850 Jahre München München lieben ist wie Silikonbrüste-Steuer


Eine Partygängerin schwärmt in Berlin über die Weltstadt mit Herz, die Weltstadt mit Schmerz. Kein München-Thema lässt sie aus, ob Idyllenterror, P1-Schickeria oder Skandal im Sperrbezirk.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Ich hatte nicht vor, einen Skandal auszulösen. Es war nur ein Satz, ich sagte ihn in einem unverfänglichen Party-Plauderton. Eigentlich wollte ich nicht reden, sondern mir das letzte Lachscanapee sichern, doch das schnappte sich gerade ein Lockenkopf-Typ und fütterte damit seine Freundin, eine Louis-Vuitton-Taschen-Trägerin.

"Ich wohne sehr gerne in München." Das war der Satz. Doch der Gastgeber, der in seine Altbauwohnung nach Berlin-Kreuzberg eingeladen hatte, ein Politikwissenschaftsstudent mit der Mentalität eines Currybuden-Philosophen, starrte mich an, als hätte ich gesagt: "Angela Merkel will demnächst eine Steuer auf alle erheben, die mit Silikonbrüsten ausgerüstet sind." Erst glotzte, dann lachte er. "Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der behauptet, dass er München mag."

An der Antwort konnte ich natürlich erkennen: Er hatte noch nie mit Oliver "King" Kahn gesprochen, nicht mit Uschi "Schätzchen" Glas oder Christine "Vollweib" Neubauer, nicht mit Franz "Kaiser" Beckenbauer und schon gar nicht mit Edmund "Edi" Stoiber. Und überhaupt: Warum schaffte der Kerl keinen Nachschub an Lachscanapees heran?

Zuzeln und "Holz vor der Hütt'n"

Tatsächlich dreht sich der Berliner Fernsehturm vor Begeisterung auch nicht schneller, wenn Münchner in der Hauptstadt zu Gast sind. Man erzählt sich unter anderem gerne, und zwar mit unverhohlener Häme, dass die Münchner (haha!) sich zurechtmachen, als würden sie (haha!) in die Disco gehen, dabei latschen sie (haha!) nur mal eben zum Supermarkt um die Ecke. Pause für Gelächter. Wars das jetzt?

Mal gut zuhören, ihr üblen Nachredner, egal ob in Berlin oder sonstwo: Geheiligt sei unser Weißwurst-Kosmos. 850 Jahre München. Bitteschön, das macht doch was her! Und wer nicht mitfeiern mag, der hat noch nicht entdeckt, dass Semmel das schönere Wort für Brötchen ist. Der hat natürlich auch keine Ahnung, dass man Weißwürste zum Frühstück und ohne (!) Haut isst. Und wenn der Münchner in diesem Zusammenhang vom "Zuzeln" spricht, dann denkt sich der andere, der Ignorant, er würde aufgefordert zu einer unmoralischen, möglicherweise sexuellen Handlung.

Doch, keine Sorge, München ist keine Stadt, die über die Stränge schlägt, weshalb sie weder arm ist noch sexy. Nur einmal im Jahr, zur "d`Wiesn" (Hochdeutsch: Oktoberfest), leistet sich die 1,3-Millionen-Einwohner-Metropole eine tagelange Massenorgie. "Oans, zwoa, g'suffa!" (hochdeutsch: eins, zwei, getrunken). Erotische Aufdringlichkeiten jenseits dieses Spektakels, wie beispielsweise die tiefen Dekolletees der Biergarten-Kellnerinnen, sollen übrigens nur davon ablenken, dass die Maß schlecht eingeschenkt ist.

Der ewige Stenz

In der TV-Kult-Serie "Monaco Franze" will der Münchinger Franz (Helmut Fischer) partout nicht raus aus München, auch wenn seine Frau, das "Spatzl" (Ruth Maria Kubitschek), alles hübsch geregelt hat: ab auf die Bermudas, und zwar für immer. Da sagt der Franzl: "Da verbringe ich ja lieber meinen Lebensabend im Altersheim am Luise-Kiesselbach-Platz." Damit ist die größte Liebeserklärung an München schon zitiert. Ansonsten neigt der Münchner eher weniger zur Romantik, denn zum "Grant" (Hochdeutsch: Übellaunigkeit).

Zwischen Hofbräuhaus und Hasenbergl ist man sich einig: Gute Laune ist eine exklusive Angelegenheit von Kölschen Karnevals-Prinzenpaaren. Das Leben ist schließlich kein Damentennis. Wer weder Ärger mit dem Chef hat noch mit dem Ehepartner, der hat die Chance, dieses Defizit beim Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel auszugleichen. Gratis gibt es die tägliche verbale "Watschn" (Hochdeutsch: Ohrfeige) des U-Bahn-Fahrers, der gerne einen Ton drauf hat als sei er bei einer Domina in die Lehre gegangen. Wer nicht schnell genug einsteigt, wird beispielsweise angeherrscht: "Wir haben nicht ewig Zeit." Wer immer noch nicht schnell genug ist, wird gemaßregelt: "Na wird´s bald - Sie halten den ganzen Verkehr auf."

