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Neues Wahrzeichen: Ein Jahr Elbphilharmonie - Hamburgs Zauberberg

Die Elbphilharmonie wurde vor einem Jahr unter großem Staunen eröffnet. Das kleine Weltwunder hat die Hansestadt und das Land verändert. Eine Bilanz mit viel Applaus.

Von David Baum und Oliver Creutz

Ein Jahr Elbphilharmonie – das neue Wahrzeichen von Hamburg

Alles spiegelt sich: In den 1100 Fensterelementen der Elbphilharmonie erscheinen der Hafen, das Wasser, der Himmel und die Stadtsilhouette

Die Teilnehmer einer Hafenrundfahrt auf der Barkasse "Regina" sind an einen besonders rauen Seebären geraten. Der Kapitän war viele Jahre auf den Weltmeeren unterwegs und hat zu jeder Sehenswürdigkeit des Hamburger Hafens eine persönliche Anekdote parat. Seit einigen Monaten allerdings scheinen seine liebsten Sehenswürdigkeiten zu Nebendarstellern degradiert. Entsprechend grummelig fällt die Anmoderation jener Attraktion aus, die allen anderen die Show stiehlt. "Wir hatten mal so 'nen blonden Schönling, der nannte sich Bürgermeister", beginnt er seine Geschichte, als das Boot die Elbphilharmonie ansteuert. Der habe ihm bei einer Flasche Whiskey an Bord erzählt, dass er auf "so 'nen alten Backsteinspeicher 'ne ganze Philharmonie für 77 Millionen Euro Spendengelder" errichten wolle. "Als das planmäßig fertig sein sollte, also im Jahre 2011, kam ich von der See zurück und hab 'ne Flasche Sekt gekauft und mir gedacht: Gehste mal hin zu der Eröffnung und gratulierst, aber da war bloß 'ne Baustelle, und die Bauarbeiter lachten mich aus, weil der Mann längst kein Bürgermeister mehr war."

Häufiges Bild des ersten Jahres: Beifallsrausch

Häufiges Bild des ersten Jahres: Beifallsrausch


So launig und schroff die Legende auch zusammengereimt sein mag, es hilft ihm nichts. Die Passagiere hören nicht mehr, sie haben längst ihre Smartphones gezückt, um eindrucksvolle Aufnahmen von dem Gebäude zu schießen, das selbst aus dem Dezembernebel in erhabener Schönheit in den Himmel ragt.

"Die Elbphilharmonie hat der Stadt Hamburg eine neue Perspektive gegeben"

Am 11. Januar 2018 jährt sich die feierliche Eröffnung zum ersten Mal, und schon jetzt lässt sich sagen, dass die Wirkung dieser jungen Institution die Stadt nachhaltig verändert hat. Hamburg hat einen Bau geschaffen, der die Stadt weltweit sichtbar macht. "Die Elbphilharmonie hat der Stadt Hamburg Lebendigkeit und eine neue Perspektive gegeben", sagt Generalmusikdirektor Kent Nagano. "Sie ermöglicht einen modernen internationalen Blick auf die Stadt." Die "New York Times" hat Hamburg sogar unter die zehn besten Reiseziele 2017 gereiht.

Spektakuläre Blicke erlaubt die Aussichtsplattform in 37 Metern Höhe

Spektakuläre Blicke erlaubt die Aussichtsplattform in 37 Metern Höhe

Es geht weit über die Besucherrekorde hinaus – die 530.000 Menschen, die sich Konzertkarten gekauft haben, die rund 16.000 Menschen, die im Durchschnitt täglich den sagenhaften Ausblick von der Plaza genießen. Kaum war der Betrieb aufgenommen, schienen alle Zweifel, der ewige Missmut über die Kostenexplosion auf immerhin fast 800 Millionen Euro, die Streitigkeiten und jahrelangen Verzögerungen wie von einem steifen Nordwind weggeblasen. Täglich strömen nun die Besuchermassen auch in das neue Stadtviertel, das zuvor trotz seiner zentralen Lage wie ein lebloser Satellit wirkte.

