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ABELARD & HELOISE: Nur die Liebe zählt

Sie waren füreinander geschaffen wie der erste Mann und die erste Frau, der charismatische Theologieprofessor und seine blutjunge Studentin. Selbst nachdem ihr Onkel den Verführer grausam entmannen ließ, kamen sie nicht voneinander los

Sie waren füreinander geschaffen wie der erste Mann und die erste Frau, der charismatische Theologieprofessor und seine blutjunge Studentin. Selbst nachdem ihr Onkel den Verführer grausam entmannen ließ, kamen sie nicht voneinander los

Schwarze Nacht lag über Gottes Stadt Paris. Die Kapuzen tief in die Stirn gezogen, Dolche und Ketten griffbereit unter den wollenen Umhängen, hielten sich die Häscher im Schatten der Klosterschule Notre-Dame auf der Seine-Insel, bis sie zum Haus des Klerikers Abélard gelangten. Ein bestochener Diener ließ sie ein. Peter Abélard, blendend aussehender Enddreißiger, streitbarer Star-Philosoph und Lieblingsprof der Studenten, hatte seine Seneca-Studien beiseite geschoben, die Kerze gelöscht und war zu Bett gegangen. Doch dann ließen die schweren Schritte auf knarrenden Dielen ihm das Blut in den Adern gefrieren. Jemand stieß polternd das Nachtgeschirr um. Eh der Philosoph sich's versah, hatten derbe Fäuste sein prächtigstes Mannesteil gepackt. Die Verbrecher drückten seine wohlgeformten Schenkel auseinander, Messerklingen blitzten im Licht der Fakkeln. Ein markerschütternder Schrei durchfuhr die klösterliche Universität: Der schönste Mann von Paris war kastriert!

Das Tatmotiv: heiße Liebe im Studierzimmer, Unzucht mit Abhängigen, ein schlimmer Fall von sexueller Belästigung im Schatten eines Klosters! Meister Abélard hatte es mit der 17jährigen Nichte des Kanonikus Fulbert auf einem Lager aus kostbaren Büchern getrieben, statt die Jungfrau züchtig in theologischen Fragen zu unterweisen! Gott habe den Hochmütigen, ohnehin durch ketzerische Schriften bekannt, durch den wütenden Oheim an eben jenem Glied gestraft, mit dem er gesündigt habe, heulten seine Feinde, doch tout Paris, besonders die Frauen, weinte über das schreckliche Ende einer großen Liebe. Denn sie waren füreinander geschaffen wie der erste Mann und die erste Frau. Der Meister und das Mädchen waren das Traumpaar dieses Jahrhunderts. Sie, eine der ganz wenigen Studentinnen, anmutig, klug, wissensdurstig, »mit allen Reizen ausgestattet, die die Liebe zu wecken pflegen«. Er, der charismatische junge Professor, der seine Schüler in den Bann schlug, war offenbar »von solcher Jugend und Schönheit begnadet, daß ich keine Zurückweisung glaubte fürchten zu müssen, wenn ich eine Frau meiner Liebe würdigte«, so Abélard über Héloise. Als Logiker begann er eine Verführung nach Plan, er schlich sich »wie ein hungriger Wolf an das zarte Lamm heran«. Da die junge Theologiestudentin im Hause ihres Onkels im Kloster Notre-Dame wohnte, überzeugte er den Kanoniker Fulbert, ihn als zahlenden Gast und Hauslehrer aufzunehmen. Zu seinem eigenen Erstaunen fand der Angreifer die Tore weit offen, denn der naive Oheim betraute Abélard ganz und gar, bei Tag und bei Nacht mit Héloises Erziehung, ja ermunterte ihn sogar, falls die Studentin träge sei, mit Züchtigung nachzuhelfen.

Schon bei der ersten Lektion entbrannten der Philosoph und das Mädchen füreinander. »Erst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine Seele«, schreibt Abélard nach seiner Entmannung später wehmütig. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft geben sie sich ganz ihrer Leidenschaft hin. »Die Bücher waren geöffnet, doch in den Unterricht mischten sich mehr Worte der Liebe als der Philosophie, mehr Küsse als weise Sprüche; nur allzuoft verirrte sich die Hand von den Büchern weg zu ihrem Busen«, gesteht der Professor. Um jeden Verdacht des Onkels abzulenken, habe er sie sogar gezüchtigt, doch diese Schläge seien »süßer als aller Balsam der Welt« gewesen.

An der Universität von Notre-Dame bleibt die verbotene Liebschaft nicht lange verborgen, denn Abélard kommt mit tiefgeränderten Augen zu seinen Vorlesungen, er vernachlässigt seine Studenten, aus dem fanatischen Logiker ist ein dahinschmelzender Minnesänger geworden, der die Geliebte besingt. Mit dem »Zauber Eurer Lieder trugt Ihr meinen Ruhm ins Land, ... mit den süßen Melodien entlocktet Ihr den Frauen Seufzer der Liebe«, wird sich Héloise nach der Katastrophe wehmütig erinnern, »welche Fürstin, welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner Leidenschaft?«

Doch Glückseligkeit ist eine Spanne Zeit, die nicht dauern kann. Lange hat der Onkel seiner geliebten Nichte vertraut, aber jetzt überrascht er das Paar in flagranti und wirft den Philosophen samt dessen gescheiten Büchern hinaus. Die Impertinenz, mit der die Liebenden sich weitertrafen und ihre Schande gar nicht zu verbergen suchten, sorgte für Aufruhr zu Notre-Dame. Als Héloise dann noch schwanger wurde, entführte Abélard sie in einem Nonnengewand aus Fulberts Haus und versteckte sie bei seiner Schwester in der Bretagne, wo sie einen gesunden Sohn, Astrolabius genannt, zur Welt brachte.

