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Hamburg und die Elbphilharmonie: Die Wasserstadt wird zur Weltstadt

Schön war sie schon immer, die Edle unter den deutschen Metropolen. Die Elbphilharmonie, das architektonische Meisterwerk, verschiebt die Dimensionen: Die Hansestadt glänzt wie nie zuvor.

Von Ulrike Posche

Elbphilharmonie

Schwebender Mondstein auf granatfarbenem Backsteinklotz: die Elbphilharmonie

Wenn man aus kommt oder aus der Hauptstadt, aus Leverkusen oder Ulm, dann fühlt es sich an wie ein Traum. Quatsch, wie Erlösung. Als wäre Glitzer in der hellen Luft, ein Hauch Atemgold. So frisch alles, so klar und aufgeräumt. Der rotschwarze Backstein schimmert hier kostbarer als irgendwo. Die Giebel sind höher. Die weißen Herrensitze leuchten stolz, aber nicht zu stolz über den Wassern. All die Söhne und Töchter der Flussgötter scheinen verliebt ins eigene Spiegelbild. Türme, Kräne, Kontore und Paläste, sie schreien nicht zum Himmel – sie lassen ihn blau verstummen.

Ja, die alte Lady ist sich ihrer betörenden Wirkung bei Sonne durchaus bewusst. Und was soll man sagen? Sie hat auch allen Grund!

Hamburg, das mit Sternenstaub besetzte Collier

Denn ist nicht bloß eine Perle, wie es in der Hymne heißt. Keine kleine Kostbarkeit aus dem deutschen Schmuckkästlein. Nein, nein, die Hansestadt ist das mit Brillanten und Saphiren, mit weißem Gold und Sternenstaub besetzte Collier am Hals der Republik! Und als glänzte das nicht auch so schon genug, prangt in der Mitte des Geschmeides nun auch noch ein Mondstein im Wellenschliff auf rotem Granat.

Hamburg ist die Weltstadt, die Wasserstadt, die Edle unter den deutschen Städten. Und wer das nicht glaubt, der soll sich gefälligst in einen IC oder ICE setzen und von Süden her bis Altona reisen, am besten im Speisewagen. Oder im Abteil. Und dann gleich hinter Harburg auf dem Quivive sein – und einfach nur gucken. Auf geht’s!

Würfel, Fenster, Origami

Zuerst tauchen links die Löschkräne am Kleinen Grasbrook aus dem Bodennebel, Containergebirge, Frachter, Kreuzfahrtschiffe, die „Queen Mary II“. Dann gleitet der fernwehe Blick auf die zugige Hafencity mit ihren hingehusteten Würfelbauten und auf das Weltkulturerbe Speicherstadt. Wenn man denkt, jetzt kann ja eigentlich links nichts mehr kommen, blinzelt plötzlich sie durch die Fluchten: die , von hiesigen Zeitungsmachern kurz „Elphi“ genannt. Mit hoch aufgesetzter, spitzer Krone, den Mantel mit Schwung über die Schulter geworfen, schallentkoppelt und auf Federpaketen ruhend, reckt sie sich in das Gleißen des Himmels.

Tränen für Töne: die Elbphilharmonie

Als die Planer ihr Meisterwerk vor wenigen Wochen der Stadt übergaben, hätten manche geweint, hört man. Als die Ingenieure die ersten gebogenen und bloß am Computer errechneten Gipskartonplatten an die Rohbaudecke des wie von Origamikünstlern gefältelten und gewundenen großen Konzertsaals einbauten, hätten manche vor geschluchzt. Als die Musiker des Elbphilharmonie- Orchesters zum ersten Mal in diesem Raum musizierten, da wirkten sie alle wie erleuchtet.

Nicht wegen Brahms, sondern wegen Herrn Toyota. Der Akustiker aus Hiroshima habe ihnen einen Arbeitsplatz gebaut, wie es ihn auf der ganzen Welt nicht noch einmal gebe, schwärmt der Cellist Christoph Rocholl: „Selbst als Musiker fühlt man sich hier umhüllt und geborgen.“ Und nirgends sei der Klang transparenter. Sogar den an sich nüchternen Ersten Bürgermeister hatte es in den fett gepolsterten Sitzen umgehauen. „Als ich das erste Mal drin war“, sagt , „da hat es mich sakral angemutet.“

The Westin: Elbphilharmonie-Hotel: Hier liegt Ihnen Hamburg zu Füßen
The Westin Hamburg

Welch ein Ausblick auf die Stadt: Die doppelstöckige Maisonette Suite in der 19. Etage des Hotels in der Elbphilharmonie.


