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TUNNELUNGLÜCK: Angst vor der Röhre

Der Ambergtunnel auf der Rheintalautobahn, in dem am Morgen drei Menschen starben, ist mit 2.978 Metern Länge einer der kürzeren Tunnel in Österreich. Aus nackter Angst vor den Röhren nehmen viele Menschen aber lange Umwege in Kauf.

Aus nackter Angst vor Tunneln nehmen viele Menschen lange Umwege in Kauf. Die dunklen Röhren wirken zwar auf fast alle Menschen bedrohlich, einige quält aber eine echte Angststörung. »Wenn die Angst so stark ist, dass man den Tunnel fluchtartig verlassen möchte, liegt eine so genannte Agoraphobie, Platzangst, vor«, sagte der Diplom-Psychologe der Christoph Dornier Stiftung in Dresden, Frank Jacobi, in einem dpa-Gespräch. »Sie haben Angst, irgendwo stecken zu bleiben. Das liegt daran, dass man sich in einem Tunnel nicht sofort in Sicherheit bringen kann und es noch dazu sehr dunkel und eng ist.«

Agoraphobie könnten viele Menschen auch in Aufzügen oder Staus bekommen. »Sie haben Angst, dass ihnen in dieser Situation der Körper versagt, sie ohnmächtig werden oder durchdrehen«, erklärte Jacobi. Die meisten hätten diese Phobie, ohne je schon einmal selbst in eine bedrohliche Situation gekommen zu sein.

Die Angst vor Tunneln führe dazu, dass man bei der Wegplanung genau darauf achte, ob auf dem Weg ein Tunnel liege. »Wenn die Betroffenen von Unfällen in Tunneln hören oder Bilder davon sehen, registrieren sie das genau und fühlen sich bestätigt.«

Bei einer - oft schon nach einer Woche wirksamen - Therapie fährt Jacobi schon mal selbst mit einem Patienten in einen Tunnel und hilft ihm, seine Angst zu bewältigen. »Wer drei Mal durch den Brennertunnel fährt, hat beim vierten Mal schon nicht mehr so viel Angst.«

Experte: Angstkranke müssen durch den Tunnel fahren

Trotz wirkungsvoller psychologischer Therapien lebt eine unverändert hohe Zahl von Menschen mit unbegründeten Ängsten. Darauf hat Steffen Fliegel von der Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung in Münster in einem weiteren dpa-Gespräch hingewiesen. Nach einer internationalen Statistik über psychische Störungen litten allein in Deutschland über fünf Millionen Menschen daran. »Dabei müsste die Zahl eigentlich gesunken sein«, sagte Fliegel. »Denn Angst gehört zu den besterforschten Gebieten der Klinischen Psychologie.«

Zumeist seien die Ängste auf spezielle Situationen und Objekte gerichtet. Als Beispiele nannte der Diplompsychologe die Angst vor dem Autofahren, dem Fliegen, vor Höhen, Enge, die Furcht vor Tunneln, Brücken sowie medizinischen Behandlungen oder Tieren.

Während normale Angst den gesunden Menschen vor tatsächlichen Gefahren schütze, könnten Phobien fatale Folgen haben, »wenn Menschen beispielsweise vor lauter Angst vor Blut oder Spritze wichtige ärztliche Untersuchungen unterlassen oder auf Urlaube verzichten«, meinte Fliegel. »Verstärkt werden die äußerst unangenehmen Zustände noch durch die Angst vor der Angst, die so genannte Erwartungsangst.«

Selbsthilfe hilft

Bereits systematisch angewandte Selbsthilfe führe vielfach auch ohne Medikamente »zu anhaltender Besserung«, berichtete Fliegel. Voraussetzung sei die Erkenntnis, »dass Flucht und Vermeidung die Angst vergrößern und die schrittweise Begegnung mit der gelernten Angst die einzige Chance ist, sie zu besiegen«. Diese Auseinandersetzung sollte möglichst früh beginnen.

»Als effektiv hat sich erwiesen, sich die angstauslösenden Situationen in der Fantasie solange vorzustellen, bis die Angst nachlässt«, erläuterte Fliegel. Auch Filme mit Angstobjekten könnten helfen. »Schließlich muss die Selbsthilfe auch die Bewältigung in der Wirklichkeit einbeziehen, das heißt, der Angstkranke muss durch Tunnel fahren und sich ins Auto setzen.« Wenn die Phobien zu stark fortgeschritten seien, sei jedoch psychotherapeutische Hilfe nötig.

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