Sicher, es gibt Studien darüber, dass Optimismus etwa die Heilung beschleunigt. Und dass positive Erwartungen den Erfolg befördern, sah auch Oettingen in ihren Experimenten bestätigt. Anders sieht es allerdings mit #link;http://www.stern.de/wissen/mensch/gute-vorsaetze-fuers-neue-jahr-so-erreichen-sie-ihre-ziele-1636555.html;positiven Zukunftsfantasien# aus.

Je bunter die Träume, desto blasser die Realität

Oettingen bat abnehmwillige Frauen, sich auszumalen, wie sie die geplante Diät erfolgreich hinter sich gebracht hatten und in ihre Wunschkleidergröße passten. Eine andere Gruppe sollte sich Situationen vorstellen, in denen sie wahrscheinlich Schwierigkeiten haben würden, sich an ihre Diät zu halten. Ein Jahr später untersuchte sie die Frauen wieder – und war verblüfft: Je mehr die Frauen in Szenarien von einer schlanken Zukunft geschwelgt hatten, desto weniger hatten sie abgenommen. Seither haben Oettingen und ihre Kollegen zahlreiche ähnliche Experimente durchgeführt: an Schülern, die bessere Noten wollten; Studenten, die einen Job oder einen Partner suchten; Patienten, die nach einer Hüft-OP schnell wieder auf die Beine kommen wollten. Das Ergebnis war überall gleich: Schöne Zukunftsfantasien trugen nicht dazu bei, das ersehnte Ziel zu erreichen - im Gegenteil.

Aber warum? Was ist faul an solchen rosa gefärbten Tagträumen? "Sie gaukeln uns vor, dass wir das erwünschte Ziel bereits erreicht haben, sodass die Bereitschaft erlahmt, etwas dafür zu tun", sagt Oettingen. Tagträumereien, fand sie heraus, wirken entspannend. Sie lassen den Blutdruck und den Energiepegel sinken. "In auswegloser Lage kann das eine Form der Bewältigung sein", sagt sie. "Aber wenn es darum geht, ein konkretes Vorhaben zu verwirklichen, ist Entspannung nicht das, was Sie brauchen."

Was aber führt zum Erfolg? Ein Weg, den Oettingen "mentales Kontrastieren" nennt: sich erst das Ziel in den schönsten Farben ausmalen; und sich dann die Hindernisse vor Augen führen, die einen davon abhalten könnten. Auf diese Weise verknüpfen wir die Vision mit den realen Schwierigkeiten und entwickeln die nötige Tatkraft.

Der Glaube an die Macht des positiven Denkens sollte also überdacht werden – zumal er womöglich handfeste Nachteile für die Gesellschaft hat. Als die Forscher nämlich die Wirtschaftsseiten der Zeitung "USA Today" und die Antrittsreden aller amerikanischen Präsidenten analysierten, stellten sie einen Zusammenhang fest, der stutzig macht: Je strahlender die Zukunft ausgemalt wurde, desto stärker ging es in den folgenden Monaten mit der Wirtschaft bergab. Wir Debbie Downers werden anscheinend gebraucht.

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