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Lesermeinung: Eltern versus Staat

Der Streit um die Kinderbetreuung in Deutschland hat auch im stern.de-Erziehungsforum hohe Wellen geschlagen. Die Mehrheit der Leser fühlt sich von der Politik im Stich gelassen - bisher. Lesen Sie die interessantesten Meinungen.

Erziehungsnotstand, kinderfeindliche Politik, Frauen als "Gebärmaschinen": In den vergangenen Tagen artete die Debatte um die Kinderbetreuungspläne von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen zu einem mit harten Bandagen geführten Grabenkrieg aus. Im stern.de-Erziehungsforum konnten sich auch die Betroffenen selbst - Eltern und leider-noch-nicht-Eltern - zu Wort melden.

Das Geld reicht nicht

"Der Staat sollte Familien endlich die Möglichkeit geben, eine Lebensform tatsächlich frei wählen zu können. Ich habe keine freie Wahl, wenn ich es mir nicht leisten kann Kinder zu bekommen, weil es keine Betreuungsplätze gibt - gleichzeitig aber ein Gehalt für den Unterhalt der gesamten Familie nicht ausreicht", meint dazu Leser Schico. Ist genug Geld da, hat kaum ein Leser ein Problem damit, dass Mütter zu Hause bleiben und ihre Kinder hüten. Aber was, wenn das eben nicht so ist? "Das Geld reicht nicht, wenn meine Frau zu Hause bleibt - trotz eines 400-Euro-Jobs. Das Geld reicht auch nicht, wenn sie arbeiten geht, weil Krippenplätze zu viel kosten", beschwert sich Leser Reymonn.

Besonders Männer würden gerne eine Zeitlang bei ihren Kindern bleiben - wenn sie es sich finanziell leisten könnten. "De facto sieht es aber so aus, dass meistens die Frauen zu Hause bleiben müssen, weil sie - auch bei gleicher Arbeit - weniger Gehalt bekommen und es sich besser rechnet, wenn der Mann arbeiten geht", bemängelt Leser Vinvent_Vega und merkt an "selbst alleinerziehende Mütter, die arbeiten müssen, werden in unserer Gesellschaft scheel angesehen".

Unterstützung für von der Leyen

Dass aber die Entscheidung für oder gegen eigene Kinder nicht nur eine finanzielle sondern gleichzeitig auch eine gesellschaftspoltitische Dimension hat, macht Leser Klar-Text deutlich: "Seit Jahren wird die Mutterrolle als veraltet und zeitfern dargestellt. Da ist es nur logisch, wenn es immer weniger Mütter gibt. Männer bekommen keine Kinder, Frauen bald auch nicht mehr, das ist die neue Art der Gleichberechtigung."

Ministerin von der Leyen, die eigentliche Auslöserin dieser Familiendebatte, bekam flammende Unterstützung. Leserin Sonjat meinte in ihrem Diskussionsbeitrag: "Da wagt sich eine tolle Frau der CDU ein neues Gesicht zu geben und was machen die CDU/CSU Altherren? Regen sich auf über die Verwässerung des Profils der Partei! Wen interessiert hier die Partei?"

Einige Leser beklagen aber auch, dass die gerade stattfindende Debatte an den wirklich Betroffenen, an den Kindern, vorbei geht. "Wer kann sich noch in die Lage eines Kindes versetzen, das in Ganztagsschulen, Tagesbetreuungen usw. zwischen acht und zehn Stunden Dauerstress hat, weil ihm keine Minute Zeit der Ruhe und Entspannung bleibt. Wenn das Kind dann nach Hause kommt, sind die durch ihren Beruf gestressten Eltern verständlicherweise selten in der Lage, der ausgleichende Ruhepol zu sein. Eine kinderfreundliche Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie Abstellplätze für Kinder schafft", bemängelt Leser Wdes.

Eltern müssen sich selbst um das Kindswohl kümmern

Kontra gibt hier Leser Chris123."Vielleicht sollte man sich - bevor man solche pauschalen Verurteilungen oder besser gesagt Beurteilungen von sich gibt mit den wirklichen Situationen von Kindern in Tagesbetreuungen oder Ganztagsschulen befassen. Sicherlich ist nicht jede Einrichtung perfekt, aber es gibt sehr gute Einrichtungen." Seiner Meinung nach nehmen Eltern sehr wohl Rücksicht auf ihre Kinder und hören auf sie. Die Gesellschaft hingegen muss Voraussetzungen dafür schaffen, dass "Eltern selber die Zeit haben, sich um das Wohl ihrer Kinder zu kümmern".

So sieht Leser Krakatoa41 klaren Umdenkbedarf - zumindest in den alten Bundesländern: "Kindererziehung ist in einer demokratischen Gesellschaft doch nicht nur Aufgabe der Eltern sondern auch des Staates. Vielleicht sollte auch mal nachgesehen werden (...) wie das in der DDR war: Ich wünsche mir von unserem Staat, das diese Kindereinrichtungen flächendeckend für alle Kinder zur Verfügung stehen. Was ich mir nicht wünsche, sind diese sogenannten freien Kindergärten, in denen sie den ganzen Tag völlig unkontrolliert machen können, was sie wollen."

Pädagogen in die Kindergärten

Dass zum Kindswohl auch gut ausgebildete Pädagogen gehören, ist ein weiterer Diskussionspunkt im Leserforum. Leser SabineRebecca findet, dass "aber auch schnellstmöglich die Qualifikation der 'Kindergartentanten' an das Weltniveau angeglichen werden muss. Solange hier nicht ein Umdenken - und Umschulen des Kindergartenpersonals - stattfindet, bringt eine Kindergartenpflicht ab drei Jahren nicht sooo viel."

Was passieren könnte, wenn sich im deutschen Erziehungssystem und der Kinderbetreuung nichts ändert, dazu äußert sich Leser Michaelangel: "Die Qualität einer Gesellschaft erkennt man daran wie sie mit ihren Kindern und ihren Alten umgeht. Nachdem wir weltweit fast den letzten Platz in der Geburtenstatistik belegen, scheint Deutschland für Kinder kein gutes Pflaster zu sein. Leben wir doch einfach die Gesellschaft der staatlich geförderten Doppelverdiener - und importieren einfach die nächste Generation."

Karin Spitra
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