Arbeiter auf dem Dach des Gebäudes

Arbeiter auf dem Dach des Gebäudes


Auf einmal funktioniert diese Hafencity als logischer Teil der alten Kaufmannsstadt. "Es bedurfte eines signifikanten Baus, der von überall zu sehen ist und das neue Viertel in der ganzen Stadt sichtbar macht", sagt der Hamburger Architekt Hadi Teherani, der sich für das Werk seiner Schweizer Kollegen Jacques Herzog und Pierre de Meuron neidlos begeistert.

Ordner in der Elbphilharmonie tragen fröhliche Ringelshirts

Ordner in der Elbphilharmonie tragen fröhliche Ringelshirts

Es hat immer zum Wesen der Hansestadt gehört, sich hin und wieder neu zu erfinden. Wie oft in der Geschichte ist es auch diesmal geglückt. Damit ist die Elbphilharmonie mehr als nur ein weiterer Kulturbau einer deutschen Metropole. Jahrelang galt sie als eines der unseligen architektonischen Großprojekte im Land, bei denen ständig alles schiefläuft. Ob das Bahnhofsvorhaben "Stuttgart 21", der verstümmelte Berliner Hauptbahnhof oder gar der notorische Flughafenbau in Schönefeld – die Elbphilharmonie reihte sich nahtlos in die Vielzahl von Bauvorhaben ein, die durch Misswirtschaft und Fehlplanung den Ruf deutscher Effizienz ins Wanken brachten. Als schließlich der stolze und leicht provokante Schriftzug "Fertig" an der Fassade leuchtete, ging davon ein Signal aus: von der Möglichkeit eines Happy End. Nicht nur für Hamburg.

Wo Kate den Taktstock ergriff

Und die Welt sah, dass es gut war: Gustavo Dudamel, Riccardo Muti, Mariss Jansons, Simon Rattle, Jonas Kaufmann, Yuja Wang, Anne-Sophie Mutter, die großen Orchester dieser Welt; aber auch Stars aus unterschiedlichsten Genres wie Woody Allen, Bill Murray, Paolo Conte und die Einstürzenden Neubauten bereichern mit ihren Darbietungen das Programm des ersten Jahres.

Der voll besetzte Große Saal mit 2100 Sitzplätzen

Der voll besetzte Große Saal mit 2100 Sitzplätzen

Tatsächlich schien die Welt für einen Moment auf den Viermaster unter den Musikhallen zu blicken. Das britische Thronfolgerpaar reiste an, und Herzogin Kate ergriff höchstselbst den Taktstock. Beim G20-Gipfel lockte die Kanzlerin die teils merkwürdig besetzte Riege der Weltmächtigen in Beethovens aufklärerische Neunte. Zuletzt nutzte Hamburgs berühmtester lebender Sohn Karl Lagerfeld den großen Saal, um sich zu den Klängen von "La Paloma" vor seiner Heimatstadt noch einmal zu verbeugen. "Es war, als hätte uns Karl zu sich mit nach Hause genommen, es war uns bewusst, dass es etwas sehr Persönliches ist", sagt das französische Topmodel Othilia Simon, die in der jetzt schon legendären Chanel-Show mitgelaufen ist. Was für ein Jahr.

Auch laut ist erlaubt: der Schlagzeuger Bryan Devendorf von der US-Band The National im Oktober 2017

Auch laut ist erlaubt: der Schlagzeuger Bryan Devendorf von der US-Band The National im Oktober 2017

Die Faszination speist sich aus einer uralten Erzählung der Hansestadt, die mit der Elbphilharmonie ein neues Kapitel bekommen hat. Es ist die Geschichte vom Bürgersinn. Sie reicht zurück zum alten Grafen Holstein, der im Jahr 1189 mit seiner Vision eines Hafens und einem vermutlich gefälschten kaiserlichen Freibrief im Gepäck von einer langen Reise zurückgekehrt war und den Aufstieg der Stadt begründete. Sie findet sich wieder bei illustren Persönlichkeiten wie dem Reeder Albert Ballin, dessen Innovationen bis heute den Wohlstand der Stadt nähren. Und immer haben diese Einfälle mit dem Hafen zu tun, der den zurückhaltenden Hamburgern das Gefühl vermittelt, an etwas Großem teilzuhaben.

