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Filmstadt Hamburg: Drehorte zum Abfahren

Mit ihrem Image als Hafenstadt wirbt Hamburg schon lange um Touristen. Eine kleine Agentur präsentiert Hamburg nun als Filmstadt von Weltrang. Die Erkundung der Elbmetropole erfolgt per Bus, fachkundige Führung und Filmausschnitte inklusive.

Von Markus Münch

James Bond kann und darf alles. Überall. Und so ist es auch kein Wunder, dass er in Hamburg nicht nur Einbahnstraßen ignoriert, sondern gleich die ganze Geografie der Hafenstadt auf den Kopf stellt. Im Blockbuster "Der Morgen stirbt nie" fährt der von Pierce Brosnan verkörperte Titelheld in ein Parkhaus, das angeblich zum noblen Atlantic-Hotel gehört, springt aus dem fahrenden Wagen und navigiert seine Agenten-Karosse schließlich per Fernsteuerung durch die Außenmauer des Gebäudes. Spektakulär endet dessen Sturz auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ausgerechnet in einer Filiale der Autovermietung, der der Wagen gehört.

Solch eine wilde Autofahrt gehört in jeden Bond-Film. Dass sie unrealistisch ist, macht sie nicht weniger spannend. In "Der Morgen stirbt nie" (GB/USA 1997, Regie: Roger Spottiswoode) werden sich Hamburger Kinogänger gewundert haben, wie virtuos der Film reale Orte durcheinander würfelt: Das Parkhaus, das nicht zum Hotel gehört; die Fahrstrecke, die ganz woanders hin führen würde und nicht zuletzt der Flug des Autos, der um einiges länger und kurvenreicher hätte sein müssen. Das alles lässt sich nun haarklein nachvollziehen: auf einer Rundfahrt mit Reisebus und Filmausschnitten.

"Filmstadt Hamburg - Das rollende Kino" demontiert genüsslich die ganze Filmsequenz. Während sich der Reisebus langsam an den realen Orten vorbei schiebt, laufen auf kleinen Monitoren über den Sitzreihen verschiedene Szenen. Der eingeblendete Stadtplan verschafft Orientierung und offenbart das Unmögliche. Die visuellen Eindrücke werden flankiert von den Erklärungen der beiden Reiseleiter, Arne Krasting und Andreas Dahrendorf vom Berliner Veranstaltter "Videobustour". Sie liefern Details und Anekdoten zu den Dreharbeiten von 20 Hamburg-Filmen.

Köpenickade: Berlin in Hamburg

So auch die vom toten Briefkasten am ehemaligen Finanzamt Hamburg-Schlump. Das wilhelminische Backsteingebäude spielte 1956 das Rathaus von Köpenick und wurde somit zur Wirkungsstätte von Heinz Rühmann, der den "Hauptmann von Köpenick" in Helmut Käutners gleichnamigem Film mimte. Während der Videobus langsam die Hauptstraße entlang rollt, lässt sich auf den Monitoren der Original-Schauplatz in Berlin-Köpenick mit dem Film-Double vergleichen. Die Filmemacher mussten hier nur wenig verändern. Das Portal bekam ein Köpenicker Stadtwappen, die Aufschrift "Rathaus" und einen Briefkasten der kaiserlichen Post. Die Anwohner hielten den toten Briefkasten allerdings für echt. "Beim Abbau fielen dem Filmteam mehrere eingeworfene Briefe entgegen", erzählt Reiseleiter Krasting. Im Bus ertönt wohlwollendes Gemurmel. Solches Insiderwissen kommt an.

