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Bälle dreschen: Golfen mit Verwöhnaroma

Grüne Revolution? Tchibo verkauft Schlägersets und die Klamotten dazu. Nun bietet der Kaffeeröster auch noch Platzreifekurse an - die Demokratisierung eines vermeintlichen Schnöselsports.

Von Markus Götting

Vielleicht hat Helmut Kohl genau das hier gemeint, als er von blühenden Landschaften sprach. Sanfte Hügel von sattem Grün, alte Bäume, verstreut liegende Sandlöcher und Teiche, die in der Abenddämmerung glänzen. Es ist: heartbreaking. Bei der Anreise hatten wir ein wenig die Orientierung verloren im nächtlichen Nebel Mecklenburgs. Und in einer Gegend, in der kaum jemand wohnt, ist auch schlecht nach dem Weg fragen. Aber dann das: der Golf- und Country-Club Fleesensee, ein spitzenmäßig rausgeputztes Stück Ostdeutschland. Hier wächst zusammen, was man so nicht direkt für zusammengehörig halten würde: die neuen Bundesländer, Golf und Tchibo.

Es ist zehn Uhr, ein kühler Morgen. Klaus und Hanna kommen zu uns, sie werden in den nächsten Tagen unsere Lehrer beim Platzreifekurs sein. Auf eines kann man sich verlassen: Wenn wie an diesem Montag die Anfänger anrücken, beginnt das große Abschälen auf der Driving Range. Wo eben noch gesunder Rasen wuchs, sorgen wir mit kräftigen Hieben für kleine Mulden in Erdbraun. Dafür aber sichert wohl jeder von uns Dilettanten im Alleingang einem Landschaftsgärtner den Job.

Golfschläger neben "Bester Bohne"

Golfen mit Tchibo. Das hat was maximal Subversives in einer Sportwelt, die jahrelang von persönlichen Bürgen geprägt war und von freiwilligen Spenden in fünfstelliger Höhe. Doch plötzlich stellt Tchibo Schlägersets her und Golfbags, Hosen, Windbreaker, Polohemden: das komplette Outfit, hübsch mit TCM-Logo versehen und im Regal gleich neben der "Besten Bohne". Und jetzt bietet der Kaffeeröster auch noch Golfreisen an, zu Plätzen von der Ostsee bis in die USA. Unsere fünf Tage in Fleesensee sind die wohl schnellste und billigste Art, hierzulande die Platzreife zu erlangen. Sie ist quasi der Führerschein fürs Golfcart. Etwa 2000 Platzreifeschüler beackern hier jedes Jahr die gepflegten Grüns, drei Viertel buchen den Kurs über Tchibo. Man kann das Revolution nennen oder einfach nur die Demokratisierung eines vermeintlichen Schnöselsports.

Klaus und Hanna erklären erst einmal die Schlägerhaltung und mit welchem Eisen man wie weit schlägt. Falls man den Ball trifft. Dann füllt jeder ein Körbchen mit Dutzenden von Bällen, und im Prinzip ist Feuer frei. Aber man hatte sich das alles einfacher vorgestellt. Die Minuten vergehen, und wir reißen tiefe Furchen in den Rasen am Abschlag. Man braucht viel Zuspruch am Anfang, und da sind wir mit zwei Lehrern bei elf Schülern ziemlich gut bedient.

Golf, heißt es, sei eine Sucht

In solch kleiner Gruppe kristallisieren sich die Wortführer in der Regel schon nach wenigen Minuten heraus. In unserer Gruppe ist das Harald. Harald ist ein großartiger Typ, so um die 60, und war früher Kapitän zur See. Heute baut er an Kernkraftwerken mit, und wenn man bedenkt, dass er ein paar Tage später bei der nicht unbedingt komplexen Theorieprüfung durchfallen wird, ist das ein weiteres Argument für den Atomausstieg. Harald trägt eine Karohose. Das spricht für Optimismus und dafür, dass er diesem Sport langfristig verbunden bleiben will. Als alter Patriarch aber tut er sich etwas schwer mit Autoritäten, und wie er so dasteht und sich zum Abschlag ausrichtet, fragt Hanna, wo er denn hinziele. "Das wirste schon sehen, Mädchen", sagt Harald und schlägt ein Loch in die Luft.

