Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 1 "Wir haben keine Angst"


Insgesamt etwa 16.000 Polizisten sollen rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm für Sicherheit sorgen. Wie ergeht es ihnen? Wie sehen sie die Demonstrationen? Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im ersten Teil beschreibt er seine Vorbereitung auf das Großereignis.
Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle ermöglichen, den Weltwirtschaftsgipfel 2007 mal aus der Sicht eines (Bereitschafts)- Polizisten mitzuverfolgen. Sie sollen keine vorgefertigten Pressemitteilungen oder Statements vom Bürotisch erhalten. Sie werden sozusagen Meinungen, Erwartungen, Gefühle, Ängste von vorderster Linie erhalten. Vielleicht gelingt es mir, bei Ihnen Verständnis für getroffene polizeiliche Maßnahmen zu wecken oder Antworten auf Fragen zu geben, die Sie sich schon lange gestellt haben.

Anderthalb Jahre ist es nun her, dass die Bereitschaftspolizei Mecklenburg-Vorpommern die ersten Aufgaben für den Bereich Heiligendamm übertragen bekam und mit ihren Einsätzen begann. 18 Monate, in denen wir uns mit der Umgebung und den örtlichen Gegebenheiten von Kühlungsborn, Bad Doberan und Heiligendamm vertraut gemacht haben. 547 Tage, in denen wir fast jeden Strauch, jeden Baum, ja fast jeden Einwohner in Heiligendamm kennenlernten.

Fußball-WM als willkommene Abwechslung

Für Sie als Leser mag der lange Vorlauf möglicherweise übertrieben wirken. Aus Sicht der Polizei aber ist es für ein Ereignis dieser Größenordnung absolut erforderlich, gilt es doch jegliche Art von Veränderung auf deren mögliche Auswirkungen in Hinblick auf die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen zu prüfen. Je näher der Gipfel rückte, desto zahlreicher wurden die Einsätze und Einsatzstärken. Der Besuch des amerikanischen Präsidenten und die nachfolgende Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr waren daher eine willkommene Abwechslung. Zugleich aber auch eine hervorragende Übung für das nun stattfindende Gipfeltreffen.

Allerdings bekamen wir hierbei auch einen ansatzweisen Vorgeschmack auf das, was uns nun erwarten wird. Die letztendlich getroffenen Maßnahmen in Bezug auf Logistik und Sicherheit, rücken wohl alles Bisherige in den Schatten und stellen in Deutschland nicht umsonst den "größten Polizeieinsatz" dar. Ob die hierbei entstehenden Kosten dazu im Verhältnis stehen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Ich für meine Person und viele andere Beamte sind froh, dass es Durchlassstellen und eine "technische Sperre", den sogenannten Zaun gibt. Bedeutet er für uns doch eine erhebliche Entlastung und auch Sicherheit - ausschließlich gegenüber all jenen, die es nicht verstehen, ihren Protest und Unmut auf friedliche Art und Weise kundzutun.

Wir haben keine Angst vor dem, was kommt. Wir sind gut vorbereitet. Eine gewisse Unruhe und Nervosität lässt sich sicher auch bei mir nicht verhehlen, jahrelange Einsatzerfahrung hin oder her. Aber ich freue mich trotzdem, dass es endlich so weit ist, zusammen mit meinen Kollegen dabei zu sein, beim Weltwirtschaftsgipfel 2007.


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