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Adventsstadt Quedlinburg: Höllenpunsch in Hinterhöfen

Die Unesco-Weltkulturerbe-Stadt mit ihren 1200 Fachwerkhäusern am Nordrand des Harzes zelebriert an zwei Wochenenden im Dezember einen ganz besonderen Weihnachtsmarkt: Advent in den Höfen.

Von Fenja Mens

Links und rechts der Gasse schmiegen sich die Fachwerkhäuser aneinander, als suchten sie Halt. Am Boden glänzt uraltes Kopfsteinpflaster im Licht der Laternen. Dann und wann weht der Wind einen Geräuschfetzen ans Ohr: mal ein kurzes Lachen, mal ein paar Takte "Stille Nacht, heilige Nacht". Da wabern plötzlich süßlich riechende Schwaden heran. Ausgerechnet hier, in diesem Sträßlein mit dem merkwürdigen Namen "Hölle". Das Tor eines wuchtigen Steinbaus schwenkt auf, Leute kommen heraus, man lugt hinein - und blickt in ein Gewölbe im Kerzenschein. Fremde Menschen nicken einem zu, jemand reicht einen dampfenden Becher. "Probieren Sie mal", ruft Rudolph Köhler und schwenkt eine Suppenkelle durch die Luft. "Unser Höllenpunsch ist der beste!" Das Haus, erzählt er noch, bevor er wieder hinter der Theke verschwindet, stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es ist das älteste Wohngebäude der Stadt. Köhler hat es behutsam saniert, nun ist darin sein Büro für Bauplanung untergebracht.

Der Architekt ist Gastgeber beim "Advent in den Höfen" - dem wohl ungewöhnlichsten Weihnachtsmarkt Deutschlands. Zweimal im Jahr, an den Wochenenden des zweiten und dritten Advents, öffnen er und andere Bewohner der Weltkulturerbe-Stadt Quedlinburg ihre Tore und gestatten Besuchern einen Blick hinter Jahrhunderte alte Mauern. Sonst im Verborgenen liegende Höfe und Räume verwandelt sich dann in winzige Weihnachtsmärkte - einer netter als der andere.

Knusperpralinen und Pfefferkuchen

Elvira und Ekkehard Franz, beide um die 60 und Designer von Beruf, sind zum zweiten Mal mit dabei. Über dem Hof ihres Jugendstilhauses schaukeln blaue Papiersterne sanft im Wind. "Hier ist eigentlich unsere Essecke", sagt Elvira Franz und deutet auf den Platz vor den bodentiefen Fenstern ihrer Wohnküche. Sie hat Tisch und Stühle zur Seite geschoben und auf den Fliesen handgefertigte Holzspielsachen ausgebreitet: Puppenbetten, Autos, grinsende Pferdchen. Draußen auf der Terrasse verkauft eine Freundin von ihr Knusperpralinen und Pfefferkuchen. "Alles selbst gemacht", strahlt die Hausbesitzerin. Wer will, kann dazu einen Zitronengrastee bekommen. Oder einen Glühwein, wenn es denn sein muss. "Den wollten wir eigentlich nicht anbieten", seufzt sie und schüttelt den Kopf. "Aber die Leute fragen ja dauernd danach. Also gibt es den jetzt auch bei uns." Zitronengrastee und Selbstgemachtes aller Art sind ganz im Sinne von Gabriele Vester, der Erfinderin des "Advent in den Höfen". "Nur Bratwurst verkaufen reicht nicht. Wir wollen mehr bieten", stellt sie klar und blickt einen Moment lang streng durch ihre randlose Brille. Dann lächelt sie wieder und ihre Augen funkeln verschmitzt. Vor 15 Jahren ist die 59-Jährige mit ihrem damaligen Mann und den drei Töchtern von Bonn nach Quedlinburg gezogen. Sie hatten nach der Wende ein Kaufmanns- und Gildehaus aus dem 17. Jahrhundert geerbt. Direkt am Marktplatz gelegen zwar, aber im erbärmlichen Zustand wie fast alle der mehr als 1200 Fachwerkhäuser der Stadt. "Durch das Dach konnte man den Himmel sehen", erinnert sich Vester schaudernd. Erst wollte das Paar das Erbe nicht annehmen, doch dann verliebten sie sich in den maroden Charme Quedlinburgs, das bis heute nicht so herausgeputzt daher kommt wie manche seiner Schwestern im Westharz.