Cappuccini als Lebensgefühl

Glücklich, wer nicht auch noch Bus fahren muss, sondern sich einen Cappuccino in einer der vielen Straßencafés gönnen kann. In München sitzt man draußen, sehen und gesehen werden - wenn es sein muss und die Wetterverhältnisse es nicht anders zulassen, auch im Schneeanzug.

Wobei es mit einem x-beliebigen Schneeanzug natürlich nicht getan ist, Designerware ist gefragt, dazu die obligatorische Sonnenbrille und die extra coole, betont lässige, wenngleich höchst unkorrekte Pluralbildung: "Kellner, zwei Cappuccini bitte." Ach, wie italienisch sich das anfühlt, gleitet über die Zunge wie Tiramisu, wo doch der Münchner eh ein halber, ach was, ein Dreiviertel-Italiener ist, da muss er doch nicht auch noch reden wie der deutsche Duden. "Kellner, noch zwei Latte macchiati!" Dolce Vita, der Himmel ist azzurro, Adriano Celentano wurde mehrfach geklont und sitzt plötzlich hinter den Lenkrädern der Cabrios, die die Leopoldstraße rauf und runter brettern. Wenige Meter Luftlinie entfernt eine unerschrockene Parade von Cellulite und Bierbäuchen.

Die Stadt für Nackte und Reiche

Mamma mia, was soll´s, lasst doch die Nackerten im Englischen Garten nackert sein. Und nachts, wenn auch der letzte nackerte Schrumpel-Hintern wieder verpackt ist, wird in Champagner gebadet im nahen P1. Wer nicht weiß, was das P1 ist, hat schon verloren, wer am Türsteher nicht vorbeikommt, darf sich gleich neben Rudolph "Mosi" Moshammer ins Grab legen. Das P1, im Nebenjob Partykeller des FC Bayern München, zehrt zwar nur noch von seinem Mythos, hast du die falschen Schuhe an kommst du trotzdem nicht ins Gespräch. Mehr Schein als Sein.

Wenn nicht in München, wo denn sonst? Vorgeben, eine Villa in Grünwald zu besitzen, aber eigentlich hoch verschuldeter Spielwarenfachverkäufer sein. Eine Russin steht am Tresen und sagt: "Ich will einen reichen Mann." Ein Graumelierter neben einem Lautsprecher erklärt: "Wenn ich nicht mindestens eine Flasche Schampus springen lasse, geht keine mit mir ins Bett." Soweit das Ergebnis einer kurzen Umfrage.

Irgendwie und sowieso

Schicki Micki, Bussi Bussi, so einen "Schmarrn" (Hochdeutsch: Quatsch) will man hier nun wirklich nicht mehr hören. Heutzutage tut der Münchner so, als hätte er damit so viel zu tun wie ein Eskimo mit einer Lederhose und parkt, was vielleicht eine Trotzreaktion ist, seinen Sportwagen auf dem Gehsteig, damit das motorisierte Protzobjekt ein jeder sehen kann. Die Japaner fotografieren es, klick, klick, klick, und rennen dann in Horden durch den Dallmayr, ein traditioneller Feinkostladen, und knipsen jede Kaffeebohne aus allen Perspektiven. Das Glockenspiel, gleich um die Ecke, ist – und jetzt mal ehrlich - stinklangweilig, die Touristen glotzen trotzdem hin, weil sie im Reiseführer gelesen haben, das sei eine Attraktion.

Die wahre Sensation aber ist, dass in München die Straßen nachts und während der Woche noch leerer sind als Krankenhausflure zur selben Zeit. Spätestens dann versteht man, warum oft die Rede davon ist, München sei ein Dorf. Unbelehrbaren Großstadtabenteurern sei an dieser Stelle verraten: Skandal im Sperrbezirk ist ein reines Fantasieprodukt der Spider Murphy Gang.

Mir san mir

Auch andere Irrtümer gehören endlich mal ausgeräumt: nein, in München ist nicht jeden Tag Staatsbesuch, auch wenn die Häufigkeit von Polizeiautos im Straßenbild diese Vermutung nahe legt. Und nein, der Münchner fährt nicht jedes Wochenende in die Berge oder an den See. Manchmal hat er den Idyllenterror einfach satt. Dann will er ein ganz normaler Mensch sein und kein arroganter Schnösel, weil diese Rolle manchmal auch anstrengend ist.

Ohnehin ist es schon mühsam genug, zusätzlich in fünfzehn Nebenjobs arbeiten zu müssen, um sich die Miete leisten zu können. Weltstadt mit Herz, Weltstadt mit Schmerz. Trotzdem wird er irgendwann wieder auf einer Party stehen, in Hamburg, Berlin, Garmisch-Partenkirchen oder Düsseldorf, mit oder ohne Lachscanapees, und, warum auch immer, bekennen: "Ich wohne sehr gerne in München." Alles Gute zum Geburtstag, München. Auf die nächsten 850 Jahre!


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