Muhammad Yunus Ein Banker für den Frieden


Für seine Vergabe von Kleinstkrediten an Arme nahm der Bankier Mohammed Yunus aus Bangladesch heute den Friedensnobelpreis in Empfang. Im Interview mit dem stern spricht er über seine ungewöhnliche Grameen-Bank, die Macht der Hoffnung und die Welt jenseits des Profitstrebens.

Herr Yunus. Was ist das Geheimnis Ihrer Bank, die es geschafft hat, in Bangladesch Millionen Leben zu verändern?

Die anderen haben immer das große Bankensystem auf niedrigerem Niveau zu imitieren versucht - es waren zwar kleine Kredite, aber alles andere blieb gleich. Die Bank wollte Sicherheiten, Erfahrung, Ausbildung. Wir haben das ganze System auf den Kopf gestellt. Konventionelle Banken geben den Reichen - je mehr du hast, desto mehr kannst du bekommen. Wir geben den Armen - je weniger du hast, desto schneller wirst du bei uns angenommen. Die normalen Banken geben Männern, wir konzentrieren uns auf Frauen; sie wollen, dass du in ihre Büros kommst, wir gehen in die Dörfer; sie wollen erfahrene Geschäftsleute, wir beraten gerade die, die nichts über Wirtschaft wissen. Und das Wichtigste: Normalerweise musst du sehr reich sein, um eine Bank zu besitzen. Grameen-Bank gehört den Armen. 94 Prozent der Bankanteile gehören Dorfbewohnern.

Sind Sie also mehr Entwicklungshelfer als Bankvorstand?

Wir leisten keine Entwicklungshilfe. Es ist vielmehr so, dass die Bankhäuser, die jeder kennt, viel weniger sind als Geldinstitute für die Menschen. Wir wollen ebenfalls Geschäfte machen. Aber wir wollen auch ein Umfeld schaffen, das für Geschäfte aufgeschlossen ist. Es ist wichtig, dass wir schon früh profitabel waren - aber der Unterschied liegt in der Motivation. Wir haben nicht begonnen, weil wir Gewinne machen wollten, sondern weil wir die Wirtschaft, die Gesellschaft insgesamt voranbringen wollen. Wir sind eine Bank für alle Menschen.

Was macht Sie am Erfolg der Grameen-Bank besonders stolz?

Großartig ist die erste Generation der Kinder von Grameen-Kunden, die jetzt auf Universitäten gehen. Das ist einfach etwas Großartiges. Wir haben eine große Mehrheit weiblicher Kreditnehmer, und fast alle davon sind Analphabetinnen. Aber deren Kinder gehen zu 100 Prozent zur Schule, und die meisten wollen danach auf die Uni gehen. Also haben wir gleich ein neues Produkt entwickelt: Wir finanzieren bereits über zehntausend Studentenkredite.

Gibt es denn überhaupt genug Jobs für diese Kinder, deren Eltern immer noch auf dem Land leben?

Einige der Studenten kommen zu mir und sagen: Du hast so viel für uns getan - jetzt besorg uns auch einen Job, damit wir dir unsere Kredite zurückzahlen können. Da steuere ich sofort dagegen. Ich sage ihnen: Schaut, ihr seid Grameen-Kinder. Ihr müsst morgens aufstehen und in den Spiegel schauen und sagen: "Ich werde niemals nach einer Arbeit fragen. Ich werde Arbeit schaffen." Denn es gibt einen Unterschied zwischen anderen Kindern und euch. Die Eltern der anderen haben keine Bank. Aber eurer Mutter gehört eine Bank. Euer Problem ist nicht, Geld zu beschaffen. Euer Problem ist es, eine Idee zu finden. Das ist eure Aufgabe. Und wenn euch nichts einfällt, dann solltet ihr euch überlegen: Eure Mutter kann nicht lesen und schreiben, hatte keinen Job und keine Ausbildung. Sie bekam einen Kredit der Grameen-Bank und hat damit Hühner gekauft oder eine Kuh aufgezogen und mit dem Gewinn euch in die Schule geschickt. Was wollt ihr mit einer Ausbildung, wenn ihr danach nicht mit eurer Mutter gleichziehen könnt?

Gibt es kein Überangebot in den Dörfern, beispielsweise, weil jetzt plötzlich viele Bewohner Straßenhändler geworden sind?

