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Erfahrungsbericht: "Faul und sogar korrupt"

Ein frustrierter Abteilungsleiter einer Stadtverwaltung packt aus: Beamte schlafen im Büro, schwänzen den Dienst, kassieren Bestechungsgelder. Vielen Vorgesetzten sind die Hände gebunden.

Ich bin Beamter geworden, weil meine Eltern mir immer gesagt haben, dass das ein sicherer Job ist. Außerdem habe ich ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Ich finde es ist sehr wichtig, dass Dienstleistungen am Bürger ordnungsgemäß abgewickelt werden. Willkür darf es in einer Verwaltung nicht geben. Daran wollte ich mitwirken. Nach 20 Jahren bin ich desillusioniert. Ich habe zu viele Beamte erlebt, die faul sind. Manche sind sogar korrupt.

Wir haben zum Beispiel einen Kollegen im Bauamt. Der verschwindet um die Mittagszeit immer in den Archivkeller. Dort hat er sich eine Ecke eingerichtet, in der liegt eine Matratze mit Wolldecke und Kissen. Der Kollege macht das Licht aus und haut sich erst mal für ein Stündchen hin - regelmäßig. Im Bauamt weiß das jeder. Die Leute machen Witze über den Mann. Aber niemand unternimmt was. Auch der Vorgesetzte nicht. Es nützt ja doch nichts. Der Mann ist Beamter - auf Lebenszeit.

Ebay-Geschäfte während der Dienstzeit

Ich habe noch nie erlebt, dass jemand wegen solcher Vergehen entlassen wurde. Auch mir sind die Hände gebunden. Ich habe eine Untergebene, die nur noch arbeitet, wenn man ihr konkrete Anweisungen gibt, was sie tun soll. Von allein rührt sie keinen Finger. Stattdessen wickelt sie ihre umfangreichen Ebay-Geschäfte während der Dienstzeit ab. Wenn sie nicht im Internet surft, quatscht sie mit Kolleginnen oder führt Privatgespräche am Telefon. Aber ich werde die gute Frau nicht los. Sie ist in der Behörde bekannt, war schon überall. Keiner will sie haben, nun ist sie bei mir gelandet, und ich muss sehen, wie ich mit ihr fertig werde. Das geht nur noch über Befehl und Gehorsam.

Ich habe schon manchmal gedacht, man müsste eine Geisterabteilung schaffen und sie mit den Leuten besetzen, die keiner mehr haben will. Da kämen bestimmt 50 Mitarbeiter zusammen. In unserer Stadtverwaltung arbeiten insgesamt 700 Leute. Ein Kollege verkauft während der Dienstzeit Handys. Sein Vorgesetzter drückt beide Augen zu - denn auch ihm hat der Kollege eins verkauft. Zu Sonderkonditionen, versteht sich. Das ist sowieso eine dubiose Abteilung. Die feiern während der Dienstzeit Partys.

Nicht den Hauch eines schlechten Gewissens

Ein anderer Kollege kommt jeden Morgen pünktlich ins Amt und stempelt um sieben Uhr seine Karte ab. Dann fährt er wieder nach Hause. Er frühstückt mit seiner Familie und fährt die Kinder zur Schule. Um halb neun, also wenn die Öffnungszeit im Rathaus beginnt, ist er wieder da. Dann sitzt er am Schreibtisch und liest Zeitung. Wenn nichts los ist, geht er in die Stadt, macht Besorgungen. Der Kollege hat nicht den Hauch eines schlechten Gewissens. Im Gegenteil. Er prahlt sogar vor Bekannten und Verwandten damit, was er für einen lauen Job hat.

Und dann gibt es noch einen Kollegen im Ordnungsamt, der während der Dienstzeit viel für seinen Sportverband arbeitet. Als sein Vorgesetzter ihn darauf ansprach, ließ der Beamte ihn auflaufen. "Was wollen Sie? Das ist ein Ehrenamt. Das müssen Sie unterstützen."

Harter Job in der Anti-Korruptions-Gruppe

Am Schlimmsten sind die, die ihre Hand aufhalten. Ich habe mal in einer Anti-Korruptions-Gruppe gesessen. Harter Job. Man wird als Nestbeschmutzer beschimpft. Und die Kollegen versuchen, einem was am Zeug zu flicken. Korruption ist schwer zu beweisen. Eine Mitarbeiterin, die früher in der Führerscheinstelle saß, ist dort weg, weil sie es nicht mehr ausgehalten hat. Sie sagt, es sei üblich, den Leuten ihre Führerscheine gegen Cash früher wieder auszuhändigen.

Ich habe auch mal daran mitgewirkt, ein Bauamt zu durchforsten und die Arbeitsabläufe effektiver zu gestalten. Als wir fertig waren, dauerte die Entscheidung über einen Bauantrag nur noch zehn statt 100 Tage. Wir waren ganz stolz. Dann traf ich einen Freund, der Architekt ist. Der sagte mir: "Weißt du, das hat auch früher nur zehn Tage gedauert - war alles eine Frage des Preises."

Das System verleitet zur Faulheit

Ich habe viele Freunde in der freien Wirtschaft. Einige zittern um ihre Jobs, lassen sich nicht krankschreiben, schieben Überstunden wie verrückt. Ich bin inzwischen dafür, das Berufsbeamtentum abzuschaffen. Das System verleitet zur Faulheit. Wer keinen Druck hat, der strengt sich nicht an. Das klingt hart. Aber so ist es.

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