Familientag: Eine junge Geigerin ist bei ihrem Besuch im Konzerthaus müde geworden

Familientag: Eine junge Geigerin ist bei ihrem Besuch im Konzerthaus müde geworden

Dieser Geist muss das Ehepaar Jana Marko und Alexander Gérard beseelt haben, als sie vor 16 Jahren begannen, die Stadtoberen mit der verwegenen Idee zu drangsalieren, auf einen alten Kaispeicher, in dem zu jener Zeit wilde Partys gefeiert wurden, ein Konzerthaus von Weltbedeutung zu errichten. "Wir sind vermutlich irreparable Optimisten und haben immer daran geglaubt, dass das Konzerthaus kommt", sagt Gérard. Die Elbphilharmonie habe sich so ins Selbstbewusstsein der Stadt eingegraben, dass sie nach nur einem Jahr fester Bestandteil der Stadthistorie und der Stadtidentität geworden sei. Sie selbst sind früh aus der Entwicklung des Projekts ausgestiegen. Auch wenn sie vieles anders gemacht hätten, wenn sie heute vor dem Bau stehen, sei da "Liebe, noch immer und trotz allem".

Ein Publikum, so heterogen wie nirgendwo

Endlich drin. Es ist wahrlich nicht einfach, Karten für eines der Konzerte zu erhaschen. Wer es dennoch geschafft hat, mit der abenteuerlichen Rolltreppe, 82 Meter lang, durch eine Art Paillettentunnel auf die Aussichtsplattform "Plaza" zu fahren, sieht erst einmal Hafen und Stadt. Und sich dann mit einer ungewöhnlichen, für manchen befremdlichen Konzerthauskultur konfrontiert. Das Personal, in Matrosenshirts und Fracks gekleidet, tritt engagiert und zuvorkommend auf, geradezu unhanseatisch flirtend. Dazu dieses heterogene Publikum, wie man es an keinem anderen Ort der sogenannten Hochkultur antrifft. Da kommen Damen in großem Abendkleid und Pelzstola, daneben hocken Hipster im Designer-Jogginganzug. Überhaupt sind Sneakers an diesem Ort zur adäquaten Fußbekleidung in Klassikkonzerten aufgestiegen.

Die Superwelle: das Gebäude als Teil des Elbstroms

Die Superwelle: das Gebäude als Teil des Elbstroms

Das gefällt nicht jedem, und so wurde schnell über den Pöbel gemeckert, der mit den Gepflogenheiten fremdelt und nach dem ersten Satz begeistert in eine Sinfonie hineinklatscht. Inzwischen wird in manchen Programmheften ausdrücklich darauf hingewiesen, die Hände bei sich zu behalten. Und dann auch noch die umstrittene Akustik, die angeblich altgewohnte Klangteppiche in ein Konglomerat der einzelnen Instrumente zerlegt. Jana Marko erinnert sich amüsiert an eine Dame, die sich bei einem Konzert im November empörte, alles habe scheußlich geklungen, sie habe die Musik ihres geliebten Schubert kaum wiedererkannt. "Was daran gelegen haben dürfte, dass Beethoven aufgeführt wurde", sagt Marko.

Königliche Hoheit: Im Juli besuchte das britische Prinzenpaar die Stadt Hamburg. Herzogin Kate bildete für einen Moment das strahlende Zentrum des Konzertsaals

Königliche Hoheit: Im Juli besuchte das britische Prinzenpaar die Stadt Hamburg. Herzogin Kate bildete für einen Moment das strahlende Zentrum des Konzertsaals

Natürlich klangen auch umgekehrt die Akklamationen ziemlich übertrieben. "Ein Weltwunder", hieß es, "der beste Konzertsaal der Welt." Der Weltklassecellist Jan Vogler, der bereits vier Abende im Großen Saal bestreiten durfte, spricht von "Stolz, den ich in diesem Haus empfinde, weil wir was Großes geboren haben, etwas Kreatives, weshalb die Vorgeschichte nicht mehr so wichtig ist. Wie Nietzsche gesagt hat: 'Man muss das Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern zu gebären'." Aber ist nicht gerade diese Lust an der Größe unzeitgemäß? "Wenn die Elbphilharmonie ihre Attraktivität über die Zeit bewahren kann, wird sich bestätigen, was die bayerische Tourismuswirtschaft mit König Ludwigs Märchenschlössern längst entdeckt hat", schrieb dazu im Mai die klügste Zeitschrift der Welt, der "New Yorker". "Extravaganz zahlt sich am Ende aus."

