Saudi-Arabien Menschen zweiter Klasse


Saudi-Arabien ist der einzige Staat der Welt, der Frauen das Autofahren verbietet - auch die erste Pilotin in der Geschichte des Landes muss zur Arbeit chauffiert werden. Dabei klingen die Argumente der Gegner für westliche Ohren absurd.

"Frau am Steuer - Abenteuer", rufen deutsche Machos gerne durch die geöffnete Scheibe, wenn ihnen der Fahrstil einer Verkehrsteilnehmerin missfällt. In Saudi-Arabien würde dieser Spruch dagegen ganz anders verstanden. Hier ist das Autofahren für eine Frau tatsächlich ein gefährliches Abenteuer, das leicht mit einem Gefängnisaufenthalt enden kann. Denn das islamische Königreich am Golf ist der einzige Staat der Welt, der Frauen das Autofahren per Gesetz verbietet. Begründet wird dies mit Traditionen und "islamischen Werten". Mohammed al-Sulfa, ein Mitglied des vom Königshaus eingesetzten rein männlichen Schura-Rates, will das nun ändern und hat mit seinem Vorstoß für eine Aufhebung des Fahrverbots mitten im politischen Sommerloch eine hitzige Debatte entfacht.

Die Frage, ob die schwarz verschleierten Saudi-Frauen demnächst in die Fahrschule dürfen, ist neben dem schlechten Gesundheitszustand von König Fahd momentan Thema Nummer Eins im Wüstenstaat. Sogar innerhalb der Herrscherfamilie gehen die Meinungen auseinander. Nachdem Außenminister Prinz Saud al-Faisal kürzlich in einem "Spiegel"-Interview erklärt hatte, er sei aus philosophischen, politischen und praktischen Gründen für Frauen am Steuer, sprach sich der konservative Innenminister Prinz Naif nun gegen eine Aufhebung des Verbots aus. "Diese Frage ist zweitrangig", erklärt er streng. "Derartige Angelegenheiten werden im Sinne des Allgemeinwohls entschieden und in Anbetracht dessen, was die Ehre der Frau gebietet", fügte er hinzu.

Mit anderen Worten: Prinz Naif will, dass die Frauen auf dem Rücksitz bleiben. Dort nehmen sie immer dann Platz, wenn sie mit einem von der Familie angestellten Fahrer unterwegs sind, ein Job, für den hauptsächlich Inder angeheuert werden. Den Beifahrersitz wählen sie nur, wenn sie mit ihren Vätern, Ehemännern, Brüdern oder erwachsenen Söhnen unterwegs sind. Denn im Reich von Ibn Saud achtet man auf strikte Geschlechtertrennung. Dass der Islam den Frauen das Autofahren generell verbietet, behauptet auch in Saudi-Arabien, wo die puritanische Schule der Wahabiten Staatsreligion ist, kaum ein Islamgelehrter. Al-Sulfas Gegner greifen daher oft auf Argumente zurück, die für westliche Ohren leicht absurd klingen.

So warnt das Schura-Mitglied, Scheich Abdul Mohsen al-Obeikan, eine Fahrerlaubnis für Frauen würde im Königreich zu schrecklichen Verkehrsstaus führen. "Den ärmeren Frauen bringt es wenig, weil die Familie sowieso nur Geld für ein Auto hat, und das benutzt dann der Mann", räsoniert er weiter. Die reichen Frauen würden seiner Ansicht nach weiterhin ihr Personal zum Einkaufen von Lebensmitteln und Haushaltswaren schicken und selbst nur "aus Spaß" ziellos umherfahren und "das führt dann zu Verkehrsstaus, Anmache und Unfällen". Um alle diese Probleme müssten sich dann die armen Polizisten kümmern, die ohnehin schon mit Arbeit überlastet seien, gab der Scheich zu bedenken, der außerdem als Religionsgelehrter das Justizministerium berät. Al-Sulfa hatte seinerseits argumentiert, das Fahrverbot solle aufgehoben werden, weil die Löhne für die ausländischen Fahrer der Frauen zu hohe Kosten verursachten. Außerdem sei es doch merkwürdig, dass Frauen in einem islamischen Land mit Geschlechtertrennung von fremden Männern chauffiert würden.

Doch es sind nicht nur die Männer, die in Saudi-Arabien keine Frauen am Steuer sehen wollen. Laut einer kürzlich von der saudi-arabischen Frauenzeitschrift veröffentlichten Umfrage ist angeblich eine Mehrheit der Frauen gegen die Aufhebung des Verbots. Für diejenigen Frauen, die sich hinters Steuer setzen wollen oder vielleicht sogar schon im Ausland gefahren sind, ist das aber nicht ausschlaggebend. Denn schließlich würde ja keine Frau gezwungen, zu fahren.

So kommt es auch, dass die erste Pilotin in der Geschichte des Landes ihre Arbeit aufgenommen hat, doch für die Straße keinen Führerschein besitzt. Die 27 Jahre alte Hanadi Sakarija Hindi muss sich zur Arbeit bei der privaten Fluglinie von Prinz Walid bin Talal chauffieren lassen. Denn für die Fliegerin, in Jordanien ausgebildet wurde, gilt das gleiche Gesetz wie für alle anderen Frauen im Königreich. Zur Fliegerei sagt das Gesetz jedoch nichts.

Die saudi-arabische Zeitung "Arab News" veröffentlichte am Sonntag ein Foto, das die mutige Frau zusammen mit ihren Eltern und dem Milliardär Prinz Walid zeigt. Das Bild verstößt gleich gegen zwei saudi-arabische Tabus. Denn Hindi trägt darauf ihre Pilotenkluft und nicht das vorgeschriebene schwarze Gewand mit Kopftuch. Außerdem schüttelt ihr der Prinz die Hand, was in Saudi-Arabien zwischen Männern und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, nicht akzeptiert wird. "Wenn es noch eine saudi-arabische Dame geben sollte, die Ambitionen im Bereich der zivilen Luftfahrt hat oder Pilotin werden möchte, dann soll sie sich bei mir melden", zitierte die Zeitung den Prinzen.

Anne-Beatrice Clasmann/DPA DPA

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