Sakral angemutet. Ja, so reden sie in Hamburg. Manchmal sagen sie auch „Schokolodenbonone“, „Bodekappe“ oder „An-s-tand“. Männer heißen hier „Boi“ oder „Hinnerk“. Man muss sich daran gewöhnen, wenn man aus südlicheren Städten kommt, in denen Männer Jürgen heißen oder Rüdiger. Aus Städten, in denen sie nicht die Fenster zur Straße hin beleuchten – auch wenn sie gar nicht zu Hause sind. Karin Beier, umjubelte Intendantin des Schauspielhauses an der Kirchenallee, brauchte einige Zeit, um mit der Hamburger Art warm zu werden.

„Wir freuen uns sehr, dass Sie als Gast an unser Theater kommen“, hatte man sie begrüßt. Und damit gleich klargestellt: Das ist nicht dein Theater! Das ist die Schaubühne des Bürgertums, wir haben sie bezahlt. Hamburg sei „zu Recht stolz auf seine flachen Hierarchien“, findet Beier. Andererseits hätten sie hier das gemeinsame Lernen bis zur 6. Klasse gekippt und trennten nun wieder zwischen Gymnasiasten und den anderen: „Da ist für mich ein gewisser elitärer Anspruch spürbar“, sagt Beier, „aber genau aus dieser Widersprüchlichkeit entsteht wahrscheinlich die kreative Energie dieser Stadt.“

Seltsames Völkchen, diese Hamburger

Und wie dankbar sie unter dem beschützenden Mantel der Kultur lachen! Karin Beier kam übrigens aus Köln. Da lachen die Zuschauer einfach so. Aber ist das nicht ein Klischee? Das Aal-in-Aspikhafte, das Seitengescheitelte, die Hamburger Arroganz? Die Pfeffersäcke in ihren Tweeds von „Ladage & Oelke“? Die Eis-Enten, erst aufgefrischt vom Stardermatologen, anschließend Ladys’ Lunch? Doch, ist es! Aber auch das Gegenteil ist wahr. „Der Hamburger hat ein über die Maßen großes Selbstbewusstsein“, hat Carl-Friedrich Arp Ole Freiherr von Beust, 61, festgestellt, „was mit der Eigenart einhergeht, ein wenig eng zu denken.“

Frau Kruger und Frau Merkel

Beust ist in Hamburg geboren. Er war von 2001 bis 2010 Erster Bürgermeister. Drei Jahre nach seiner Amtszeit hat der naturblonde CDU-Mann seinen Lebensgefährten geheiratet. Er ist viel rumgekommen, er kennt sich aus. „Hamburg ist großartig“, sagt Beust, „aber es ist nicht, wie viele denken, der Nabel der Welt.“ Hin und wieder kann man an der Außenalster übrigens noch einen seiner eleganten Vorgänger rennen sehen. Obwohl er schon 88 ist, läuft Klaus von Dohnanyi dort noch immer die eine oder andere Extrameile.

Wie auch Modefrau Jil Sander, 73, die gerade wieder ihr gigantisches Büro in Harvestehude bezogen haben soll, weil sie – wer weiß, wer weiß – noch einmal etwas Neues wagen will. Wen sieht man sonst noch so in der City? Daniela Löw, zum Beispiel, ohne Jogi Löw. Und umgekehrt. Fernsehkoch Tim Mälzer mit Kinderwagen oder Til Schweiger, wenn er zur Arbeit in sein Innenstadt-Restaurant „Barefood Deli“ fährt, weil da vielleicht der Regisseur Fatih Akin mit der Schauspielerin Diane Kruger sitzt. Aber soll keiner glauben, dass wegen so etwas in Hamburg schwerer Fan-Aufgalopp wäre und Smartphone- Alarm.