"Das Haus war fertig saniert, aber dann gab es das Problem mit dem Weihnachtsmarkt", erzählt Vester und lächelt ihrer Freundin Dagmar Hoppe, 45, kurz zu. Bis spät in die Nacht haben die beiden in den Höfen Tannenzweige an Holzbalken getackert und Weihnachtskugeln aufgehängt. Müde aber aufgekratzt sitzen sie nun im Café des Hotels Theophano. Die Hotelinhaberin aus dem Rheinland, kräftige Gestalt, rot-braunes Haar, und die Tourismusmanagerin, gebürtige Quedlinburgerin, zierlich, hellblond, ziehen schon seit Jahren an einem Strang. Beide eint der Wunsch, die Stadt voranzubringen. Die Auseinandersetzung mit sturen Verwaltungsbeamten und anderen Fortschrittsverweigerern hat sie zusammen wachsen lassen.

Mitte der 90er Jahre, erzählt Gabriele Vester weiter, gab es auf dem Marktplatz einen Weihnachtsmarkt, den organisierte ein Geschäftsmann aus Hannover mit wenig Einsatz: "Ein paar Fressbuden und Ramschverkäufer, aber kein Ambiente."Ihre Gäste waren enttäuscht und klagten: "So eine süße Fachwerkstadt und gar kein süßer Weihnachtsmarkt. Wie schade."

Wie der andere Weihnachtsmarkt entstand

Als sich der Kaufmann weigert, etwas zu verändern, wird Vester selber aktiv. Sie ruft einige befreundete Künstler an, schmückt den Hof ihres Hotels, stellt Tische hinein. Ein Freund läuft als Weihnachtsmann verkleidet über den Marktplatz und spricht die Leute an: "Wollen Sie mal einen richtig schönen Weihnachtsmarkt sehen? Dann kommen Sie mal mit." Das war 1996. Ein Jahr später sind schon drei Höfe dabei, dann acht, elf, sechzehn. Inzwischen machen 24 mit. Es könnten mehr sein, aber der "Advent in den Höfen" soll überschaubar bleiben. Nichts überlassen die beiden Organisatorinnen dem Zufall: Die Hofbetreiber müssen sich mit einem Konzept bewerben, und an den beiden Wochenenden überzeugen sich Hoppe und Vester persönlich davon, dass sich auch alle daran halten. Wer den Ur-Hof verlässt, der auch im zwölften Jahr noch mit dabei dem schallt der schaurig-skurrile Gesang der beiden Russinnen entgegen. Keiner weiß, wie die beiden Frauen heißen und woher sie kommen, aber beim "Advent in den Höfen" sind sie stets mit dabei. Dann stehen sie da - in langen Röcken und bestickten Schürzen, auf den Köpfen Hüte, die wie Brotkörbe aussehen - und trällern zu Instrumentalmusik aus dem Kassettenrekorder russische Weisen. Der Platz ist gut, denn die Straße führt direkt auf den Finkenherd - jenen legendären Platz, auf dem sich der Sage nach Sachsenherzog Heinrich im Jahr 919 beim Vogelfang vergnügte, als ihm die Abgesandten der Fürsten die Königskrone antrugen. Er machte Quitilingaburg später zu seiner Lieblingspfalz.

Käsekuchen und Klopstock

Nicht weit entfernt vom Finkenherd, auf einem Sandsteinfelsen, thront die romanische Basilika St. Servatius. Wer hinaufkraxelt, kann den kostbaren Schatz der Ottonen bestaunen und wird dazu mit dem Blick über ein Meer von roten Spitzdächern belohnt. Aber denen, die unten bleiben, geht es auch gut. Am Fuße des Felsen wartet nämlich das in der ganzen Region bekannte Café Vincent. "Käsekuchenbäckerei" wirbt ein Schild. Die Schlange der Leute, die im "Flurverkauf" (so heißt das hier wirklich) ein Stück der kalorienreichen Leckerei erwerben wollen, reicht bis auf die Straße. Hinter der Tür steht eine hagere Frau im Dämmerlicht, vor sich eine mächtige Springform, in der Hand ein breites Messer. Dampf steigt auf, als sie damit durch den heißen Erdbeer-Vanille-Quark fährt. Gleich hinter dem Café, am Aufgang zum Schloss, lebten einst Geistliche und Beamte des Stiftes. In Haus Nummer 12 kam 1724 der Juristensohn und spätere Schriftsteller Friedrich Gottlieb Klopstock zur Welt. Ein paar Meter weiter wohnt heute Handwerksmeister Stefan Humpe. Mit seinen langen schwarzen Haaren und der Lederhose sieht er aus wie der Anti-Weihnachtsmann, und doch ist Humpe in diesem Teil der Stadt der einzige, der zum "Advent in den Höfen" seine Tür geöffnet hat. Man kann bei ihm Grünkohl essen, Meerschweinchen streicheln und auf Heuballen sitzen. Im Hintergrund dudelt Folk-Musik. Zwei Freunde von ihm verkaufen Silberschmuck und Schnitzereien aus Speckstein.

