Zwischenruf Nicht ohne Amerika


Werden wir im Irak-Krieg zu klammheimlichen Kombattanten Saddams? Eine antizyklische Verteidigung der USA gegen Verirrungen der deutschen Seele. Aus stern Nr. 15/2003

"Ich hoffe, dass Bush den Krieg nicht nur auf dem Boden verliert, sondern auch gegen die Weltöffentlichkeit." Ein junger Berliner sagt diesen Satz, die kleine Tochter auf der Schulter, am Rande einer Friedensdemonstration. Ein Satz, der in diesen aufgewühlten Tagen zwischen starken Gefühlen und starken Parolen versickert. Wenn Amerikas Präsident landauf, landab, ja rund um den Globus, mit Hitler verglichen wird, wenn man ihn als gefährlichsten Terroristen schmäht, wenn sein Feldzug ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg ist, wenn die Bomben auf den Irak exakt das auszulösen scheinen, was die Kritiker prophezeiten - den Aufstand der arabischen Massen und die Mobilisierung islamischer Terroristen -, wenn die Verurteilung dieses Krieges also nicht nur legitim, sondern geboten ist - warum sollte der Gerechte dann den USA nicht von Herzen die Niederlage wünschen?

Um die zugespitzte Frage gleich ebenso spitz zu beantworten: weil dies eine Verirrung sondergleichen wäre. Es ist, nach der Betäubung der ersten Kriegstage, an der Zeit, den Schaum der Empörung von der Seele zu wischen und die Emotionen, die Bindungen und die Interessen unseres Landes in gedämpfter Tonlage und intellektuell aufrichtig zu erörtern. Die Gefühle der Nation sind so verwirrt, die ersten Befunde so beunruhigend, dass dringende Klärung geboten erscheint. Häme, ja klammheimliche Freude begleiten das erste militärische Scheitern der Invasoren. Na siehste, seufzt der deutsche Michel auf dem Sofa und sinkt selbstzufrieden in die Kissen, geschieht den Amis doch auch recht. Ach ja, geschieht ihnen das recht? Dem GI, womöglich aus einer Kaserne in Deutschland, der am Steuer eines Lasters von einer Granate zerfetzt wird, der farbigen Texanerin, die starr vor Angst und Schrecken als Gefangene von triumphierenden Irakern einvernommen wird?

Geistige Kombattanten Saddams?

Leiden wir mit ihnen und ihren Angehörigen, trifft uns ihr Schicksal ins Herz - oder sind wir längst dabei, unbewusst zu geistigen Kombattanten Saddams zu werden? Kippt nicht deutsche Äquidistanz um in pervertierte Parteilichkeit - Amerika hat die Lektion verdient, damit es lernt, wie Recht wir haben? Der beschämende Mangel an öffentlichen Zeichen menschlicher Sympathie mit Amerikanern (und Briten) nährt jedenfalls diesen Eindruck.

Ja, uns Deutschen, die wir so gern als Lehrmeister der Welt auftreten, uns notorisch Recht und Frieden schaffenden Sicherheitsrats-Akrobaten muss einiges abverlangt werden in diesem Krieg. Zu allererst die Anstrengung um Differenzierung, um Unterscheidung zwischen einer machtbesoffenen Regierung in Washington, deren explosive Welt-Neuordnungsfantasien keine Gefolgschaft erlauben, und einer amerikanischen Nation, die unsere Zuwendung verdient. Dieses Amerika, dessen demokratische Substanz und Selbstreinigungskraft sich in der Geschichte so oft bewährt und der unseren überlegen gezeigt hat, dieses Land wird auch die Irrwege der Bush-Regierung erkennen. Der Backlash, das Rückschwingen des Pendels, ist so gewiss wie die Kreuzzugsrhetorik Bushs verlogen. Und: Nichts deutet bislang darauf hin, selbst blutige Irrtümer nicht, dass die US-Truppen zur rasenden Soldateska werden. Das Bemühen um Schonung der Zivilisten ist offenkundig; den Irak und Vietnam trennen Lichtjahre.

Rhetorische Abrüstung

Für die Bundesregierung heißt das: rhetorische Abrüstung, Zuwendung, neuer Dialog mit der amerikanischen Politik (die weit mehr ist als nur Bush und Rumsfeld). Die deutsche Politik hat die Irak-Debatte bislang weitgehend aus innenpolitischen Motiven geführt: Gerhard Schröder zieht, geradezu beseelt, frische Energien aus der Übereinstimmung mit dem Volk, Angela Merkel hat sich aus Fehlkalkühl beim vermeintlichen Sieger untergehakt. Kleines Berliner Karo.

Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, versuchte sich der Kanzler im Status quo einzurichten, ihn zur historischen Neuorientierung zu verfestigen. Eine Allianz mit Franzosen, Belgiern und Luxemburgern wäre kein Kerneuropa, sondern ein von Zerfall bedrohter Torso. Und ein Affront für Resteuropa, Briten, Italiener und Spanier zumal. Emanzipation von der Hypermacht? Ja, aber in einem neu definierten Bündnis der Souveränen. Daran zu arbeiten ist jetzt Joschka Fischers Aufgabe. Das Ziel: Amerika "embedded" in Europa. Denn politisch, wirtschaftlich und kulturell gehören wir an seine Seite.

Die Vorkriegsordnung kehrt nicht wieder. Aber auch für die neue Ordnung gilt: nicht ohne Amerika. Es wird ein Amerika ohne Bush sein.

Hans-Ulrich Jörges print

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