Im Frühjahr ist Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal nach einem Tantenbesuch durch Blankenese spaziert. Vom Klingenberg Richtung S-Bahn. Drei Monate später meldete dies die Anzeigenpostille der Elbvororte, ohne Foto allerdings vom Geschehen. Und im Monat darauf schrieb Jochen K. in einer Leser-E-Mail an den „Klönschnack“, da sei er aber erleichtert. Er habe damals Frau Merkel zwar „durch Aussehen und Gang“ vage erkannt, habe aber „nicht auffällig hinstarren wollen“, um sich zu vergewissern. Als er seiner Frau von der Begegnung erzählt habe, hätte sie Halluzinationen vermutet. Seither habe er geschwiegen. Manchmal ist es wie in der „Jack-Daniel’s“-Werbung: Wir hier im Norden brennen unseren Whiskey noch wie vor 100 Jahren.

Olaf Scholz: Kernige Kompetenz ohne Krawall

Vermutlich ist die Tatsache, dass Frau Merkel und sogar Sky du Mont gelegentlich durch Blankenese cruisen, aber gar kein hinreichender Grund, Hamburgs Westen zu besuchen. Obwohl – Sky du Mont ist immer sehr lustig! Und das Treppenviertel dort, der Strand, das Licht – eine Mischung aus Genua und den Hamptons. „Was kann ich Ihnen denn heute mal Schönes andrehen, meine Dame?“, fragt die Blankeneser Marktfrau. Dienstags, freitags und samstags.

Doch zurück zum Ernsten. Olaf Scholz, 58, ist seit 2011 Regierungschef der Stadt, und er hat einen furchtbaren Makel. Nicht, dass er nicht blond ist, nein, das ist es nicht. Scholz ist in Osnabrück geboren. „Zufällig“, sagt er entschuldigend. Aber später dann in Ottensen getauft. Mit Elbwasser, das immerhin. Fast alle Vorfahren stammten aus Altona, gibt er an. Scholz ist so, wie die Hamburger ihren Chef wollen: kernige Kompetenz ohne Krawall. Egal, dass er seine Reden oft vom Blatt liest. Denn mit Grausen erinnern sich die Einwohner noch an den aus Heidelberg stammenden Kurzzeit-Bürgermeister Christoph Ahlhaus, der einer Illustrierten verraten hatte, dass er seine Gattin „Fila“ ruft, ein Akronym für „First Lady“. So was geht in Hamburg gar nicht!

Hamburg ist ins Gelingen verliebt

Scholz sagt über seine Bürger, dass sie sich „in dem Gefühl der Weltoffenheit finden und darin, dass man hier den Pursuit of Happiness sehr gut verfolgen“ könne. Hatten wir schon erwähnt, dass dieser Bürgermeister von der SPD kommt? Ja, es stimmt. Man kann in Hamburg sehr gut nach Glück streben. Und nach Wohlstand. Hamburg ist ins Gelingen verliebt. Das hat hier Tradition, kostet aber. Die Mieten, das Leben, die Eintrittskarten – in den Rankings der Republik rangiert die feine Lady immer ganz oben, bei den Teuersten. Trotzdem war bei „Hummer Pedersen“ an der Großen Elbstraße in diesem Jahr mittags sogar mal der Hummer aus.

Der Bürgermeister sagt, wenn er morgens vor dem Joggen auf dem „Altonaer Balkon“ stehe, einer Parkterrasse über der Elbe, und wenn er von dort auf den Hafen blicke, dann werde ihm immer wieder klar: Auch das schönste Konzerthaus muss von Menschen erarbeitet werden. Von Menschen, die Waren löschen, Schlepper bugsieren, Schiffe bauen und abwracken. Bei Wind, Eis und Sonne. „Die Elbphilharmonie ist ein demokratisches Statement“, findet Genosse Scholz, „besser geht’s nicht.“ Wenn man sich sehr weit vorbeugt, kann man sie auch von hier aus spitzenmäßig funkeln sehen.

Künftig soll „Elphi“ das Wahrzeichen der Stadt sein

Zu Millionen sollen Touristen das begehbare und auf 1761 Stützen im Hafenschlick fußende Wunder bestaunen. Den schwebenden Mondstein auf seinem granatfarbenen Backsteinklotz. Hoffentlich kommen sie dann nicht mit grellgrüner Funktionswäsche in den fein auf Pfeffer- und Salztöne abgestimmten Konzertsaal. Das wäre zwar demokratisch, würde aber das Farbkonzept enorm vermasseln.