Unten im Zentrum sind Frau Advent und der Engel bereit für ihren Kontrollgang. Gabriele Vester trägt eine enge Jacke und einen knöchellangen Rock aus rotem Samt, dazu einen Muff aus Maulwurffell vor dem Bauch und einen Fuchs um den Hals. Dagmar Hoppe hat ein weißes Gewand umgelegt, dazu Flügel, die mit Federn beklebt sind. "Los geht's" ruft Frau Advent und dann schreiten sie hinaus auf den Marktplatz, mitten hinein ins Getümmel des großen Weihnachtsmarkts. Den gibt es in Quedlinburg auch noch, er wird allerdings schon lange nicht mehr von dem Kaufmann aus Hannover organisiert. Ungläubig starren die Leute auf das Duo. "Schau mal, ein Engel", flüstern jemand. Andere streicheln Hoppe kurz über die Flügel. "Einen schönen Advent", rufen die beiden und bestäuben die Umstehenden mit Goldpuder.

Ihre erste Station ist eine Gasse namens “Word“. Dort steht der Sorgenhof vom vergangenen Jahr - die Betreiber hatten Salami in Plastiktüten verkauft. "Einfach stillos", findet Vester. "Legt die doch in Papier und macht eine rote Schleife darum. Das ist auch nicht teurer", hat sie damals den Verantwortlichen geraten. In diesem Jahr ist jedoch alles tipptop. Salami gibt es nicht, dafür Wildschwein vom Spieß. Ungemach lauert an anderer Stelle. Eine Galerie und ein Blumenladen teilen sich einen Hof. Das Problem: Der Galerist hat sich offiziell angemeldet, der Florist nicht. Noch dazu hat sich letzterer mit einem Bratwurststand so breit gemacht, dass der Künstler, der im Auftrag des anderen Gipsabdrücke herstellt, kaum zu sehen ist. Also hat der Galerist einen Zettel in sein Fenster gehängt, auf dem er den Floristen als Trittbrettfahrer beschimpft. "Unglaublich", schnaubt der Engel und Frau Advent wettert: "Die müssen sich einigen!" Kurz darauf erspähen sie am Eingang eines anderen Hofes einen Müllsack. Die beiden Frauen nicken sich zu. Er ist im geistigen Protokoll notiert. Die Probleme werden beim großen Treffen aller Beteiligten am Montag anzusprechen sein. Schließlich soll der "Advent in den Höfen" bleiben, was er ist - etwas Besonderes.

Weitere infos
Termine: Der "Advent in den Höfen" findet jedes Jahr am zweiten und dritten Adventswochenende statt. Quedlinburg ist dann restlos ausgebucht. Wer mehr als nur einen Tag bleiben möchte, sollte mindestens drei Monate vorher sein Hotelzimmer buchen oder muss außerhalb der Stadt schlafen.
Übernachten: Das Romantik Hotel Theophano bietet zum "Advent in den Höfen" ein Pauschalangebot. Der Fachwerkbau ist so schmal, dass gerade mal zwei Zimmerchen in eine Etage passen: Tel. 03946 – 96300, www.hoteltheophano.de.
Im "Hotel zum Bär" sollen bereits Goethe und Fontane bei ihren Harzreisen geruht haben: Tel. 03946 – 7770, www.hotelzumbaer.de
Angucken: Fachwerk sieht immer gleich aus? Von wegen: Ein Besuch in Quedlinburgs Fachwerkmuseum, Ständerbau genannt, klärt über die Merkmale der verschiedenen Stilepochen auf und lässt einen danach mit anderen Blick durch die Stadt wandeln (Wordgasse 2-3. Tel. 03946 - 3828). Und unbedingt die Lyonel-Feiniger-Galerie (Finkenherd 2a, Tel. 03946 - 2238) besuchen. Sie beherbergt eine der größten Sammlungen dieses berühmten Künstlers der Moderne.
Infos zum Advent in den Höfen: www.adventsstadt.de

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