Artistenfamilie Traber "Ich will mein altes Leben zurück"


Er ist ein Star auf dem Hochseil, die Zukunft des Familienunternehmens - bis zu jenem Tag, als der junge Johann Traber in die Tiefe stürzt und gegen den Mast knallt, knapp am Tod vorbei. Gehen, sprechen, alles muss er neu lernen. Sein Vater und die Schwestern halten derweil die Show am Laufen.
Von Alexander Kühn

Johann sagt nie Unfall oder Unglück. Wenn er erzählt, wie er fast in den Tod gestürzt wäre am 21. Mai 2006 in Hamburg, dann sagt er: der Scheiß.

Manchmal versucht Johann, den ganzen Scheiß in sein Gedächtnis zurückzuspülen. Das müsse sein, sagt er. Wie an diesem Sonntag in Breisach am Kaiserstuhl, im elterlichen Hof. Der Grill kühlt ab, die letzte Wurst ist verzehrt, die Mutter setzt Kaffeewasser auf, da steht Johann vor seinem Vater mit einer knitterigen Plastiktüte und zieht ein Bündel Stoff hervor. Das, was einmal sein Kostüm war. Bevor sie es ihm vom Leib schneiden mussten. Shirt, Hose, Socken. Blutbesudelt. Rostbraun getrocknet. Er presst sich das Bündel ins Gesicht, Augen zu, wie Gebirgsluft inhaliert er den Muff, dabei kann er kaum noch riechen oder schmecken seit jenem Tag.

Sein Vater Johann senior, 54, den sie Schangie nennen vom französischen Jean, bekommt in Momenten wie diesem glasige Augen. Dann nimmt Johann seine Hände, sie streicheln einander. Sie küssen sich, der Mann mit dem Schnauzer und sein be- hindertes Kind. Traber senior sagt, er müsse oft wegsehen, damit der Junge seine Tränen nicht bemerkt, wenn er Sätze sagt wie: Papa, ich bin doch da. Papa, ich bin dein Mann. Schangie Traber schiebt sein Handy über den Tisch, "sehen Sie selbst", eine SMS vom 2. Juni 2007, 20.48 Uhr: "liebe familie ich bin sehr stolz das ich euch habe euer liebender johann traber jun".

Johann junior hat keine Erinnerung an den Scheißtag. Johann senior zu viele. Es ist ein Tag mit Regenschauern und vielen Besuchern, mit einem Fest weihen die Hamburger den neu gestalteten Jungfernstieg an der Alster ein. Kurz nach fünf. Johann, der junge Star der Truppe, macht seine Nummer, oben auf dem Mast. Handstand, Fahne schwenken, in 52 Meter Höhe. Um 17.28 Uhr bricht der Mast. Knickt wie Schilfrohr. Johann fällt. Baumelt am Seil, das Sicherheit geben soll. Sein Kopf knallt gegen den Mast. Der Vater rennt um seines Sohnes Leben, klettert hoch, hält den Jungen. Neun ewige Minuten. Bis die Sanitäter kommen. Wofür will Gott mich strafen?, denkt er. Johann, Papa ist da, hörst du? Die Antwort: ein Stöhnen.

Johann heute, mit 23. Die Sprache verwaschen. Die linke Seite, mit der er gegen den Mast schlug, ohne Sicherheit. So viele Narben am Körper wie Lebensjahre, Schrauben im Becken und in den Beinen. Das rechte Auge so gut wie blind, Tunnelblick auf dem linken. Kopfschmerzen, "da muss sich eine Horde Elefanten verlaufen haben, die wollen raus". Unter der Schädeldecke steckt ein Schlauch, den hatten sie ihm eingepflanzt, damit das Wasser aus dem Hirn ablaufen konnte. Wenn Johann jemandem vertraut, nimmt er dessen Hände, führt sie über seinen holprigen Kopf, "meine Regenrinnen".

Krankenhaus St. Georg, hinterm Hamburger Hauptbahnhof, der Unglücksabend. Neun Stunden wird Johann operiert. Das Gehirn schwillt an, läuft voll Wasser. Tage mit Gebeten. Hoffnungen. Ängsten. Schangie Traber denkt, hoffentlich wacht der Junge nicht auf und sagt: Du bist schuld, du und dein Scheißberuf. Mach dir keine Vorwürfe, sagt seine Frau Mitzi, die keine Artistin ist und sich gern im Hintergrund hält, "du hast ihm das Leben gerettet, du hast ihm immer verboten, ungesichert nach oben zu gehen". Fernsehen, Zeitungen, alle paar Tage melden sie, wie es Johann geht. Mitzi Traber fängt an, Tagebuch zu schreiben.

