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"Deutschland für Entdecker": Frankenwald: Abenteuer auf dem Todesstreifen

20 Jahre nach Öffnung des Eisernen Vorhangs sind Wachtürme, Stacheldraht und Mauerreste Touristen-Attraktionen im fränkisch-thüringischen Grenzgebiet. Die deutsch-deutsche Geschichte wird Kulisse für einen Abenteuerurlaub.

Von Brigitte Zander

Dort, wo die beiden Enten in der Saale treiben, war damals die Bundesrepublik zu Ende. Heute verströmt der Grenzfluss zwischen Franken und Thüringen, die Harmlosigkeit eines Kinderplanschbeckens. Die Wasserwirbel vor der Eisenbrücke glitzern wie Perlen. Die Szene war deutlich unheimlicher am jenem 18. Dezember 1987, als Axel Stephan an dieser Stelle aus der DDR flüchtete. Ihn trieb eine unbestimmte Sehnsucht: "Ich wollte den Westen mit eigenen Augen sehen", erklärt seine Stimme aus meinem MP3-Player. Die Geschichte von Axel Stephan gehört zu einer Urlaubsattraktionen des Frankenwaldes.

Das abgeschiedene, 120 Kilometer lange Stück Ex-Zonen-Grenze zwischen Thüringen und Bayern wurde im Rahmen eines Modellprojekts zu einem touristisch aufbereitet. Termingerecht: Zwanzig Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs soll die innerdeutsche Geschichte als Abenteuerurlaub wieder Realität werden. Auf 15 Wander- und Rad-Touren können Besucher mit einem Führer, der die Trennung hautnah erlebt hat, oder anhand von Zeitzeugenberichten aus dem Audioguide die Vergangenheit erkunden: Auf einstigen Schmugglerpfaden wandeln, Reste der Original-Grenzanlagen besichtigen, auf dem alten Kolonnenweg radeln, historische Wachtürme fotografieren, oder Seilbrücken über Grenzbäche bauen.

Staatsgeschichte mit Schmankerln

"Mit diesen interaktiven Programmen wollen wir Familien, sportliche Urlauber, Jugendgruppen ohne Grenzwissen, ebenso wie Senioren mit Wende-Erinnerungen ansprechen", erklärt Stefan Fredlmeier, Geschäftsführer vom Frankenwald-Tourismus in Kronach. Wer im Geschichtsunterricht gefehlt hat, begreift hier die Tragik der Teilung spielend in wenigen Urlaubstagen. Neben Staatsgeschichte lernt man auch eine Menge über Brauchtum, Handwerk, Kultur und Natur. Besucht Porzellanmanufakturen, Schieferbergwerke, Schlösser oder Pralinenfabriken. Und stärkt sich zwischendurch mit lokalen Schmankerln. Ein paar Dutzend Gasthof-Köche haben sich wieder auf die regionale Küche besonnen. Ihre Speisekarten bieten köstliche Hausmannskost wie: Schaufelbraten mit Blaukraut und Klües (Klöße), Ratsherrensuppe mit saurem Schmand, Senfrostbrätl auf Reibekartoffeln, und Fränkische Täubchen aus dem Backofen.

Blühende Landschaften im Frankenwald

Der Frankenwald galt zu DDR-Zeiten als Ende der Welt. Die Region überlebte - wie alle Gebiete entlang der 1393 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze - dank staatlicher Zonenrandförderung. Dass der kilometerbreite Trennstreifen auch einen Schatz barg, begriffen Naturfreunde erst, als Bürger ab November 1989 euphorisch die Stacheldrähte, Signalzäune, Wachtürme und Betonmauern niederrissen. Da kam ein grünes Biotop-Band ans Tageslicht. Ein Mosaik aus ungedüngten Magerwiesen, wilden Zwergstrauchheiden und unberührten Feuchtgebieten. Blühende Landschaften eben. Ungewollt hatte das Regime jahrzehntelang Naturschutz betrieben. Um freies Schussfeld zu haben, holzten DDR-Pioniere dichte Fichtenwälder ab, und verminten die Landschaft, die fortan keiner mehr betrat. Nur Streifen der Nationalen Volksarmee patrouillierten. In dieser Todesstille konnten 600 gefährdete Pflanzen- und Tierarten ungestört überleben.

