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Berlin: Hier hat die Musik gespielt

Damals mit Mauer und heute ohne: Berlin zog und zieht Popstars magisch an. Eine besondere Stadttour führt zu den Orten, wo die Band U2 fast abstürzte und David Bowie mit Iggy Pop Frauen teilte.

Man stelle sich vor. Die 70er Jahre. Der Winterfeldtplatz im Westen Berlins. Eine Telefonzelle. Iggy Pop steht drin. Eigentlich geht es Herrn Pop ganz gut an diesem Tag. Er hat seinen Karottensaft getrunken, so, wie er immer seinen Karottensaft trinkt. Er hat ein paar Substanzen eingeworfen, so, wie er immer ein paar Substanzen einwirft. Nun ja, er ist ziemlich bedröhnt, so, wie er eben immer ...Er führt ein kurzes Telefonat und will wieder raus. Er drückt gegen die Tür. Nichts passiert. Er drückt noch mal. Immer noch nichts. Menschen sammeln sich. In Gruppen. In Mengen. Sie starren ihn an. Er reißt die Augen auf. Sie tuscheln. Er wütet. Sie zeigen mit Fingern auf ihn - da, schaut her, da hat einer den Iggy Pop mit 'nem Vorhängeschloss in die Zelle eingesperrt, wie lustig! Und er, er schlägt, er tobt, er ist ein Tier, ein buntes gefangenes Tier in Panik. Es dauert so furchtbar lang, bis man den paranoiden Punker endlich befreit.

Als Die Toten Hosen noch im Vorprogramm auftraten

Es gibt viele dieser kleinen und feinen, cleanen oder drogengeschwängerten Geschichten, die von berühmten Musikern und ihrer berüchtigten Zeit in Berlin erzählen - wie im Kreuzberger Club SO 36 Die Toten Hosen im Vorprogramm der Ärzte als "Essen auf Rädern" auftraten; wie Rammstein im Proberaum im Prenzlauer Berg ausgiebig mit Pyrotechnik und Schweißarbeiten experimentierten; wie die Burschen von U2 breit und kurz vor dem Absturz auf der Balustrade der Hansa-Tonstudios gegenüber der Mauer balancierten.Vor einem Jahr kam Thilo Schmied, der lange als Toningenieur arbeitete, auf die Idee, all diese Begebenheiten zu sammeln und mit einem Bus und vielen Gästen die dazugehörenden Orte aufzusuchen. Und so fährt der 32-jährige Echt-Berliner und Bärtchenträger jeden Samstag durch die Straßen der Hauptstadt und erzählt selbst, am Mikrofon, und lässt erzählen, auf Bildschirmen, Nina Hagen und DJ Westbam, Produzenten und Clubbesitzer. Es gibt Musikbeispiele, zweieinhalb Stunden lang, Dutzende Geschichten und noch mehr Anekdoten. Sie alle beginnen mit Altbekanntem und enden in der merkwürdig privaten Welt der fremden Berühmten.

Orgien der Rockstars auf der Spur

Auch in der deutschen Provinz wissen inzwischen viele, dass der psychedelische David Bowie einst im Westen der geteilten Stadt lebte. Aber wer hat je davon gehört, dass er eines Abends drei Damen in "The hall by the wall", der gebräuchliche Name für die Hansa-Studios, bestellte und zu seinem Mitbewohner Iggy Pop sagte: "Du darfst dir die Schönste aussuchen. Ich nehme die anderen zwei"?Auch unter Teenies haben inzwischen manche gehört, dass Nick Cave meistens und auch in Berlin stocksternhagelbesoffen war. Aber wer hat je erfahren, dass er jeden Tag zwei kleine Fans über die DDR-Grenze in die Friedrichstraße schickte, damit sie ihm dort im Intershop den Schnaps zu elf Mark die Flasche illegal, aber billig besorgten?

Und selbst wer mit Popmusik nicht allzu viel am Hut hat, weiß möglicherweise, dass der "Tresor" an der Leipziger Straße bis April 2005 einer der weltberühmtesten Technoclubs war. Aber wer kennt die Geschichte jener Frau, die eines Sonntagnachts versehentlich in den unterirdischen Katakomben vergessen und einfach eingeschlossen worden war? In den ersten 24 Stunden vertrieb sie sich die Zeit mit Essen und Trinken. In den nächsten 24 Stunden putzte und wienerte sie wie eine Wilde. Am Mittwoch aber wurde es ihr zu langweilig. Sie rief die Polizei.

30 Stationen auf dem Weg zum Berliner Pop-Profi

Auf seiner Tour besucht Thilo Schmied mehr als 30 Stationen in Mitte, Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Schöneberg. Er startet vor dem Hotel Adlon mit der Geschichte über den irgendwie verwirrten Michael Jackson, der im Jahr 2002 sein Baby aus dem Fenster im dritten Stock neben der grünen Regenrinne hielt. Er endet auf der Straße des 17. Juni, wo DJ Motte bis 2004 Millionen von Technojüngern mit seiner Love Parade behämmerte. Depeche Mode, Rammstein, Eminem, Dead Kennedys, Wir sind Helden, Rio Reiser, Buschido, Die Ärzte, Die Toten Hosen, Paul van Dyk, Sido - sie alle haben ihre Fingerabdrücke in den Häusern, Straßen und Telefonzellen der Stadt hinterlassen. Sie alle tranken und trinken in den Berliner Kneipen. Sie alle fühlten und fühlen sich angezogen von dieser maroden, modernen, geteilten, vereinten Stadt im Osten. Wegen der Brüche. Wegen der Spannung. Wegen uferloser Partys und wogender Drogen. "Bei vielen ist es schon erstaunlich, dass sie die Stadt lebendig verlassen haben", sagt einer der Interviewten. Auch Herr Pop hat die Telefonzelle und Berlin überlebt. Irgendwann hat er seinen Karottensaft genommen und seine Geschichten hinterlassen - merkwürdig private Geschichten eines fremden Berühmten.

Franziska Reich / print

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