Videoüberwachung Tausend Augen, keine Spur


Hunderte von Kameras überwachen Hamburger Bahnsteige. Doch wie sicher machen sie das Verkehrsnetz? Wer schaut auf die Monitore? Und was passiert, wenn was passiert? Von Kippensuchern, Kinderwagen und Kofferbombern.
Von Heike Sonnberger

Das schwarz glänzende Auge starrt unentwegt geradeaus. Kein Blinzeln, kein Zucken. Auf einen Bahnsteig der Hamburger U3 U-Bahn-Linie starrt es, auf wartende, eilende, suchende Menschen. Doch wer starrt durch die 950 wachsamen Augen, die Überwachungskameras, die über den Bahnsteigen der Hamburger Hochbahn montiert sind?

Vielleicht ein bleicher, schlecht bezahlter Mann mit Schnauzbart, der Bier trinkt, Kartoffelchips futtert und gegen Mitternacht auf seinem Drehstuhl einnickt. Und was passiert, wenn ein Fahrgast den SOS-Schalter an den orangefarbenen Notfallsäulen auf dem Bahnsteig umlegt? Dann schreckt der Mann in seinem dunklen Kämmerchen womöglich hoch und wählt die Nummer der Polizei.

Das sind natürlich Hirngespinste. In Wirklichkeit sitzt am anderen Ende der Kameras zum Beispiel Frank Niemann. Der Mitarbeiter der Hamburger Hochbahn-Wache hat in der Einsatzzentrale nahe dem Hauptbahnhof fünf Bildschirme vor sich. Auf zwei von ihnen wechseln im Zwölf-Sekunden-Takt die Bilder von den Kameras auf den verschiedenen Bahnsteigen. Am Hauptbahnhof wankt gerade ein verwahrlost wirkender Mann mit einer roten Tragetasche auf den Bahnsteigrand zu, balanciert auf dem Sicherheitsstreifen.

"Können keinen Terroranschlag verhindern"

"Der klettert vielleicht gleich auf die Gleise, um dort nach weggeworfenen Kippen zu suchen", sagt Niemann. Seine aufmerksamen grau-blauen Augen wandern auf Bildschirm drei. Er zeigt einen virtuellen Mini-Hauptbahnhof, auf dem Züge - dargestellt als sechsstellige Zahlenkolonnen in weißen Rechtecken - ein- und abfahren. Gerade kommt Zug 011147 an, er ist grün markiert, also pünktlich. Der Kippensucher ist schon wieder von den Gleisen weggewankt.

Wäre er auf die Gleise gesprungen, dann hätte Herr Niemann entweder auf das kleine Megafon auf Bildschirm fünf geklickt und den Fahrgast über die Lautsprecheranlage ermahnt. Oder er hätte mit seiner PC-Maus sofort eine Zwangsbremsung ausgelöst. Das ist das Symbol daneben. Fühlt sich der stille Mann mit der Glatze und dem goldenen Ohrring bei soviel Allmacht nicht manchmal wie Gott? "Nö", entgegnet er kurz.

Und das zu Recht: Bei Gewalttaten und Sachbeschädigung kann das Sicherheitsteam der Hamburger Hochbahn-Wache zwar einschreiten - aber gegenüber Kofferbombern und Selbstmordattentätern ist es völlig machtlos. "Videos können keinen Terroranschlag verhindern", sagt Geschäftsführer Arndt Malyska.

Denn von 800.000 Passagieren pro Tag haben drei Viertel Gepäck dabei. Bei dem Gewusel aus Taschen, Tüten, Koffern und Rucksäcken ist es unmöglich, verdächtige Gegenstände zu erkennen. "Woher wissen wir zum Beispiel, dass in diesem Geigenkoffer keine Bombe steckt?" Malyska zeigt auf einen jungen Mann, der mit einem schwarzen Kasten unter dem Arm über den Bildschirm läuft.

Action aus dem Leben

Deshalb kann die Videoüberwachung auch nicht mehr als ein Baustein im Sicherheitskonzept der Hochbahn sein. Seit Jahren werden Evakuierungen geübt, dunkle Ecken in Bahnhöfen ausgeleuchtet, Diensthunde und Personal trainiert und die Zusammenarbeit mit Polizei und Feuerwehr ausgebaut. Und die Überwachung wird im kommenden Jahr zentralisiert. Dann sitzen die Mitarbeiter der sieben Streckenzentralen, die bis jetzt vor Ort einzelne Abschnitte der Hochbahn überwachen, in einem Gebäude am Hauptbahnhof.

Die Arbeit von Niemann und seinen Kollegen ist nicht sehr ermüdend, weil niemand lange auf die gleichen Bildschirme starrt. Alle zwei Stunden wechseln sie den Arbeitsplatz. Die Überwacher kennen die Bahnsteige ganz genau, haben alle lange in Zügen und auf Gleisen gearbeitet und sehen in den Skizzen, Karten und Schemata mehr als nur Zahlen, Codes und Bildchen.

Allerdings ist Überwachung emotional anstrengend. Gespeicherte Videoausschnitte zeigen, warum: Ein Kinderwagen rollt vor einen Zug, als der Vater kurz nicht aufpasst, ein Radfahrer rutscht auf die Gleise, ein junger Mann mit Baseballkappe klaut einem schlafenden Passagier das Handy, ein anderer tritt einem Fahrgast unvermittelt grundlos ins Gesicht, ein Zeitungsverkäufer schlitzt Sitze auf. Action aus dem Leben, jeden Tag, 24 Stunden lang.

Vor Kofferbomben mögen die Augen der Kameras zwar nicht schützen. Aber sie sind unerlässlich, um andere Straftaten und Unfälle zu verhindern und aufzuklären. "Beim Vandalismus in den U-Bahn-Fahrzeugen haben wir seit 2002 mehr als eine Halbierung der Vandalismuskosten erreicht", sagt Ulrich Sieg, Mitglied des Vorstands der Hochbahn.

In Zukunft sollen Kameras sogar mitdenken und etwa das Klackern einer Spraydose oder einen abgestellten Koffer selbstständig erkennen können. Die Kameras der nächsten Generation reagieren auf Verhaltens- oder Geräuschmuster, Sensorik nennt sich das. Vielleicht haben Niemann und seine Kollegen dann eine Chance, den Koffer zu finden, bevor er explodiert.


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