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Stadtteil Ottensen: Wo die Brötchen 1,60 Euro kosten: Willkommen in Hamburgs gentrifiziertem Dorf

Halb alternativ, halb gentrifiziert: Hamburgs ehemalige Arbeiterstadtteil im Bezirk Altona hat sich zum beliebten Wohnquartier gewandelt. Sein Charme jedoch ist geblieben.

Von Gunnar Herbst

Wo einst Schiffsschrauben hergestellt wurden, zeigen die Zeise Kinos heute Filme. Das Eisenstein weiter rechts hat sich mit leckeren Pizzen einen Namen gemacht.

Wo einst Schiffsschrauben hergestellt wurden, zeigen die Zeise Kinos heute Filme. Das Eisenstein weiter rechts hat sich mit leckeren Pizzen einen Namen gemacht.

Und dann setzt man sich in ein Café, ins Knuth oder in die Rehbar, am besten nach draußen, trinkt einen Cappuccino und schaut, wie das Leben seinen Lauf nimmt. Wie junge Väter und Mütter ihre Kinderwagen durch die Straßen schieben. Wie Erwachsene jedes Alters mit vollen Taschen vom Einkaufen kommen. Wie Selbstständige mittags ihre kleinen Büros in ehemaligen Läden oder Gewerberäumen verlassen, um essen zu gehen. Klingt nach Kreuzberg? Ist aber .

Sitzen und schauen, das beherrscht man hier in Perfektion. Es gibt keinen besseren Weg, um diesen Stadtteil kennenzulernen, dieses Dorf, das zugleich ein Lebensgefühl ist. Ein ziemlich entspanntes noch dazu. Vielleicht liegt es an den schönen Altbauten. An den kreativen Menschen und an jenen, die sich dafür halten. Oder an den alternativen Lebensmodellen, mit denen man hier noch immer sympathisiert.

Die Gentrifizierung hat das Viertel fest im Griff

Wer in Ottensen wohnt, wählt mehrheitlich links und grün. Dabei hat die das Viertel fest im Griff. Hohe Mieten, hohe Einkommen, aus alten Kneipen werden schicke Bars. Wo einst Gemüse, Fisch oder Fleisch verkauft wurde, ziehen Modeläden ein, Agenturen und Architektenbüros, Eisläden und Lifestyle-Bäcker, in denen ein Brötchen schon mal 1,60 Euro kostet. Manch einer, der früher in Ottensen wohnte, schüttelt heute verwundert den Kopf.

Entspannt in Ottensen: Claudia Hohmann ließt Zeitung in der Reh Bar.

Entspannt in Ottensen: Claudia Hohmann ließt Zeitung in der Reh Bar.

Dabei ist das alte Ottensen noch immer zu finden: die Döner- und Falafel-Buden, die bettelnden am Spritzenplatz, die inhabergeführten kleinen Läden, in denen esoterische Literatur verkauft wird oder Nippes aus Indien. Und die Alteingesessenen. Seit 1878 hat die "Buchhandlung Christiansen" ihren Sitz in der Bahrenfelder Straße, "Christine Bruhn Papier und Design" ein paar Meter weiter wird in fünfter Generation geführt.

Wie in einem großen Dorf

Man kennt sich und weiß das zu schätzen, das Familiäre, den Schnack mit Freunden, denen man zufällig über den Weg läuft. Auch deshalb wirkt Ottensen noch immer wie ein großes Dorf mitten in der Großstadt, trotz allen Wandels. Sogar Hühner gibt es hier, sie gehören zum Kulturzentrum Motte.

Früher war Ottensen ein Arbeiterstadtteil, mit Gewerbe und Fabriken für Senf, Schokolade und Schiffsschrauben. Dann kamen die Alternativen, die Akademiker, die Zuwanderer aus der Türkei. Heute werden in den sanierten Mauern der Fabriken Filme gezeigt (Zeise Kinos), Dramen aufgeführt (Monsun Theater) und Konzerte gespielt (Fabrik). Kultur, wo früher malocht wurde: Auch das ist Ottensen.

Genau wie der Mut zum Widerstand. Am 17. Juli 1932, dem Altonaer Blutsonntag, marschierten Nazis durch Ottensen und stießen auf kommunistische Gegendemonstranten. Die Schießereien kosteten 18 Menschen das Leben. Später wehrte man sich gegen den Abriss historischer Bauten, oft mit Erfolg. In den 70er Jahren wollten Planer das Zentrum abreißen, um Platz für eine City West zu schaffen. Das wäre es dann gewesen mit der Ottenser Herrlichkeit. Den Abriss des preußischen Bahnhofs und des Bismarckbades konnte man hingegen nicht verhindern. Aber das blieben zum Glück Ausnahmen.

Typischer Straßenzug Ottensen: der Nernstweg

Typischer Straßenzug Ottensen: der Nernstweg

Heute gilt Ottensen als schick

Man isst gut im Petit Amour, der Brasserie La Provence oder dem Eisenstein. Die Elbe ist nah, ebenso die Nobelviertel Othmarschen und Klein Flottbek. Der Charme und die hohe Lebensqualität des Stadtteils locken auch Besserverdiener nach Ottensen. Wer nach Hamburg zieht und Geld hat, sucht hier eine Wohnung, zur Miete oder immer öfter zum Kauf. Selbst einfache Apartments kosten ein Vermögen.

Viele, die in Ottensen wohnen, entdecken ihre kreative Ader: malen, töpfern, singen, schauspielern, selbst wenn es für die große Bühne nicht reicht. Auch manch bekannter Künstler wohnt hier: die Schauspieler Peter Lohmeyer, Nina Petri und Hannelore Hoger, ebenso der Regisseur Fatih Akin, die Musiker Jan Delay und Bill Ramsey. In Ottensen gehen sie ungestört ihrer Wege. Man muss nur lang genug im Café sitzen und schauen, um sie zu sehen.

Wenn dann der letzte Cappuccino getrunken ist, irgendwann in aller Ruhe, steht man auf und bummelt durch das Herz des Stadtteils: vom Spritzenplatz die Ottenser Hauptstraße hoch zur Großen Brunnenstraße, weiter durch die Arnoldstraße und den Fischers Park an die Elbe. Schlendern und schauen, auch das beherrschen die Menschen hier in Perfektion.


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