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Von der Leyen: "Schulfach Internet bringt nichts"

Wie viel Zeit sollten Kinder im Internet verbringen? Müssen Eltern zu Pflichtkursen verdonnert werden? Und vor allem: Wie können Kinder vor gefährlichen Personen und Gedankengut geschützt werden? Im stern.de-Interview gibt Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) Antworten - und verrät, wie ihre eigenen Kinder das Netz handhaben.

Frau von der Leyen, wie oft gehen Sie ins Internet?

Ich arbeite ununterbrochen im Internet, das geht in meinem Beruf gar nicht anders.

Kennen Sie sich auch mit Online-Communities und Chats aus?

Ich kenne solche Angebote, aber dort halte ich mich nicht auf. Dafür fehlt mir die Zeit.

Kinder dagegen verbringen viel Zeit auf diesen Seiten. Wie wird der Umgang mit dem Internet und Chats in Ihrer Familie gehandhabt?

Es kommt auf das Alter an. Grundschulkinder sollten alleine ohne elterliche Begleitung überhaupt nicht surfen. Aber sie sollten schon Kontakt zum Computer bekommen, etwa durch Lernspiele oder Mathe- und Leseprogramme. Die Teenagerzeit ist in jeder Hinsicht ein spannendes, aber auch kritisches Alter. Angefangen vom Alkohol bis hin zum Internet. Dass sich Jugendliche im Internet bewegen, gerade auch, um sich Informationen für die Schule zu holen, ist sehr wichtig. Ich sehe das auch bei meinen Kindern. Sie nutzen das Internet gern, um für Referate zu recherchieren.

Aber Kinder nutzen das Internet nicht nur für Hausaufgaben und können leicht auf jugendgefährdende Seiten geraten. Welche Regeln haben Sie für Ihre Kinder aufgestellt, um so etwas zu verhindern?

Zunächst gelangen sie nur über meinen Computer oder den meines Mannes ins Internet. Aber klar ist, dass meine älteren Kinder gerne chatten. Die erste Regel ist: Zeit begrenzen. Die zweite Regel ist, informieren. Eltern sollten darauf achten, ihren Kindern bestimmte Sicherheitstipps mitzugeben: generell aufmerksam und vorsichtig zu sein, keine persönlichen Daten preiszugeben, unangenehme Dialoge wegzuklicken, sich nicht mit Erwachsenen zu verabreden und Hilfe zu holen, wenn sie in Chats belästigt werden oder sie einfach ein blödes Gefühl gegenüber dem Chatpartner haben.

Wie viel Kontrolle von Kindern ist notwendig?

Auch Eltern, die sich gut im Internet auskennen, können ihren pubertären Kindern nicht ständig über die Schultern schauen. Denn in diesem Alter wollen sich die Jugendlichen abgrenzen. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein 15-Jähriger nicht will, dass ihm die Mutter beim Telefongespräch mit der Freundin zuhört. Und genauso möchte er nicht, dass ihn der Vater beim Chatten mit der Freundin kontrolliert.

Sind die Eltern also in vieler Hinsicht machtlos?

Nein, sind sie nicht. Wenn Kinder abends um 18 Uhr von einer Freundin nach Hause laufen, kann man sie auch nicht immer vor allen Gefahren schützen. Und 15- bis 16-Jährige kann man nicht davon abhalten, eine Zigarette zu rauchen, wenn sie diese von einem Freund angeboten bekommen. Eltern sind weder allmächtig noch ohnmächtig. Eine liebevolle, aufmerksame Erziehung der Kinder ist wichtig, das Vorbild der Eltern bewirkt zudem mehr als viele Worte und Eltern müssen mit Kindern über die Gefahren - und das gilt eben auch fürs Internet - reden.

Doch viele Erwachsene haben selber keine Internetkompetenz. Wie kann der Staat hier helfen?