Othilia Simon zählt zur Topmodelriege. Für die Chanel-Show reiste sie zum ersten Mal nach Hamburg

Othilia Simon zählt zur Topmodelriege. Für die Chanel-Show reiste sie zum ersten Mal nach Hamburg

Als der erste Abend mit Beethovens "Götterfunken" aus der Neunten Sinfonie beschlossen wurde, angeleitet vom Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters, Thomas Hengelbrock, in Anwesenheit des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin, da strahlten die Musiker wie Kinder nach dem ersten vollbrachten Vorspielen. Grenzenlose Freude durchströmte den Saal wie ein Edelgas, das Publikum klatschte sich in einen Rausch. Das Fernsehen übertrug live. Danach wurde die Elbphilharmonie in ihren Alltag entlassen.

Kent Nagano dirigiert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg. Zur Eröffnung der Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 begleitete ihn seine Frau Mari Kodama.

Kent Nagano dirigiert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg. Zur Eröffnung der Elbphilharmonie am 11. Januar 2017 begleitete ihn seine Frau Mari Kodama.


Etwa vier Wochen nach der Eröffnung fand der Musikbetrieb zu einer ersten großen Ruhe: Musiker und Chorsänger aus Lettland waren angereist, um Werke des Komponisten Arvo Pärt aufzuführen, Meisterstücke der Stille. Wärmende Geistes- und Geistermusik. Geigentöne stiegen wie feine Rauchfäden in den Raum, Momente ungeheurer Zärtlichkeit. Dann beugten sich einzelne Besucher in den bequemen Klappsesseln nach vorn, nestelten an ihren Smartphones, und es machte klick, klick, klick. Schließlich sollen die Freunde auf Facebook sehen, wo man war: in der Elbphilharmonie, dem Eiffelturm unter den Konzertsälen. An diesem Abend zeigte sich: Stille ist für manchen kaum auszuhalten.

"Das Gebäude hat eine große zivile Kraft"

Es geschieht auch umgekehrt. Vor dem Auftritt der US-Band Lambchop im Februar standen einige Besucher im Foyer mit dem gigantischen Ausblick auf den Hafen: Lichter im Dunkeln von vorbeiziehenden Schiffen, den Löschkränen und den Industrieanlagen. Dann sagte ein Ehepaar, wie sehr es sich auf den Country-Abend freue, von dem es in der Zeitung gelesen hatte. Es muss ein besonderes Erwachen gegeben haben, als die Alternative-Band, die mit klassischem Country wenig zu tun hat, ihre Songs anstimmte.

Dirigent Thomas Hengelbrock bei der Arbeit

Dirigent Thomas Hengelbrock bei der Arbeit

Es ist das Schicksal eines jeden Musikensembles, das in diesem Haus auftritt, erst einmal die Aufmerksamkeit weg von der Architektur auf sich ziehen zu müssen. Eine harte Konkurrenz. Dabei könnte dieser Karneval der Kulturen, die un gewohnte Buntheit des Publikums geradezu wegweisend sein. Heißt es nicht immer wieder in linken Zeitschriften und Diskussionsforen, die Subventionierung von Opern und Konzerthäusern durch den Steuerzahler sei eine nicht hinzunehmende Umverteilung staatlicher Gelder zugunsten reicher Leute, die sich in ihrer elitären Gesellschaft an verstaubter Musik aus dem 19. Jahrhundert laben? Vielleicht findet gerade in der Elbphilharmonie eine Art Sozialdemokratisierung des klassischen Musikbetriebs statt.

Staatschefparade beim G20-Gipfel Anfang Juli 2017

Staatschefparade beim G20-Gipfel Anfang Juli 2017

Carsten Brosda, Hamburgs Senator für Kultur und Medien, muss bei dem Gedanken schmunzeln. Das hätte ihm selbst einfallen sollen. Dem 43-Jährigen ist das Amt und die damit verbundene Oberaufsicht der Elbphilharmonie mehr oder weniger passiert. Seine Vorgängerin, die das Projekt zu ihrem Anliegen gemacht hatte, war drei Monate vor der Eröffnung auf traurige Weise verstorben. Am Abend des ersten Konzerts ließ Brosda einen Blumenstrauß auf ihren leeren Platz legen. "Das Gebäude hat eine große zivile Kraft", sagt er. Obwohl die Hamburger in die Sache "auch etwas hineingestolpert sind, ohne zu wissen, was das alles bedeuten würde". Das Wichtigste sei, dass sich durch die weltweite Aufmerksamkeit auch das Selbstverständnis verändert habe.

Auftritt des Modekaisers: Karl Lagerfeld am Nikolausabend 2017

Auftritt des Modekaisers: Karl Lagerfeld am Nikolausabend 2017


"Hamburg bekommt gespiegelt, dass es kulturell interessant ist, das prägt uns auch selbst." Er schwärmt von den Traditionslinien der Stadt, in der schließlich Größen wie Brahms, Telemann oder die Geschwister Mendelssohn Bartholdy wirkten, die "wir vielleicht nicht wie andere Städte reflektiert und zum täglichen Erzählen über uns selbst gemacht haben". Die Elbphilharmonie habe den entscheidenden Impuls geliefert, dies in Zukunft zu ändern. "Wir nehmen die Herausforderung ernst, die entstanden ist", sagt Brosda. "Da kann Hamburg stärker seine Stimme im kulturellen Diskurs der Bundesrepublik erheben."

"Ich bin skeptisch diesen Wahrzeichen, die unsere Städte noch attraktiver machen sollen"

Es wäre jedoch nicht Hamburg, hätte sich nicht sofort eine eigene Protestkultur zum Gesamtwerk etabliert. Rocko Schamoni, Entertainer, Musiker und Künstler, sitzt im Séparée des "Mad Hatter", eines Clubs auf St. Pauli, für den er ein Wandmosaik aus bunten Fliesen gestaltet hat. Es sind Schiffe zu erkennen und etwas sehr Großes, rot-gelb Leuchtendes: Es soll die brennende Elbphilharmonie symbolisieren, auf einem Schiff sitzt der Anarchist Michail Bakunin und segelt davon. Schamoni meint seine Kritik durchaus ernst. "Ich bin skeptisch bei all diesen Wahrzeichen, die unsere Städte immer noch attraktiver machen sollen", sagt er. "Wir haben in Hamburg seit 2007 eine Steigerung der Übernachtungen von sieben auf 13 Millionen. Die unendlichen Touristenhorden, die durch unsere Stadt gepresst werden, hinterlassen neben ihrem Geld nur eine triste Spur von Exkrementen, Entfremdung und Abgegriffenheit."

Filmstar John Malkovich im März 2017

Filmstar John Malkovich im März 2017


Selbst war er erst einmal für ein Konzert von Chilly Gonzales in dem Haus. "Was ich an Veranstaltungsorten mag, ist ein Abtauchen, ein Verschwinden meiner selbst im Publikum, in der Musik und in der Kunst", sagt Schamoni. "Das gelingt mir in der Elphi nicht. Jeder Platz ist beleuchtet und einsehbar, ich sitze im halb beleuchteten Saal mit tausend Augen mir gegenüber und fühle mich kontrolliert, beobachtet, unfrei." Und doch ist er mit seinem Wandgemälde selbst Teil des Gesamtkunstwerks "Elbphilharmonie" geworden.

Ruhepause im Musikerbistro

Ruhepause im Musikerbistro

Dabei kann man dem Musikbetrieb keinesfalls vorwerfen, nicht selbst politisch zu agieren. Nicht erst das Konzert zum G20-Gipfel, das der Kultursenator "ein demokratiepolitisches Experiment" nennt, bei dem man Politiker einer Kunst ausgesetzt hätte, die "einigem diametral widerspricht, wofür da manche stehen".