4. Juni: "Johann liegt im Koma, ein hilfloses Kind, dem Tode näher als dem Leben."

9. Juni: "Kopfoperation. Er schaut."

14. Juni: "Erste Bewegungen.

22. Juni: "Blasen-OP."

25. Juni: "Operation am Schädelknochen."

2. Juli: "Beckenoperation, drei Schrauben."

6. Juli: "Einmal sitzt er aufrecht im Bett!"

26. Juli: "Erste Töne von Weinen."

29. Juli: "Johann sagt: "Trinken." Sein erstes Wort nach dem Unfall."

19. August: "Johann hat geduscht, seit 3 Monaten zum ersten Mal!"

26. August: "Er will nach Hause."

19. September: "Er telefoniert, hat selbst gewählt."

Am 11. November 2006 wird Johann aus dem Krankenhaus entlassen, fünfmal die Woche muss er seither zur Reha, die Muskeln trainieren und das Gedächtnis.

In diesem Mai, ein Jahr nach Hamburg, sein kleines Comeback. München, Theresienwiese. Sein Vater fährt im Motorrad übers Seil, Johann sitzt unten im Trapez. Als sie den Mast erreichen, jubeln die Zuschauer, Johann lacht und lacht. Es geht noch, irgendwie. Er erahnt etwas von seiner alten Sicherheit. Den Journalisten sagt er: "Ich bin süchtig nach dem Seil." "Wer ein guter Hochseilkünstler werden will, muss seinem Vater vertrauen", sagt Schangie Traber. Er war sechs, da schickte sein Vater, auch er hieß Johann, ihn aufs Seil. Wenn er und sein Bruder Charlie übten, auf der Wäscheleine im Garten, stand der Alte unten, ein kleiner dicker Mann, eins siebenundfünfzig, 120 Kilo, kommandierte, warf Wasserflaschen nach ihnen, wenn ihm etwas nicht passte. Schwimmen war verboten, weil das müde macht; Fußballspielen, weil man sich dabei verletzen kann.

"So ein Unternehmen funktioniert nur mit einer klaren Hierarchie", sagt Schangie Traber. "Der Vater ist der Chef." Seit 1973 leitet er die Original Traber Show, "Dir. Johann Traber" steht auf dem Schild an seinem Haus. Sein Kumpel Mike, der bei den Shows als Ansager dabei ist, sagt, der Schangie sei ein Patriarch. Er selbst sagt: "Ich sorge für Ordnung." Er verteilt die Einnah- men. Verbietet seinen Kindern das Rauchen. Erlaubt den Mädchen, 21 und 19, einen Abend Ausgang die Woche, über weitere muss verhandelt werden. Die beiden machen jetzt die Show, Anna und Katharina. Trabers Neffe Falko hilft beim Aufbau, so recht zufrieden ist Schangie Traber nicht mit ihm. Den Johann können sie ihm alle nicht ersetzen.

In 15. Generation reisen die Trabers von Stadt zu Stadt, spannen ihr Seil, seit 1799, Schangie Traber hat gerade ein Buch geschrieben über die Familiengeschichte. "Wir wählen unseren Beruf nicht aus", heißt es da, "er ist unser Schicksal." Die Trabers lassen ihre Kinder sogar auf dem Seil taufen. Als er klein war, sagte Johann immer: "Ich will da nicht hoch." Der Vater lockte ihn mit einem Trick, zahlte Johanns Cousin eine Gage, weil der sich nach oben wagte. Von da an traute Johann sich auch.

In seinem Wohnwagen hat Traber eine Galerie mit Fotos angelegt. Auftritte in Japan, Pakistan, Dubai. Er im Smart, wie er auf zwei Stahlseilen den Stuttgarter Fernsehturm hochfährt. Er und sein Bruder Falko, wie sie auf einem 250 Meter langen Seil zum Westgipfel der Zugspitze fahren. Ein Gruppenbild mit Roger Moore von 1978, da machten die Trabers einen Stunt für den James-Bond-Film "Moonraker". Ein gutes Jahr, sagt Traber, heißt: gute Kasse und kein Unfall. Die Trabers arbeiten ohne Netz, grundsätzlich. "Das ginge gar nicht, auf einem Marktplatz lässt sich kein Netz spannen", sagt Traber. 1995, bei einem Auftritt in Baden-Baden, war ein Artist der Original Traber Show ums Leben gekommen. Schangie Traber selbst war neun, als er das erste Mal abstürzte, Knochenbrüche trug er davon, die Milz mussten sie ihm entfernen. Abstürze, sagt er, seien für einen Artisten fast immer ein Signal: Mach weiter! Johann hat sich zwei Gebrauchsanweisungen zurechtgelegt für den Umgang mit dem Schicksal.