Fulbert forderte Genugtuung für den »schändlichen Verrat«. Und endlich plagten den dreisten Professor immerhin soviel Gewissensbisse, daß er anbot, Héloise zu heiraten, »unter der einzigen Bedingung, daß die Ehe geheimbliebe, damit sie meinem Ruf nicht schade«. Doch zum ersten Mal weigert sich die schöne Héloise. Sie will keine Heirat, weder geheim noch öffentlich, ihre Argumente für die freie Liebe und gegen die ehelicher Pflicht verstören den Meister, weil er spürt, daß sie eine ganz andere Dimension der Liebe als er anstrebt. Beredt warnt sie den Philosophen vor den Fallstricken des Familienlebens: Schüler und Kammerzofen, Schreibpult und Wiege, Folianten und Spinnrocken vertrügen sich nicht für ein Genie wie ihn. »Nichts - Gott ist mein Zeuge - habe ich je bei Euch gesucht als Euch selbst«, beteuert sie, »mag der Name Gattin heiliger und ehrbarer scheinen, ist doch ein anderer Name meinem Herzen immer süßer gewesen, der Eurer Geliebten, der Eurer Buhle oder, laßt es mich sagen, der Eurer Dirne!«

Héloise muß gespürt haben, daß die Eheschließung nur ein fauler Kompromiß des Klerikers zwischen Liebe, Wiedergutmachung und Karriere war - und damit zum Scheitern verurteilt. Dennoch fügt sie sich, wie immer. Sie heiraten nachts in einer Kirche, unter Anwesenheit des Onkels, der tags darauf nichts Eiligeres kennt, als die Eheschließung vor aller Welt hinauszuposaunen. Héloise schwört hoch und heilig, daß Fulbert gelogen habe, worauf der Onkel gewalttätig wird. Zu ihrem eigenen Schutze, sagt er, bringt Abélard seine Frau ins Nonnenkloster Argenteuil. Héloise trägt Habit, wenn auch keinen Ordensschleier, er besucht sie heimlich, und sie treiben's in einer Ecke des Refektoriums, doch für alle Welt sieht es so aus, als habe der um seine Universitätskarriere besorgte Chauvinist sie ins Kloster abgeschoben. Da explodiert Fulbert, der sich doppelt von Abélard hintergangen fühlt, heuert Landsknechte und setzt die »grausamste Rache aller Rachen« an: »Sie schnitten mir die Teile des Körpers ab, mit denen ich begangen hatte, worüber sie sich beklagten«, kommentiert der Eunuch sein Unglück.

Für ihn war die Liebe damit abgehakt, für sie hatte der große Kummer erst begonnen. Denn die Liebesgeschichte der beiden ist die von zwei Bäumen, die, an den Wurzeln fest umschlungen, beide in den Himmel wachsen und sich nie mehr berühren.

Héloise und Abélard traten beide ins Kloster ein. Um genau zu sein, sorgte er dafür, daß sie als erste den Schleier nahm, unter Schluchzen und Weinen. Als er sie sicher verwahrt wußte, legte er das Mönchsgelübde ab. Beide machten eine beachtliche kirchliche Karriere, Héloise, Äbtissin eines Nonnenklosters, wurde hochverehrt, doch Abélard, der streitbare Philosoph dieses, unseres Jahrhunderts, blieb eine umstrittene Figur. Als Abt wollte er das Kloster Saint Gildas reformieren und wurde dafür von seinen Mönchen fast gemeuchelt, auf zwei Konzilen als Häretiker verdammt, von Bernhard von Clairvaux verfolgt, konnte er sich erst gegen Ende seines Lebens rehabilitieren. »Die Logik«, klagt er Héloise, der einzigen, die ihn je verstanden hatte, »hat mich der Welt verhaßt gemacht.«

Er hat für sie gesorgt und ihr ein kleines Kloster gestiftet; er hat sie in Ordensfragen belehrt und ihr hundert kirchliche Hymnen komponiert, doch Liebe, wie sie sie ersehnte, gab es für ihn nur noch in Gott. Héloise verzehrte sich hinter Klostermauern »nach den Wonnen der Wollust, die wir genossen«. Selbst bei der Messe weilten ihre Gedanken »mehr bei meinen Lüsterkeiten als beim Gebet«, gesteht sie ihm in herzzerreißenden Briefen, »ich sollte über die Sünden klagen, die ich begangen habe, und seufze jenen nach, die ich nicht mehr begehen kann«. Und was macht der Mann, der ihr gehört, doch den sie nie mehr haben kann? Er vertröstet seine »liebste Schwester in Jesu Christo« aufs Jenseits.

Wie die Chronistin erfuhr, ist Meister Peter Abélard am 21. April 1142 mit 63 Jahren zum Herrn gerufen worden. Sein Leichnam wurde an die untadelige Äbtissin Héloise im Kloster Paraklet überführt.

Swantje Strieder

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