Alles in diesem Gebäude ist stilvoll. Die Perfektion ist in jedem Winkel auf die Spitze getrieben. Die Bauherren hatten zum Beispiel lange in Spanien, Italien und Polen nach Experten gesucht, die jenen Teil der 2200 Glasscheiben herstellen könnten, die sich zum Wasser hin aus- und einstülpen wie schwere Murano-Glaskelche und so das Licht auf magische Weise reflektieren. Es waren dann eine schwäbische Glas- und eine Hamburger Bullaugen-Firma, die das konnten. Das Gute liegt ja oft nah.

Das in Wellen aufragende Dach, Mischung aus Bischofsmitra und James Bond, war dagegen fast ein Klacks. Obwohl die Baufirma darüber zwischenzeitlich so sehr in den Tüdel geraten war, dass der Bau für mehr als ein Jahr gestoppt werden musste.

Wir beim stern konnten das ganze Theater immer schön beobachten, denn wir wohnen gleich vis-à-vis. Es ist dieser vierstrahlige Metallkörper am Baumwall, falls Sie mal vorbeifahren. Ich, zum Beispiel, sitze im zweiten Zug von links Oben, gleich neben dem Bullauge. Beim Einzug im Jahr 1990 nannten wir Redakteure das Bauwerk „Fischfabrik“ oder „Alcatraz“. Wie Journalisten eben so reden. Das Haus an der Alster, in dem wir zuvor residiert hatten, hieß „Affenfelsen“. Kommen Sie doch mal vorbei, wenn Sie in Hamburg sind!

Sorry, Falle. Das ist nämlich auch so eine Spezialität, die Neuhamburger und Reingeschmeckte hier lernen müssen: Bloß nie einfach so vorbeikommen! In Hamburg wartet man ab, dann lädt man ein. Und das gilt auch für Kindergarten-Kinder, wenigstens für die in den gehobenen Stadtteilen. „Was macht denn Ihre Tochter?“, fragte auf einer Klein-Flottbeker Party neulich eine Mutter die andere. „Sophiechen studiert in Barcelona. Auf Lehramt.“ Kurzes Innehalten. „Ach Gott, und womit will sie Geld verdienen?“

Krüsch, plietsch, fiegeliensch – wählerisch, findig, kompliziert

Bei der Elbphilharmonie war nicht immer nur Euphorie. Es gab sehr wohl im Vorfeld ein paar Drönbüdel und Bangbüxen, die warnten: Ihr wollt ein Glashaus in einen 100 Jahre alten Tabakspeicher einhängen, seid ihr wahnsinnig? Bürgermeister Ole von Beust hatte damals das Sagen und fand die Idee toll. „Wir wollten ein Alleinstellungsmerkmal schaffen“, sagt Beust, der heute als Politikberater für Firmen viel zwischen Berlin und Hamburg pendelt. „Hamburg hatte international ja überhaupt keine Ausstrahlungskraft, den Michel kannte in China keiner.“ Die Stadt habe zudem kulturell als etwas unterbelichtet gegolten, so Beust, „wir hatten damals nur das Image von Hamburg, der Kaufmannsstadt“. So war das.

Touristen liebten das Einkaufen in den Nobel- und Zobelläden des Neuen Walls, des Jungfernstiegs, der breiten Mönckebergstraße, „Mö“ genannt. Und anschließend mit vollen Tüten zum Teechen nebst Schlemmerschnitte in die holzvertäfelte Wohnhalle des Hotels „Vier Jahreszeiten“. Schlemmerschnitte heißt: „Steak Tatar mit Sardellen auf in Butter geröstetem Toast plus 20 Gramm Kaviar“ on top, macht 90 Euro. Früher, so meine ich, wäre außerdem noch Gänseleber drauf gewesen.

14 Gigs für die Gäste im Dreisternelokal

Klar, man kann heute alternativ auch eine libanesische Mesa-Platte in der Fressmeile der Europa-Passage essen. Auch lecker. Oder Labskaus, wenn man sich traut. Es gibt ja viel Auswahl in Hamburg mit all seinen Gastro- Stars. Tim Mälzer, Steffen Henssler, Cornelia Poletto und Til Schweiger. Nur im „The Table“ braucht man es vor Ende Februar gar nicht erst zu versuchen. Im Dreisternelokal von Kevin Fehling in der Hafencity ist jeder Platz an der Serpentine, die sich durch den Raum schlängelt, ausgebucht.