Die eine gilt in der Öffentlichkeit. Wenn ihn Fremde auf der Straße ansprechen und sagen: Wir haben für dich gebetet. Oder Reporter zu Besuch kommen, auf die Eckbank im Esszimmer. "Ich bin auf den Kopf gefallen, aber nicht auf den Mund", feixt er dann zur Begrüßung. Oder: "Bei mir ist eine Schraube locker." Pause. "Im Becken und im Bein!" Dann kichert er ein kindliches Kichern, der ganze Johann wackelt. Nach einer Weile fragt er: "Sollen wir Auto fahren?" Er hinkt die Treppe hinunter, schlurft übern Hof, dreht eine Runde in seinem Passat V6 TDI, Vollausstattung, Leder, Navi. Neulich hat er eine Fahrstunde genommen, "der Fahrlehrer hat nicht einmal gemerkt, dass ich auf einem Auge fast blind bin". Ganz stolz ist er, so wie damals als Kind, als der Vater ihm ein Holzschwert schenkte, Johann riss die Arme hoch und rief: "Ich habe die Zauberkraft!"

Die andere Anleitung zum Drüberwegkommen ist die schmerzhafte, ehrliche, die Johann sich vor Eltern, Schwestern, und Freunden gestattet. "Ich will mein altes Leben zurück", sagt er manchmal. Nimmt Fotos von früher in die Hand, schaut den hübschen Jungen an, den 16- Jährigen, der 2000 auf der Expo 17 Tage auf dem Seil ausharrte, Weltrekord, die Mädchen unten schickten massenweise SMS mit Angeboten; 2003, da überquerte er bei der Loreley den Rhein, mit dem Motorrad auf dem Seil; wenn er die Bilder sieht, sagt er leise: "Johann, du fehlst mir."

Schangie Traber sagt, er habe immer gewusst, dass sein erstes Kind ein Junge wird. Einer, der ihm nachfolgen wird als Chef der Show. Ein Johann Traber. Am Heiligen Abend 2005 machte er ihn zu seinem Partner. Die Urkunde hängt gerahmt in Johanns Zimmer. Gleiche Rechte, gleiche Pflichten steht darauf. Umsatzbeteiligung 15 Prozent. Er sagt, der Junge könnte doch trotz der Behinderung Direktor werden. Er müsste nicht aufs Seil, nur die Geschäfte führen. Johann sagt, er liebe seinen Beruf, immer noch. Aber wenn er nicht ganz gesund werde, könne er ja auch Autoverkäufer werden.

An diesem Abend treten die Trabers auf dem Weinfest in Breisach auf. Ein Dankeschön an die Heimatstadt, die beim letzten Fest Gläser zugunsten der Trabers verkaufte, 3000 Euro kamen zusammen. Es wird dunkel, das Kettenkarussell leuchtet, vom Riesenrad zucken Blitze. Anna Traber macht Johanns Nummer. Zum ersten Mal. Seit April hat sie geübt, davor hat sie nie so hoch oben gearbeitet, sie will das, das muss sein, "für die Familie, damit es weitergeht". Wenn seine Schwester hochklettert, mag Johann nicht zusehen; erst wenn sie oben ist. Anna winkt, in 52 Meter Höhe, dreht sich. Nur den Kopfstand, wie Johann, den traut sie sich noch nicht zu.

Anna sagt später an diesem Abend, nach Johanns Unfall habe sie überlegt, alles hinzuschmeißen. Noch später am Abend sagt Johann Schangie Traber, auch er habe überlegt, Schluss zu machen. Nicht mit dem Beruf. Komplett. "Aber die brauchen mich doch, Mitzi und die Kinder." Während der neun ewigen Minuten dort oben, als er seinen Sohn festhielt, legte Johann Traber senior zwei Gelübde ab: Wenn der Junge überlebt, werde er eine Kapelle bauen. Und aufhören, die Tauben abzuknallen, die seinen Hof zukacken. Den Viechern lässt er seither ihren Frieden, den Grundstein hat er gelegt.

Johann junior sagt, er habe einen Wunsch. "Ich möchte Hamburger werden. In Hamburg wurde ich getauft, im Sommer 1984. In Hamburg wurde ich neu geboren, im Sommer 2006. Die Stadt kann ja nichts für den Scheiß."

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker