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Norodom Sihanuk: König ohne Krone

Nach Jahrzehnten des Krieges durfte Kambodschas König 1993 wieder den Thron besteigen, als das Land mit Hilfe der UN zur konstitutionellen Monarchie wurde. Eine glanzvolle Herrschaft war es bisher kaum, doch viele verehren Sihanuk wie einen Gott.

Nicht immer klingt es majestätisch, wenn sich Kambodschas König an sein Volk wendet. "Die meisten, die das hier lesen, werden denken, der altersschwache Sihanuk ist nun völlig verrückt geworden", überschrieb er im Juli eines seiner Bulletins, um dann wortreich vom angeblichen Wiedererstarken der Roten Khmer zu berichten. Doch seine Untertanen nehmen dem kleinen Mann seine Eskapaden nicht krumm. Zu viele verehren Norodom Sihanuk wie einen Gott. Am 24. September 1993 durfte er nach Jahrzehnten des Krieges, Bürgerkrieges und Völkermordes wieder den Thron im goldenen Königspalast am Tonle-Sap-Fluss besteigen, als das Land mit Hilfe der Vereinten Nationen zur konstitutionellen Monarchie wurde.

Die Gesundheit Sihanuks gibt seit Jahren Anlass zur Sorge. Immer wieder reist er nach Peking, um sich ärztlich behandeln zu lassen. Und immer, wenn er nach Stippvisiten Kambodscha wieder verließ, argwöhnte er, es könnte das letzte Mal gewesen sein.

Eine der schillerndsten Figuren des 20. Jahrhunderts

Zweifellos wird der am 31. Oktober 1922 in Phnom Penh geborene König als eine der schillerndsten Figuren des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Untrennbar ist sein Schicksal mit dem seines gemarterten Landes verwoben. Schon 1941 war er König, damals noch keine 20 Jahre alt. Der Ruf des Lebemanns hing ihm an, in Pariser Nachclubs spielte der Monarch Saxofon, schätzte Gänseleber und Champagner. Filme drehte er, und wie es heißt, keine schlechten.

1955 dankte Sihanuk zu Gunsten seines Vaters ab, um sich ganz der Politik zu widmen. Seine Winkelzüge galten als berüchtigt. Überraschende Wendungen, spektakuläre Manöver und taktische Finessen gehörten zum festen Repertoire. "Machtbesessen" hat man ihn genannt, als "Primadonna vom Mekong" verspottet, als "kleinen Mann mit Fistelstimme" verhöhnt. Aber er nahm es mit den USA auf, China und der Sowjetunion zugleich. Fünf Kinder und ein Dutzend Enkel verlor er während der Herrschaft von Pol Pots Roten Khmer (1975-1979), doch das hinderte ihn nicht, wenig später wieder mit ihnen zu paktieren.

Sihanuks Sturz beendete goldene Ära

Für ein Jahrzehnt, bis 1970, bescherte Sihanuk seinem Land als Staatsoberhaupt so etwas wie eine goldene Ära. Während die Opposition gnadenlos unterdrückt wurde, machte relativer Wohlstand Kambodscha fast zu einem blühenden Land, mit Geschick aus den Wirren des Indochina-Krieges herausgehalten. Mit Sihanuks Sturz durch den US-Günstling General Lon Nol 1970 hatte dies dann ein jähes Ende.

Möglich, dass aus dieser Zeit das unerschütterliche Vertrauen seiner Landsleute rührt. In allen Wirrungen der kambodschanischen Gegenwart gab er ihnen, die ihn "Vater Prinz" nennen, Halt. Eine glanzvolle Herrschaft war es kaum, nachdem er 1993 wieder den Thron bestiegen hatte, eher eine persönliche wie politische Niederlage.

Krankheiten hinterließen Spuren

Krebs und Diabetes, der graue Star, ein Schlaganfall und monatelange Chemotherapien hinterließen Spuren. Tatenlos musste er dem Machtkampf zwischen seinem Sohn Ranariddh, den er angeblich nie besonders mochte, und dem skrupellosen Hun Sen zusehen, der 1997 schließlich gegen Ranariddh putsche und die Macht ergriff. Manches ist ruhiger geworden in Kambodscha, dem Land der Narben, der nicht endenden Gewalt. Die dritten Parlamentswahlen vom Juli 2003 galten als die friedlichsten bisher.

Frank Brandmaier/DPA
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