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Hamburger Stadtviertel: Schanzenviertel: Dreckig und wild oder hip und angepasst?

Zerrissen zwischen linker Alternative und neubürgerlichem Schick, zwischen „Gefahrengebiet“ und Latte-Macchiato-Meile: Das Hamburger Quartier, das seine Bewohner einfach nur "Schanze" nennen, ist auf der Suche nach sich selbst.

Das Schulterblatt ist mit seinen Kneipen, Shops und Bars die Lebensader des Schanzenviertels.

Das Schulterblatt ist mit seinen Kneipen, Shops und Bars die Lebensader des Schanzenviertels.


Ach, Schanze. Du hast es nicht leicht gehabt in den letzten Jahren deines Selbstfindungsprozesses. Aufgewachsen als Schmuddelkind, kam deine wilde Punkerjugend, die abgelöst wurde vom libertärkreativen frühen Erwachsenenalter. Und schließlich der Wechsel zum heute eher entspannteren Leben, in dem du dir auch mal ein wenig Luxus gönnst, obwohl du im Herzen natürlich noch total alternativ bist. Oder es zumindest sein möchtest.

"Szeneviertel" nennen Reiseführer und Stadtmarketing Gegenden wie dich, und wie überall auf der Welt bedeutet das: Bald ist deine Seele wahrscheinlich vollends weggentrifiziert. Aber bis dahin kann man dich noch gut besichtigen und sich hip fühlen, wenn man bei dir abhängt. Auch wenn die, die dich noch von früher kennen, dabei nostalgisch werden.

1988 machtest du bundesweit von dir reden, weil du dich dagegen wehrtest, Hamburgs neues Musicalviertel zu werden. Auf deiner Hauptstraße, dem Schulterblatt, sollte das "Phantom der Oper" in das heruntergekommene alte Varietétheater Flora einziehen. "Der Spiegel" beschrieb damals deine Bewohner im Stabreim: "Punks und Proleten, Alte und Ausländer". Die Anwohner hatten Angst vor einer "Yuppisierung" des Viertels, so wurde das bezeichnet, was heute Gentrifizierung heißt. Die Proteste waren erfolgreich, der Musicalproduzent suchte sich einen anderen Standort, die Flora ist seit 1989 ein besetztes links-alternatives Kulturzentrum.

Schanze wird zum "Gefahrengebiet" erklärt

Du hast seitdem einen ziemlich wilden Ruf weg. Studenten, die Anfang der Nullerjahre in eine deiner vielen Altbau-WGs rund um Schulterblatt, Bartelsstraße und Susannenstraße zogen, bekamen Anrufe von besorgten Eltern, weil in den Nachrichten mal wieder von "Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel" berichtet wurde. Regelmäßig zum 1. Mai und zum Schanzenfest im September brannten Mülltonnen, und es gab rituelle Schlachten mit der Polizei. 2014 wurdest du sogar kurzzeitig zum "Gefahrengebiet" erklärt. Warum eigentlich immer dieser Stress? Vielleicht weil deine Angst zu groß war, irgendwann doch genauso angepasst und normal zu werden wie die anderen Viertel.

Rote Flora

Kein Musicaltheater: Die Rote Flora, das alternative Zentrum der Schanze.


1988, als die Musicalgegner protestierten, wurden ihre Befürchtungen im "Spiegel" so benannt: das "Schreckensbild einer Horde junger zahlungskräftiger Erfolgsmenschen in Designer-Klamotten, die, Drinks schlürfend, ständig nach schicken Luxusgütern Ausschau halten". Tja. Knappe dreißig Jahre später scheint dieses "Schreckensbild" auch ohne Musical real geworden zu sein, zumindest wenn man dich an einem Samstagnachmittag besucht, wenn die Besucher zum Shoppen und Kaffeetrinken kommen.

Sehnsuchtsort Schanze

Ja, die Rote Flora steht noch immer dreckig und trotzig in deiner Mitte. Aber das Schulterblatt davor ist mittlerweile hübsch renoviert und nennt sich "Piazza". Ja, es gibt noch ein paar der alteingesessenen Läden: die Buchhandlung im Schanzenviertel, Stüdemanns Kaffee- und Teeladen, das Café Saal II, die Daniela Bar, Bruno's Käseladen. Aber Gemüsehändler sucht man heute vergebens auf dem Schulterblatt, und wenn einer der alten Läden dichtmacht, zieht wahrscheinlich die Filiale einer großen Kette ein oder ein minimalistischer Shop, der Brillen in limitierter Auflage verkauft.

Sehnsuchtsort bist du immer noch. Jedes Wochenende kommen Scharen feierfreudiger Menschen zu dir und füllen deine Bars, meist sind sie noch so jung, dass sie deine wilde Jugend nicht erlebt haben.

Wie hin- und hergerissen du in deinem Selbstfindungsprozess bist, konnte man in diesem Sommer nach dem G20-Gipfel sehen. Mehrere Stunden herrschte Ausnahmezustand in deinen Straßen, weil Randalierer wüteten und die Polizei erst spät einschritt. Die Schuld an der Gewalt gaben einige pauschal der Roten Flora, die die Chaoten eingeladen habe. Während sich viele langjährige Schanzenbewohner und Ladenbetreiber um eine differenzierte Darstellung der Krawallnacht bemühten und sich solidarisch mit der Flora zeigten, forderte ein anderer Anwohner per Online-Petition, das alternative Zentrum zu räumen und in eine Kita umzuwandeln.

Wahrscheinlich wirst du dich bald entscheiden müssen, liebe Schanze: Kannst du noch ein bisschen wildes, dreckiges Leben im Herzen behalten, oder gibst du der bequemen Versuchung nach, so zu werden wie deine angepassten Nachbarviertel?

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