Die Möglichkeiten sind vielfältig. Unsere kostenlose Broschüre "Ein Netz für Kinder - Surfen ohne Risiko?" präsentiert Eltern und ihren Kindern eine Auswahl empfehlenswerter Seiten. Außerdem wird einfach und kindgerecht erklärt, wie Eltern und Kinder gemeinsam einen guten und sicheren Surf-Raum gestalten können. Auf www.schau-hin.info werden Elternfragen zur Medienerziehung beantwortet. Wer nach interessanten Internetseiten für Kinder sucht, findet bei www.klicktipps.net spannende und immer aktuelle Adressen. Väter und Mütter können sich auch unter www.bundespruefstelle.de über Gefahren informieren.

Solche Appelle und Angebote sind zwar schön und gut. Aber gerade in sozial schwachen Familien fehlt oft die Zeit und Lust, sich selbständig zu informieren. Könnten hier verbindliche Internet-Kurse für Eltern helfen?

Das ist verfassungsrechtlich nicht möglich. Und außerdem gibt es keine Garantie, dass sich Eltern nach einem solchen Kurs entsprechend verhalten. Aber viele Eltern wollen informiert werden und können das über die genannten Wege tun. Zudem ist wichtig: Je mehr Zeit die Kinder im Internet verbringen, desto gefährlicher kann es werden. Die Nutzung von Jugendfreizeitangeboten und die Ausweitung der Ganztagesschule sind deshalb die besseren Alternativen zum Computer. Kinder brauchen Kontakte zu anderen Kindern im wirklichen Leben und nicht im virtuellen. Aber das Internet ist nicht nur eine Gefahr, sondern eine große Chance. Gerade für Kinder aus bildungsfernen Haushalten oder aus ländlichen Gebieten, denen der Zugang zu Büchereien erschwert ist.

Aber nicht alle Seiten sind für Kinder geeignet. Was halten Sie von einem staatlichen Gütesiegel für Internetangebote, die sich explizit an Kinder richten?

Gütesiegel, wie zum Beispiel der Erfurter Netcode, sind hilfreich. Jedoch gilt es, jetzt zunächst einmal die guten und sicheren Angebote im Netz für Kinder auszubauen. Gerade darum kümmert sich die Initiative "Ein Netz für Kinder", die mein Ministerium zusammen mit dem Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Internetanbietern und medienpädagogischen Institutionen gegründet hat, die für Kinder ein sicheres Netz im Netz entwickeln will. Zentraler Baustein der Initiative sind eine so genannte "Positivliste" mit unbedenklichen Internetadressen und ein Förderprogramm für gute Kinderseiten.

Portale wie "SchülerVZ" werden aber aus Deutschland betrieben. Trotzdem gelangen immer wieder pornographische und rechtsradikale Inhalte auf die Seite. Der Staat tut scheinbar zu wenig, damit die Gesetze auch durchgesetzt werden.

In Communities wie "SchülerVZ" gibt es keinen absoluten Schutz. Nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag der Länder ist der Anbieter aber verpflichtet, unzulässige Inhalte zu beseitigen, sobald er davon erfahren hat. Die Länderstelle jugendschutz.net kontrolliert diese Dienste - Eltern können dort Verstöße melden. Sie sollten davor keine Scheu haben und dies auch wirklich nutzen.

Bei der Medienerziehung der Kinder spielt auch die Schule eine wichtige Rolle. Der Umgang mit dem Internet wird immer wichtiger. Was würden Sie von einem Schulfach Internet halten?

Natürlich müssen sich die Schulen intensiver mit dem Thema auseinandersetzen. Allerdings muss dafür eine gute Ausstattung vorhanden sein, und die Lehrer müssen eine hohe Medienkompetenz haben.

Deshalb ein Schulfach mit professioneller Medienerziehung.

Ein Schulfach allein der Medienerziehung zu widmen, entspricht nicht dem Wesen der Medien. Vielmehr sollten Computer und Internet in den schulischen Alltag aller Fächer thematisch und methodisch sinnvoll eingebunden werden, das bringt auf Dauer mehr.

Interview: Malte Arnsperger / Stern Serie