Berlin Schönheitskur für den Alex


Kaiserzeit, Kommunismus und drei Revolutionen hat er durchlebt: der Berliner Alexanderplatz. Mittlerweile ist sein Mythos verblasst. Das muss nicht so bleiben: Der "Alex" ist dabei, sein Schmuddel-Image abzustreifen.

Noch pfeift ein scharfer Wind um die Kaufhäuser, die vielen Baustellen stören, doch in diesem Jahr gibt es Hoffnung für den Berliner Alexanderplatz: In diesem Sommer könnte der große zentrale Platz im ehemaligen Ostteil der Hauptstadt sein Schmuddel-Image abstreifen und wieder etwas an den Mythos vergangener Tage anknüpfen. Der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann sieht nach den Millionen-Investitionen der vergangenen Jahre Zukunft für den Alex. "Der Platz hat ein großes Potenzial. Für Berliner und für Touristen", sagt er.

Häußermann, Professor an der nahen Humboldt-Universität, sieht in seiner Fantasie bereits Cafétische auf dem Platz stehen. Er stellt sich Sportler, Spaziergänger oder Einkäufer dort vor - und junge Leute, die sich wie früher an der Weltzeituhr treffen. Der Alex wäre wieder ein Ort zum Verweilen, ein Platz, auf dem die hellen, restaurierten Fassaden der Behrens-Doppelhäuser aus den dreißiger Jahren neben dem neu gestalteten Kaufhaus gute Figur machen. Das Großstadtflair wäre durch den Regionalbahnhof, die restaurierten U-Bahn-Stationen und gemächlich vorbeisurrende gelbe Trams wieder zu spüren, überragt vom Touristenmagnet Fernsehturm.

Einladend, aber nie harmonisch

Das Szenario ist kein Wunschtraum. Seit 2004 haben private Investoren und der Senat mehr als 700 Millionen Euro investiert. Gebäude aus DDR-Zeiten wie das Haus des Lehrers mit dem Womacka- Mosaik oder die kleine Kongresshalle sind liebevoll saniert worden. In diesem Jahr wird eine zweite Straßenbahntrasse über den Alex führen. Das Einkaufszentrum "Alexa" will mit 180 Läden und 17 Restaurants eröffnen.

Obendrein will ein spanischer Investor das DDR-Gesundheitsministerium nahe dem Roten Rathaus abreißen lassen und in den kommenden Jahren ein modernes 1000-Zimmer-Hotel errichten. Es wäre neben dem gut gebuchten Park-Inn das zweite Hotel auf dem Alex.

Der Platz wird mit der Zeit einladender werden, schätzt Stadtsoziologe Häußermann. Doch ein harmonisches Bild wird der Alex auch nach der Schönheitskur kaum abgeben. Die Architektur des Platzes ist rund 200 Jahre nach der Namensgebung nach dem russischen Zaren Alexander so durcheinander gewürfelt, wie es typisch für das moderne Berliner Stadtbild ist. Der begonnenen Weltstadtplanung der zwanziger Jahre folgten die Lücken der Kriegszerstörung. Dann kam der Mauerbau, und in den sechziger und siebziger Jahren entstand die sozialistische Version eines zentralen Platzes mit seinen breiten Verkehrsschneisen und symmetrisch verteilten Plattenbauten.

Ungeliebtes Stiefkind

Nach der Wende roch es am Alex schnell nach Bratwurst und Chinapfanne. Billigbuden standen schief auf provisorischen Teerstreifen, am Brunnen saßen Punks mit ihren Hunden oder Trinker mit ihren Flaschen. Der Alex, einstiger Stolz der DDR-Architekten, sank immer weiter zu einem reinen Durchgangsort ab. Passanten hasteten zur U-Bahn, zur S-Bahn oder zum Zug oder in Kaufhäuser mit Wühltischen.

Der Platz hatte seine Vergangenheit, die der Maler Heinrich Zille oder der Schriftsteller und Arzt Alfred Döblin meisterhaft einfingen, verloren. Nichts erinnerte mehr daran, dass er in 200 Jahren drei Revolutionen erlebte: 1848, 1919 und am 4. November 1989. Er wirkte wie ein ungeliebtes Stiefkind, während der Gendarmenmarkt nach der Wende auf klassisch-schick machte - und der Potsdamer Platz sich völlig neu erfand. "Der Alexanderplatz hat einen kantigen Charakter", sagt der Historiker Alexander Schug.

Wieder ein Platz des Volkes

Nun ist ein Wandel zu spüren. Viele Kaufhäuser haben sich zu lichten Shoppingmeilen mit guter Auswahl gewandelt. Im Plattenbau residiert mit dem "Weekend" ein Szeneclub für die Nacht. Das filigrane Kongresscenter aus DDR-Zeiten ist bei kleineren Veranstaltern beliebt. "In diesem Jahr könnte der Alex wieder ein Platz des Volkes werden", sagt Stadtsoziologe Häußermann.

Und doch ist der hübschere Alexanderplatz vielleicht auch nur ein Provisorium. Denn bis 2013 könnten rund um den Platz Hochhäuser entstehen. Doch diese Hochhäuser sollen nur gebaut, wenn sich das für die Investoren wirtschaftlich trägt. Und das kann dauern - bei der wirtschaftlichen Struktur der deutschen Hauptstadt.

Ulrike von Leszczynski/DPA DPA

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