Wer so denkt, versteht Wirtschaft nicht. Wenn jemand mit Handel anfängt und der Laden läuft, braucht er einen Produzenten, der ihm mehr Ware liefert. Also findet sich jemand, der die zusätzlichen Eier produziert oder die Milch, weil damit Geld gemacht werden kann. Die Dorfbewohner verstehen diese Mechanismen sehr schnell. Ihre Armut entsteht nicht, weil sie nicht wirtschaftlich denken können. Das Leben der Armen besteht aus einer Kette von Enttäuschungen. Das prägt. Wenn es plötzlich eine Hoffnung gibt, einen Erfolg, verändert sich das ganze Denken. Von diesem Gefühl wollen sie mehr, es ist sehr berauschend. Und vor allem: Sie sind selbst verantwortlich, sie sitzen hinter dem Lenkrad. Die Bank hat ihnen einen Kredit gegeben, keine milde Gabe. Du bist für deinen eigenen Erfolg verantwortlich. Das ist, denke ich, auch ein Modell für entwickelte Länder: Ich würde nicht alle Unterstützung einfach monatlich auszahlen. Ich würde den Menschen Kredite anbieten - und dann müssen sie selber nachdenken, was sie damit machen wollen.

Die Mikrokredite haben die ganze Wirtschaft Bangladeschs verändert. Was macht sie so erfolgreich?

Wir definieren Kapitalismus viel zu eng. Profitmaximierung scheint das einzige Ziel zu sein, das wir kennen. Aber du kannst auch Geschäfte für die Menschen machen, nicht nur für den Profit. Das ist ein genauso gutes Geschäft. Wir haben ganz bewusst eine Art "Hochsprudel-Wirtschaft" geschaffen, im Gegensatz zur bekannteren "Heruntertröpfel-Wirtschaft". Letztere braucht viel Geld, um zum Beispiel Fabriken zu bauen. Dorthin ziehen die Arbeiter, ganze Regionen werden abhängig von dieser einen Job-Maschine, die aus den Dörfern die fähigen Menschen abzieht. Bei diesem System kommt nur sehr wenig Positives bei den Menschen vor Ort an. Wir dagegen schaffen Selbstständige, die dort arbeiten, wo sie leben, und in ihrer großen Zahl eine ganze Region voranbringen können.

97 Prozent Ihrer Kunden sind Frauen, warum konzentrieren Sie sich so stark auf die weibliche Bevölkerung?

Erst als wir mit unseren Krediten vor allem Frauen erreicht haben, hat sich der Wandel wirklich vollzogen. Ich brauchte sechs Jahre, bis über die Hälfte meiner Kreditnehmer weiblich waren. Frauen sind die besseren Schuldner. Die sind gewohnt, mit wenigen Ressourcen auszukommen, und vollbringen mit kleinen Geldmengen viel mehr. Mit den Frauen begannen die wahren Veränderungen: Wenn sie für ihre Familien sparen können, brauchen sie nicht mehr so viele Kinder für ihre Alterssicherung. Sie investieren dann in die Qualität, also die Ausbildung ihrer Kinder, nicht mehr in die Quantität. Die Geburtenrate ist in den vergangenen 15 Jahren stark gefallen. Das liegt vor allem an dem wirtschaftlichen Erfolg der Frauen.

Was möchten Sie noch verbessern am System der Grameen-Bank?

Wir wollen wirklich sicherstellen, dass absolut niemand zurückgelassen wird. Dafür haben wir besondere Programme aufgelegt, die es auch Bettlern mit ihren Familien möglich machen, Kredite zu bekommen. Auch hier haben wir erste Erfolge. Und wir versuchen, den Wahnsinn der hohen Mitgiftsummen zu unterbinden. Ganze Familien stürzen sich in Schulden, nur um ihre Töchter zu verheiraten. Wie war es, als Sie vom Nobelpreis erfahren haben? Ich war vollkommen überrascht. Wir waren ja schon ein paarmal in der engeren Auswahl, aber wenn man den Friedensnobelpreis dann wirklich bekommt, ist es doch etwas anderes. Im Übrigen geht der Preis ja nicht nur an mich, sondern auch an Bangladesch und vor allem an die 6,6 Millionen Frauen, denen wir mit unseren Krediten helfen konnten.

Interview: Jens Schröder


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