Einen der frühen Höhepunkte erlebte der Große Saal durch eine zeitgeschichtliche Fügung: Am 15. März war das Philharmonische Orchester aus Rotterdam zu Gast. Bernstein, Chopin, Rachmaninow. Ein ansonsten routinierter Rausch erklang mit einem Mal wie eine Hymne an die Freiheit. Denn an diesem Tag hatten die Niederländer gewählt, Europa hatte einen Sieg des Rechtspopulisten Geert Wilders gefürchtet, und während die Musiker spielten, verbreitete sich die Nachricht, dass Wilders die Wahl verloren habe. Jubelnd strömten die Klänge aus den Instrumenten, und selbst die Triangel war leise und deutlich zu vernehmen, wie die Glocke eines Schiffs, das durch den Nebel zurück in den Hafen gefunden hat.

Die Saalverkleidung, genannt "Weiße Haut", mit einigen der insgesamt 4765 Orgelpfeifen

Die Saalverkleidung, genannt "Weiße Haut", mit einigen der insgesamt 4765 Orgelpfeifen

Sogar der Auftritt der Geigerin Anne-Sophie Mutter ließe sich als eine Kapriole der Zeitgeschichte deuten: Am Tag nach dem Platzen der Jamaika-Sondierungen kleidet sich Mutter in einem grünen Kostüm und trägt den "Jamaican Rumba" des Australiers Arthur Benjamin vor. Ihr Spiel flutet den Saal, sie schickt die Tonkaskaden in jeden Winkel, jedes Hüsteln, Nesteln, Rascheln im Saal wird von ihr fortgefegt. Am Schluss, als sie den Bogen sinken lässt – wie eine Schwimmerin, die nach 40 Bahnen Freistil am Beckenrand anschlägt –, scheint sie zu spüren, was sie geleistet hat, zu sehr außer Atem, um zu lächeln. Schließlich spielt sie Zugabe um Zugabe, als wolle sie diesen Saal auf keinen Fall verlassen.

"Man muss diesem Saal gewachsen sein"

Wie es ist, auf dieser Bühne zu stehen oder zu sitzen, beobachtet von etwa 2100 Augenpaaren, die wie im Kolosseum auf ein Spektakel hoffen, erzählt Starpianist Igor Levit: "Wie in einer großen Kirche, aber auch wie in einer Einzelzelle in einer Nervenheilanstalt." Levit trat Ende März auf, eingesprungen für den erkrankten Lang Lang. Bewaffnet mit Beethoven, Schubert und Prokofjew stellte er sich der Menge – und gewann. Anschließend sagte er: "Der Saal erklingt erstaunlich nahbar, sehr freundlich. Der Ton ist sehr schnell. Ich mag das: schnell und unkompliziert. Ich höre mich selbst. Aber man muss diesem Saal gewachsen sein, sonst frisst er dich auf." Und einen Nachteil habe diese transparente Akustik zudem: "Ich höre, wie jemand auf dem obersten Balkon davonschleicht. Ich kann am Flügel sitzend jede Unterhaltung mitschreiben. Es ist alles wie unter dem Vergrößerungsglas."

Ein Stück Widerstand: Rocko Schamoni und der Lokalbesitzer Tim Seidel vor ihrem Mosaik, das die brennende Elbphilharmonie symbolisiert

Ein Stück Widerstand: Rocko Schamoni und der Lokalbesitzer Tim Seidel vor ihrem Mosaik, das die brennende Elbphilharmonie symbolisiert

Und wieder geht ein Abend in der Elbphilharmonie zu Ende, dieses Mal mit großem Schlussapplaus und keinem falschen Zwischenklatscher. Auf dem Nebenplatz sitzt Joachim Mischke, Kultur-Chefreporter beim "Hamburger Abendblatt" und Autor eines Buchs über die Elbphilharmonie. Jahrelang hat er aus dem bescheidenen Hamburger Konzertbetrieb berichtet. "Es passiert einem nur einmal im Leben, dass man an so etwas Anteil haben darf", sagt er. Nach eigener Schätzung war er bereits 90 Mal hier – und bringt das allgemeine Hochgefühl auf den Punkt: "Das ist das eigentliche Wunder an diesem Konzerthaus: Es verändert Leben."

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