Schwarzstorch im Speergebiet

"Der einstige Todesstreifen des Frankenwaldes zwischen Mitwitz und Mödlareuth sei ein Naturjuwel", schwärmt der Biologe Stefan Beyer. Es blüht und zwitschert. Begeistert zeigt der Fauna-Fan in Parka und Gummistiefeln nach links und rechts: "Sonnentau, Silbergras, Smaragdlibellen", zählt er auf. Teichrohrsänger, Heidelärchen, Blässhühner brüten hier. Schwarzspechte und Sperber leben in den Mischwäldern. Mit Glück sieht man sogar einen Schwarzstorch am Himmel. Leider haben auch die blutsaugenden Bremsen tausendfach überlebt.

Einem Naturschützer erscheint die Grenze als Glücksfall. Erich Eckardt, einst Bauer im Sperrgebiet und später zwangsweise LPG-Arbeiter, hegt nur bittere Gefühle. "Berliner Bauart, aus Beton und Asbest, oben mit rundem Wulst, dass ein Flüchtling nichts zum Festklammert fand", sagt der 70-jährige Heinersdorfer und klopft auf ein Stück Original-Mauer, das als Mahnmal zwischen Heinersdorf (DDR) und Welitsch/Pressig (BRD) stehen blieb. "Wir durften nichts Hohes wie Mais anbauen. Da hätte sich ja jemand drin verstecken können. Grenzer pflügten regelmäßig den zaunnahen Streifen und harkten ihn sogar säuberlich, um Fußspuren zu erkennen."

Solche Schilderungen aus dem Stasi-Land können interessierte Grenzurlauber kostenlos überall hören. In den Ortsmuseen, in den Geschäften, an Biertischen, im Gespräch mit Einheimischen in der Gastwirtschaft des "Post"-Hotels in Nordhalben. Der Wirt hat ein Pauschalferien-Angebot mit Grenzwanderungen und Unimog-Fahrten über den verwachsenen Todesstreifen, Wiedervereinigungs-Menü und Besuch in der örtlichen Klöppelschule aufgelegt.

Rokoko gegen Butter

Ähnlich originell: ein Erlebnis-Kurzurlaub in Sonneberg inklusive einer nächtlichen Wanderung mit Zeitzeugen auf ehemaligen Schmuggelpfaden. Holger H. erzählt auf Thüringisch, wie er als Siebenjähriger in der kargen Nachkriegszeit seine Mutter auf Tauschtouren über die Demarkationslinie begleitete. "Wir hatten einen Rucksack voller Rokoko-Figuren dabei und schlichen durch den Wald." Das Porzellan von "drüben" wurde in Lauenstein zu Westmark gemacht, und die wieder in begehrte Waren wie Butter, Speck oder Nylonstrümpfe umgesetzt.

In der Erinnerung der Menschen ist die Grenze noch stark verankert, in der Realität fast verschwunden. Das beweist ein Blick vom legendären Aussichtsturm "Thüringer Warte" im bayerischen Ludwigsstadt. Zu DDR-Zeiten kletterten jährlich 40.000 Besucher die 117 Stufen hoch, um aus 700 Metern Höhe einen Blick auf die Dörfer im DDR drüben zu werfen. "Westfamilien winkten mit Bettlaken. Sogar mit Trompeten haben wir Grüße nach drüben geblasen", erzählt Altbürgermeister Gert Bayerlein aus Ludwigsstadt. Seit der Wende kommen immer weniger Turm-Touristen. Was irgendwie verständlich ist. Denn sie sehen nichts Besonderes mehr. Der Verlauf des "antiimperialistischen Schutzwalls" von Honecker & Co lässt sich nur noch an einer helleren Schattierung in der grünen Hügellandschaft erahnen.

Mödlareuth - das Dorf aus der Vergangenheit

Fast noch lebendig ist die Teilung in Mödlareuth. Von den Amerikanern wurde das Örtchen einst "Little Berlin" getauft, weil das 50-Seelen-Dorf von Mauer und Stacheldraht mittig durchtrennt wurde. Unaufhörlich drängen sich in- und ausländische Gästegruppen im Freigelände um Grenzbaum, Wachturm, Metallgitterzaun und den betonierten Auto-Barrieregraben, um sich geruhsam zu gruseln. In diesem Grenz-Ostalgie-Jahr rechnet Museumsleiter Robert Lebegern mit 60.000 Besuchern. "Und 2010, dem Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung, kommen sicher ebenso viele."

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