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Hydraulische Kriegsführung Geflutete Felder bei Kiew: Hält die Ukraine den russischen Vorstoß mit Wasserbarrieren auf?

Screenshot Planet Labes Überflutung Kiew
Überflutetes Gebiet nördlich von Kiew – Kriegstaktik oder Kriegsfolgen?
© Screenshot Twitter
Satellitenbilder haben das Interesse von Militärstrategen geweckt. Sie zeigen, dass eine Region nördlich von Kiew überflutet wurde. Ein beabsichtigtes Hindernis für den russischen Vormarsch?

Ein Wassergraben wie man ihn von Schlössern oder manchen mittelalterlichen Burgen kennt, dürfte zu den ältesten Verteidigungsanlagen der Welt gehören. Doch Wasserbarrieren erfüllen auch in modernen Kriegen noch ihren Zweck – beispielsweise, wenn man einer vorrückenden Streitmacht möglichst viele Hindernisse in den Weg legen will. "Hydraulische Kriegsführung" nennen das Fachleute, die sich derzeit fragen, ob sich die ukrainische Armee dieses uralten Mittels bedient hat.

Aufgekommen ist die Frage, weil Satellitenbilder von Planet Labs, einem US-Unternehmen zur Erdbeobachtung, zeigen, dass in den ersten Tagen der russischen Invasion Ende Februar große Areale nördlich der Hauptstadt Kiew geflutet wurden. Ob dies mit Absicht geschehen ist, ist nicht klar, aber es wäre ein geeignetes Mittel, um zu erreichen, was Militärexperten schon seit Beginn des Krieges beobachten: eine spürbare Verlangsamung des Vorrückens der russischen Kräfte auf die ukrainische Hauptstadt. Und das, obwohl die Einnahme von Kiew als das kriegsentscheidende Hauptziel des russischen Feldzuges gilt.

Kiew: Experten gehen von absichtlicher Überflutung aus

Nach Angaben von Planet Labs gehen Beobachter der Lage davon aus, dass die Ukrainer des Gelände tatsächlich absichtlich geflutet haben. In Betracht käme ein Wasserreservoir in der Nähe von Kiew, dessen Zerstörung vom ukrainischen Botschafter in den USA bestätigt wurde, wie die "Washington Post" berichtet. Dieser habe aber angegeben, dass ein Damm von russischen Streitkräften zerstört worden sei, so dass es dadurch zu der Überflutung kam. Ob sich der Botschafter tatsächlich auf die in den Satellitenbildern gezeigte Region bezog, blieb aber ebenfalls offen.

Dass sich die Ukrainer in der gegenwärtigen Situation nicht in die Karten gucken lassen wollen, versteht sich. Die Wasserbarriere würde nach Einschätzung von Defensivexperten aber durchaus zu einem Verteidigungskampf gegen einen überlegenen Gegner passen. "Wenn man verteidigt, versucht man das zu nutzen, was man hat", erläutert Marta Kepe vom Think Tank Rand Corp, der die US-Streitkräfte berät. Flüsse, Sümpfe und andere Wasserbarrieren könnten bei der Verteidigung durchaus wirksam sein, würden aber oft unterschätzt.

Hydraulische Kriegsführung: Geflutete Felder bei Kiew: Hält die Ukraine den russischen Vorstoß mit Wasserbarrieren auf?
© Screenshot/Twitter

Ukraine kann überlegene Ortskenntnis nutzen

Die Ukraine habe eine groß angelegte Verteidigungsoperation starten müssen, so Kepe weiter. Es sei davon auszugehen, "dass sie ihre überlegene Kenntnis des Geländes zu ihrem Vorteil ausnutzen könne". Für hydraulische Eingriffe ins Gelände sei eine gründliche Ortskenntnis und Kenntnis des Geländes unerlässlich.

Beispiele von hydraulischer Kriegsführung gibt es durchaus – vor allem in Niederlanden ab dem 16. Jahrhundert. Während des Zweiten Weltkriegs sei Wasser vor allem von Finnland und der Sowjetunion als Verteidigungslinie genutzt worden. Als bekanntestes Beispiel für strategische Überschwemmung gilt das Durchbrechen der Dämme des Gelben Flusses durch das chinesische Militär. Während des Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges 1938 sollte dadurch das Vordringen der japanischen Truppen gestoppt werden. Die Flut verwüstete große Gebiete und gilt bis heute als der bisher größte Fall von Umweltkriegsführung. Ohnehin sei diese Art der Verteidigung häufig folgenreich, aber unwirksam. Sie komme daher bis auf Ausnahmen vor allem als "letztes Mittel" infrage, so Verteidigungsexpertin Kepe.

Quellen: "Washington Post"; Planet Labs; MilitaryLand.net

dho

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