Trotzdem: Immer häufiger hört man nun auch dieses Tock, das der Ball nach einem Volltreffer macht, und es soll Leute geben, die finden das größer als Sex, wenn ihr Ball 100, 150 Meter weit fliegt. Geil ist es allemal. Zwei Stunden Training morgens, zwei am Nachmittag: chippen, pitchen, putten, Bunkerspiel. Das ganze Gedeck. Dazwischen und danach drehen wir eine Runde über den Coca-Cola-Course, einen Neun-Loch-Platz, auf den jeder Depp darf - auch ohne Platzreife. Im Vierergrüppchen hinter uns trägt Harald seinen zähen Kampf gegen die strengen Regeln und die Etikette aus. Und einmal spielen wir, bis die Sonne untergeht. Golf, heißt es, sei eine Sucht - und nach zwei Tagen sind wir schon voll auf Droge.

Man fühlt sich wie Alice in Wonderland

Allerdings ließe sich auch nicht behaupten, dass es hier zum Golfen ein großes kulturelles Gegenprogramm gäbe. Außer dem prächtigen alten Schlosshotel ist Fleesensee ein komplett künstlicher Ort. Ferienwohnungen in Fertighäusern, das so genannte Dorfhotel, besteht aus falschen Fachwerkbauten in Babyblau und Terracotta, davor eine seltsam aus den Proportionen geratene Windmühle. Man fühlt sich wie Alice in Wonderland. Früher, erzählt Perry Einfeldt, der Golfclub-Chef, stand dort die Mülldeponie. Das Gelände des benachbarten Robinson Clubs war der regionale Schweinemastbetrieb.

Heute ist Fleesensee ein Golfparadies: Auf 550 Hektar verteilen sich drei 18-Loch- und zwei 9-Loch-Plätze. Zur Wahrung des Familienfriedens gibt es ein beeindruckendes Spa - vermutlich primär für die Gattinnen. Herr Einfeldt sagt, der Golf- und Country-Club sei der zweitgrößte Arbeitgeber des ganzen Touri-Dorfes; allein 23 Trainer sind vollzeitbeschäftigt. Mit Oliver Heuler leitet einer der renommiertesten deutschen Golflehrer die Schule. Da kann eigentlich nix schief gehen bei der Platzreife.

Wenn du den verschlägst, bist du der Volltrottel

Eigentlich. Vor allem aber ist es der Umstand, dass die Prüfung für acht Uhr in der Früh angesetzt ist, der das ganze Projekt an den Rand des Scheiterns bringt. Und so stehen wir zum Einschlagen im Morgengrauen auf der Driving Range, Raureif auf den Fairways und Grüns. Weil es um diese Uhrzeit in unserem Schlosshotel noch kein Frühstück gab, hat Klaus uns Semmeln von der Tankstelle mitgebracht. Wir hatten ja trainiert und generalgeprobt, und alles sah echt super aus, und dann wurde uns noch der Klaus als Prüfer zugelost. Aber als der Ernst beginnt, ist der Geist noch träge und der Schläger schwer wie eine Hantel. Neun Punkte braucht man am Ende der neun Löcher zum Bestehen, und nach null Punkten auf den ersten drei Bahnen geht einem die Düse. Und dann legt man an Loch vier noch eine Null nach.

Jetzt wird auch Klaus nervös. Es gehe ja auch um sein Image als Coach, hatten wir gesagt; er ist jetzt sehr einfühlsam, versucht's noch mal didaktisch, und dann beginnt die sagenhafte Aufholjagd. Trotzdem muss am letzten Loch ein Bogey her, nur ein Schlag mehr, als ein Profi bräuchte. Ehrlich gesagt: Im Training war uns das nie gelungen. Der Abschlag: Ball fliegt. Die Annäherung: yo. Der Chip: hübsch aufs Grün. Und dann stellt sich dieses berauschende Gefühl eines One-Million-Dollar-Putts ein. Oder in diesem Fall: Wenn du den verschlägst, bist du der Volltrottel. Es ist schwierig: Zwei, drei Meter sind es bestimmt, und die Kugel rollt auf dieses verdammt kleine Loch zu - und fällt tatsächlich da rein.

Kurz danach sitzen wir im Clubhaus, Weißbier, Zigarette, und es ist noch nicht einmal Mittag. Da treffen wir Harald wieder. Er hat's auch bis zum letzten Loch spannend gemacht. Klaus ist total fertig und schüttelt den Kopf. Harald sagt: "Junge, locker bleiben. Gutes Pferd springt immer nur so hoch, wie es muss." Und vom Reiten, sagt Harald und grinst, verstehe er eine Menge.

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