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Viertel mit Jugendstil-Fassaden: Harvestehude: Wo die betuchten Hamburger residieren

Wer hier auf der richtigen Seite lebt, der residiert mehr, als er wohnt. So fein das Quartier zwischen Hallerstraße und Isestraße ist, so dezent sind die Menschen.

Von Jochen Siemens

Eine Klasse für sich: Hamburg-Harvestehude hat die höchste Porsche- und Range-Rover-Dichte in Deutschland.

Eine Klasse für sich: Hamburg-Harvestehude hat die höchste Porsche- und Range-Rover-Dichte in Deutschland.

Es sind nur zwei Quadratkilometer, das ist so klein, dass man nur über eine Straße gehen muss, schon heißt das Viertel nicht mehr Harvestehude. Sondern Rotherbaum. Oder Eimsbüttel. Aber das ist egal, so wie es dem Harvestehuder auch einerlei ist, wo genau die Stadtteilgrenze verläuft; ja sogar, dass er ein Harvestehuder ist. Sagt hier keiner von sich. Aber man erkennt, wo man ist. Am Kopfsteinpflaster, an den mächtigen alten Bäumen, an den vielen Minis und Porsches. Und an den Häusern.

Häuser, wie sie sonst nirgendwo in Hamburg und selten in Deutschland stehen. Gründerzeit, drei Meter hohe Eingangstüren, Jugendstil, Stuckdecken, Eichendielen, 100 Quadratmeter große Wohnzimmer, alles gebaut um Innenkarrees, so groß wie Fußballplätze mit Wiesen und Wäldern aus Kastanien- und Lindenbäumen. In den Straßen werden viele Filme für Werbung und fürs Fernsehen gedreht, weil die Kulisse eine so heile Stadtwelt ist.

Hamburgs Manhattan: Die Grindelhochhäuser

Hier, zwischen Oberstraße, Brahmsallee, Innocentiastraße und Isestraße, wird gewohnt. Gewohnt mit Ausrufezeichen. Manche Preise gehören zu den höchsten der Stadt, andere überraschend nicht. Denn Harvestehude ist zu dicht am Zentrum der Stadt und zu nah an der Universität, um sich nur in Kaschmir zu hüllen. Die Aldi- und Lidl-Wirklichkeit ist schon auf der anderen Straßenseite bei den Grindelhochhäusern zu spüren, dieser denkmalgeschützten, nach dem Krieg gebauten ersten Hochhaussiedlung Deutschlands.

Damals, 1951, waren sie prominent, es war aufregend, im achten oder neunten Stock zu wohnen, Hamburgs Manhattan nannte man es. Der Opernintendant Rolf Liebermann oder der Literat Kurt Hiller wohnten hier. Heute beherbergen sie Sozialwohnungen und das Bezirksamt, was man an der Autoveränderung sieht: tiefer gelegte VW Golf und Toyotas. Passt vielleicht nicht zusammen, funktioniert hier aber.

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Stolpersteine auf den Gehwegen

Wie an jedem Wochenende im "Inno"-Park, diesem grünen Herz in der Mitte des Viertels. Morgens Jogger und Yoga-Verbieger, ab mittags Caffè-Latte-Mütter mit teuren Kinderwagen oder teuren Hunden und türkische Familien mit rauchenden Grills. Auf den Parkbänken die Alten, die hier schon ewig wohnen und sich erinnern, dass der Park mal einen Teich in seiner Mitte hatte.

Das ist lange her und gehört zur tragischen Geschichte Harvestehudes, von der heute nur noch die Stolpersteine auf den Gehwegen erzählen. Hier war einst das jüdische Leben Hamburgs, hier und in den kleinen Straßen am Grindelhof, wo heute noch die einzige jüdische Schule Hamburgs steht. Es war der Innocentiapark, der von den Nazis für Juden gesperrt, vom Nachbarn in SA-Uniform kontrolliert wurde. Dann kamen die nächtlichen Deportationen. Wenn heute nach einem Regenschauer wieder die Sonne scheint, sieht man die vielen Messingschildchen mit den Namen der Deportierten auf den Stolpersteinen blinken.

Kaum Nachtleben in Harvestehude

Harvestehude, der Name kommt von einem Kloster, das hier bis 1530 stand und an das auch die Straße Jungfrauenthal erinnert, denn als das laute und sittlich lose Hafenleben in die Stadt schwappte, markierten die Nonnen hier ihr Revier der Sündenfreiheit. Das mit der Sündenfreiheit ist geblieben, Harvestehude hat kein Nachtleben, man muss lange am Quartiersrand wandern, um eine Theke zu finden. Den Rand markieren der Grindelhof im Süden, die Isestraße im Norden. In der "Brücke" oder der "Glocke" oder bei einem wie auf einer Kette gereihten Italiener im Grindelhof gegenüber den Kammerspielen, im sympathischen "Café David" oder im engen "Küchenfreunde" trifft man den Harvestehuder.

Der Harvestehuder? Grob geschätzt ein Anwalt-Banker-Werber- Selbstständiger. Und natürlich – wir sind ja in Hamburg – Medienmensch. Der NDR hat hier sein Funkhaus, eines der ältesten Cafés heißt "Funk-Eck". Die Chefredakteurs- und Moderatorenquote ist dementsprechend sichtbar, aber – weil wir ja in Hamburg sind – dezent.

Keiner fällt um, wenn der Talkmaster von gestern Abend auf einmal neben einem an der Käsetheke steht. Oder der TV-Koch Salami kauft. All das kann man geballt dienstags und freitags auf dem Isemarkt erleben, dem angeblich längsten Markt Europas, überdacht von den U-Bahn-Gleisen der U3. Oben ein wenig Brooklyn, unten Paris, und an den Ständen kauft Frau Harvestehude in Kaschmir bei der Gemüsefrau mit Tattoo und Piercing. Wer wollte hier nicht wohnen.


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