Gäste aus New York, aus Japan, Südamerika. 14 „Gigs“ etwa tischt Fehling auf, davon sieben Hauptgerichte. Der derzeit unvermeidliche peruanische Fischsalat „Ceviche“ ist auch dabei. Dreieinhalb Stunden essen, 195 Euro, alle zweieinhalb Monate wechselt das Programm. Seine Hamburger Gäste buchten deshalb das ganze Jahr im Voraus durch, sagt der 39-jährige Meisterkoch. Das ist mal wieder typisch – so plietsch, die Hamburger!

In solchen Lokalen ist es nebenbei gesagt oft so, dass ein Angestellter einem am Ende die Jacke aus der Garderobe holt und fragt: „Hatten Sie die Etro oder die Woolrich?“

Hamburg: mehr als Musicals 

Kleiner Rückblick. Hamburgs Anfang als Touristenmetropole waren Hafenrundfahrt im gelben Ölzeug, St. Michaelis-Kirche, Ohnsorg-Theater. In den Achtzigern, Neunzigern kamen dann die Schulterpolster und die Musicals hinzu. „Cats“ auf der Reeperbahn und das „Phantom der Oper“ in der Neuen Flora. So konnte man einige Jahre lang Eltern und Tanten bei Laune halten, wenn sie zum Hamburg-Besuch anreisten. Im Operettenhaus auf der Reeperbahn gaben sie später „Mamma Mia“ und „Ich war noch niemals in New York“. Heute läuft am Spielbudenplatz „Hinterm Horizont“ von „Uns Udo“, von dem man auch nie gedacht hätte, dass er mal ins Musicalfach wechselt, weil Lindenberg „doch eigentlich nur ’n Rocker“ sein wollte.

Am Operettenhaus ist angenehm, dass man nach den gefälligen Harmonielehren der Musicals schnell im „Silbersack“ ist, wo die Musikbox Schlager auswirft, zu der alle dort Discofox tanzen. Außerdem darf man rauchen und Bier aus der Flasche trinken, das neutralisiert ein bisschen den seifigen Geschmack.

Dem „König der Löwen“ haben sie auf der anderen Elbseite ein eigenes Spielgehege gebaut, und gleich daneben feiern Musicalfans noch einmal „Das Wunder von Bern“. In sechs Wochen wird endlich die Elbphilharmonie eingeweiht. Mit Hün un Perdün. Drum und dran, Kanzlerin und Präsident. Dann singt Jonas Kaufmann, der Tenor. Nicht Simba, der Löwe.

Kühn und kostspielig: Die Elphi

Ole von Beust wird dann zu den Premierengästen gehören. Auch wenn er heute sagt, „es war vielleicht ein Fehler, dass wir in der Euphorie von 2004, 2006 das Projekt nicht durchgeplant haben“. Aber damals hieß es: Planung, welche Planung? Es hatte so etwas ja noch nie einer gewagt! 77 Millionen sollte das Konzerthaus kosten, mehr als 50 Millionen ließen Stifter und Mäzene springen. Am Ende kostete der Bau dann fast 800 Millionen. Und er wird weiter kosten. Olaf Scholz kann deshalb im Rückblick nur mokant das Mündchen kräuseln. Er findet, seine Vorgänger hätten es natürlich viel besser planen müssen! Die ersten Architektenpläne seien schließlich erst gezeichnet worden, nachdem der Bau schon im Gange war. Wo gibt’s denn so was? Aber: Wen interessiert schon am Ende, wie etwas gelungen ist. Wichtig ist doch nur, dass!

„Neureich“ fand der Großnörgler Helmut Schmidt die Architektur, unhanseatisch. Schade, er kann jetzt leider nur von oben draufgucken. Spätestens nämlich, wenn man die zweieinhalb Minuten durch die „Tube“ mit der gebogenen Rollbahn aus dem Speichersockel ins Herz of Her Highness aufgefahren ist, fühlt man sich hanseatisch: Hafen. Elbe. Wind.