Schon nach wenigen Drehorten ist den Passagieren im Videobus klar: Hinter fast jedem Filmbild verbirgt sich eine unterhaltsame Geschichte, jeder Drehort hat etwas zu erzählen. Und genau das macht den Reiz der Stadtrundfahrt "Filmstadt Hamburg" aus. Natürlich gibt es auch hier viele klassisch-touristische Ansichten mitsamt Basisinformationen. Doch der Blick hinter die Kulissen belebt die stumme Stadtlandschaft. Und er offenbart die Tricks der Filmemacher. Zum Beispiel die filmische Montage in "Schtonk!" (D 1991, Regie: Helmut Dietl), dem Spielfilm zu den gefälschten Hitler-Tagebüchern. Das imposante Verlagshaus aus dem Film gibt es nicht, es wurde aus dem Portal der Messe und einem Gebäude an der Alster zusammengesetzt.

Auch der zentrale Hörsaal in "Der Campus" liegt gar nicht auf dem Hamburger Campus, sondern im Völkerkundemuseum an der Rothenbaumchaussee. Hier stoppt der Videobus für einen Drehortbesichtigung per Pedes. Durch die opulente Eingangshalle des Museums geht es in den dahinter liegenden historischen Hörsaal, der in Sönke Wortmanns Filmsatire Schauplatz für eine Anhörung war.

Auf dem Rückweg zum "rollenden Kino" vor dem Völkerkundemuseum baut Reiseleiter Krasting - ganz filmgerecht - etwas Spannung auf: "Schauen Sie sich die Eingangshalle mal gut an, sie werden Sie gleich in einem anderen Zusammenhang wiedersehen." Zurück im Bus gibt es dann Ausschnitte aus der Komödie "Jetzt oder nie - Zeit ist Geld" (D 2000, Regie: Lars Büchel). Hier ist das Museum eine Bank, in der drei Rentnerinnen einen Überfall miterleben. Echte Banken verweigern grundsätzlich solche Aufnahmen in der eigenen Schalterhalle, da sie nicht mit einem Überfall in Verbindung gebracht werden wollen. Auch keinem gespielten.

Rundfahrt mit Überlänge

Eine Tour durch das filmreife Hamburg des 21. Jahrhunderts führt unweigerlich auch nach Altona. Der Stadtteil stand Jahrzehnte lang im Schatten St. Paulis mit seiner filmisch sehr reizvollen Reeperbahn. Bis Fatih Akin kam. Der deutsch-türkische Erfolgsregisseur ließ mit "Kurz und Schmerzlos" (1998), "Im Juli" (2000) und "Gegen die Wand" (2004) gleich drei Filme in seiner Nachbarschaft entstehen. Und er sparte nicht an Cameo-Auftritten und spielte unter anderem in "Kurz und Schmerzlos" einen kleinen Drogendealer.

Mit jedem neu gezeigten Drehort vervollständigt sich das Bild Hamburgs im Wandel der Zeit. "Filme sind oft auch Dokumente der Zeitgeschichte", betont der Historiker Arne Krasting, während über die Monitore eine Szene aus Peter Lorres "Der Verlorene" aus dem Jahr 1950 flimmert und die zerstörte Seewarte oberhalb der St. Pauli-Landungsbrücken zeigt. Nur einmal durchbricht der Reiseleiter das Konzept der Synchronität zwischen Ort, Film und Information: bei der Präsentation von Fritz Langs "Die Spinnen". Der Abenteuer-Stummfilm wurde 1919 auf dem Gelände von "Hagenbecks Tierpark" gedreht. Einen Abstecher nach Stellingen spart sich der Bus jedoch. Es wäre auch zu viel, denn mit gut zweieinhalb Stunden Dauer hat die Filmstadt-Tour im Vergleich zum herkömmlichen Spielfilm, ohnehin schon Überlänge.

Infos zur Bustour

Videobustour "Filmstadt Hamburg - Das Rollende Kino"
Die nächsten Termine: 27.09., 12.10., 02.11., 30.11., jeweils 13:30 Uhr
Start: Zentrale Busbahnhof (ZOB), Adenauerallee 78, Bussteig 1
Dauer: ca. 2,5 Stunden, Preis: 25 Euro pro Person, Kinder 13 Euro

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