Hans-Martin Tillack Fragen eines lesenden Spions


Das Leben eines Geheimdienstlers ist schwer, denn er kann niemand trauen. Natürlich schon gar nicht den Zeitungen - obwohl die zumindest für Ex-BND-Chef August Hanning offenbar eine eminent wichtige Quelle waren.Bei den Zeitungen, da wisse man ja nie, was stimme und was nicht, beschwerte sich Hanning am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Bundestages, der die Umtriebe des Bundesnachrichtendienstes (BND) aufklären soll.

Hannings Medienschelte mutete etwas seltsam an, denn gleichzeitig räumte der Beamte ein, dass für ihn im Fall des vom CIA entführten Neu-Ulmers Khaled el-Masri die wichtigsten "Wegmarken" mit die Zeitungsartikel waren. Weil ja jemand wie der ehemalige Innenminister Otto Schily unfreundlicherweise sein Wissen nicht mit Hanning geteilt hatte. Weil sich auch die Familie des Entführungsopfers nie gemeldet hatte, wie sich der Ex-Geheimdienstchef allen Ernstes beschwerte. Darum war für ihn ein Artikel aus der New York Times vom 9.Januar 2005 ganz wichtig, der el-Masris Geschichte ans Licht brachte.

Vier Tage später informierte zwar auch der BND-Resident in Washington die Zentrale daheim, dass ihm der Nachrichtendienst-Berater des US-Präsidenten den Entführungsfall in groben Zügen bestätigt hatte. Aber darauf wollte Hanning im Ausschuss nicht näher eingehen. Da habe es "Gerüchte und Spekulationen" gegben, sagte der heutige Innenstaatssekretär. Die Seriösität der Quellen sei ja nicht immer klar, rechtfertigte er sich. Genau, wer würde schon BND-Agenten und dem Weißen Haus trauen.

Hanning war offenbar ein bisschen unter Druck, weil der Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele wissen wollte, warum damals gegenüber dem Parlamentarischen Kontrollgremium für die Geheimdienste (PKG) alle so getan hatten, als wüßten sie nichts. Obwohl sie sehr wohl etwas wußten. Ob es da eine "Lizenz zum Lügen" gebe, wollte Ströbele wissen. Hanning bestritt den Vorwurf der Lüge. Im übrigen tage das PKG geheim.

Hanning erweckte den Eindruck, er habe von CIA-Entführungen - "Verbringungen" nannte er sie - nur im Zusammenhang mit dem Nahen Osten und ähnlichen Weltgegenden gehört. Nicht von Fällen in Europa. Obwohl der BND unter Hanning sehr wohl wußte, dass zum Beispiel im September 2001 im bosnischen Sarajewo ein in Deutschland lebender Ägypter von US-Soldaten nach Tuzla entführt und misshandelt worden war. Der stern hatte den Fall vor ein paar Wochen enthüllt. Der BND hat die Geschichte bisher nicht kommentiert. Weil die Berichterstattung ja auf "Diskretionen" von Geheimpapieren beruhe!

Zu deutsch: Die Glaubwürdigkeit von Hanning könnte besser sein. Umso kurioser, dass er ausgerechnet die Presse attackierte. Dabei ist der Unterschied klar: Wenn Journalisten etwas Falsches schreiben, ist das für jeden nachprüfbar. Gegen Falschbehauptungen der Medien kann man sogar vor Gericht gehen. Zugegebenermaßen funktioniert das nur, wenn Journalisten in ungerechtfertigter Weise kritisch sind. Schreibt eine Zeitung übertrieben freundlich, gibt es meist keine Klagen.

Wenn dagegen Geheimdienstler die Unwahrheit sagen, tun sie das meist im Geheimen und also risikolos. Es sei denn, es gibt Indiskretionen. Aber so etwas kommentieren Spione natürlich nicht. Siehe oben.


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