Hamburg 2017 – Wir machen die Welle

Im Innern dann Holztreppen-Labyrinthe, wie von Harry Potter hingezaubert, und fein geriffelte Eiche von der Loire im kleinen Konzertsaal. Der große Saal wiederum überrascht im Muschelkalk-Look mit Korallenriff-Accessoires. Dann die Klais-Orgel: 4765 Pfeifen, elf Millimeter die kleinste, zehn Meter die größte – 2100 passen in den Saal. Zuhörer natürlich. 44 Wohnungen, ein Hotel, Parkhaus, Restaurants. Alles ist unter dem raffinierten Bugwellen-Dach verstaut, auf dem sie am Ende noch Seile anbringen mussten, damit sich die Fensterputzer einklinken können. Der Hamburger denkt wirklich an alles. Seltsam nur, dass die städtischen Marketing-Mitarbeiter noch nicht auf diesen Slogan gekommen sind: „Hamburg 2017 – Wir machen die Welle!“

Es ist eine drollige Besonderheit dieser an Mäzenen und Stiftern und Kulturförderern so überreichen Stadt, dass ausgerechnet ein Vollherz-Hamburger, der für die Elbphilharmonie beinahe am meisten aus seinem Vermögen zuschusterte, gar nicht hier lebt. Klaus-Michael Kühne nämlich, milliardenschwerer Erbe und Inhaber des Logistikkonzerns Kühne + Nagel, wohnt aus zwingenden Steuergründen hauptsitzlich im schweizerischen Schindellegi, weil sein Vater die Firma in den Sechzigern dorthin verlegte. Seither leidet er an der Entwurzelung wie Freddy Quinn auf See und stiftet.

Kühne finanziert zum einen den HSV und rangiert mit ihm trauernd im Tabellenkeller. In der Elbphilharmonie jedoch trägt eine Lounge gleich unter dem höchsten Zipfel des Daches seinen Namen. Er hat sie der Stadt abgekauft und mit schwarzen Rauchglasmöbeln eingerichtet. Man kann von hier aus mit einem „Belsazar“ in der Hand unter den Turm des Michels gucken, in die Büros der Rechtsberater von TaylorWessing im Hanseatic Trade Center und weit über die Gewürzhäuser der historischen Speicherstadt bis auf Wolke sieben, irgendwo hinterm Horizont. Das ist dann schon etwas anderes, als wenn ehrbare Kaufleute im Übersee-Club ihre Steckrüben löffeln!

Hühnergötter und La Paloma

„Es müsste immer Musik da sein. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen, und du hörst immer nur diesen einen Moment“, sagt Floyd in „Absolute Giganten“, dem Hamburg- Film überhaupt der Neuzeit. Aber wo ist es am allerschönsten? Wo soll die Platte springen?

Angenommen, Sie haben unseren Rat befolgt und kommen mit dem Zug – steigen Sie nicht am Hauptbahnhof aus. Bleiben Sie sitzen! Rechts von der Lombardsbrücke liegt jetzt die weiß umsäumte Außenalster. Optimisten kreuzen auf das Hotel „Atlantic“ zu und wieder weg, man erkennt kurz den „Affenfelsen“. Parallel zur Linken sonnt sich die Binnenalster mit Fontäne und Jungfernstieg im Abendlicht oder in der Weihnachtsdeko, je nachdem. Der Turm des Rathauses ist zu sehen, vier Hauptkirchen. Und man wittert selbst hinter den Scheiben des Speisewagens den Tidenhub der Elbe, das Ein- und Auslaufen der großen Schiffe. Maersk, China Shipping, MS Europa. Sofort ist das komplette La-Paloma-Gedeck im Hirn aufgelegt. Auf Matrosen, zur See! Welche Farbe soll’s denn sein? „Jede“, heißt es bei uns, „Hauptsache, Blau.“

Wer einmal diese Strecke gefahren ist, der ist für immer verloren. Wenigstens mit einer Herzklappe. Wer dann noch von Westen her über die Elbchaussee etwa oder mit der Fähre elbaufwärts an die Hafenkante gefahren ist; wer frühmorgens vom Falkensteiner Ufer Richtung Fischmarkt geradelt und am Abend mit der „Seuten Deern“ elbabwärts in den Sonnenuntergang geschippert ist – der wird hamburgkrank. Dem legen sich schillernde Schuppen auf die Seele. Der kann hier nie wieder weg. Und wenn doch, dann wird ihm das Herz schwer wie ein Sack voller Hühnergötter, wie sie die gelochten Feuersteine am Övelgönner Strand nennen, und seine Augen werden ihr strahlendes Blau verlieren.

Hamburg sei das Tor zur Welt, heißt es immer. Aber ganz ehrlich, was soll da draußen schon sein?  

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