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Reportage der Woche

Seminar: Wie ich es endlich geschafft habe, meine Flugangst zu besiegen

Knapp zwölf Millionen Menschen besteigen täglich weltweit ein Flugzeug. Statistisch gesehen ist es das sicherste Verkehrsmittel der Welt. Trotzdem hat unsere Reporterin Flugangst. In einem Seminar stellt sie sich ihren Dämonen.

Stern-Reporterin Jessica Kröll in einem A320.

stern-Reporterin Jessica Kröll in einem A320 von Eurowings. Im Rahmen des Seminars dürfen die Teilnehmer ein Flugzeug vorab besichtigen, ehe sie sich auf einen echten Flug begeben.

Ich bin in meinem Leben schon oft geflogen. Auch lange Strecken. Zu verlockend waren und sind einfach die Ziele. Doch die Angst flog und fliegt ständig mit. Wenn der Flieger langsam zur Startbahn rollt, dann beschleunigt, bis er schließlich abhebt, beschleunigt auch mein Puls und Panik macht sich breit. Und zwar so breit, dass sie den Verstand aussetzen lässt. Wenn es in der Luft zu Turbulenzen kommt, kriege ich sofort schweißnasse Hände und ich denke direkt, dass die Maschine abstürzt. Mein Blick geht dann sofort zum Personal und wehe, das stellt dann auch noch den Service ein. Dann fühle ich mich in meinem Horrorszenario, das sich in meinem Kopfkino gerade zusammenspinnt, nur bestätigt. Fast macht es mich schon wütend, wenn andere Passagiere trotzdem einfach seelenruhig weiter Zeitung lesen, gelangweilt aus dem Fenster starren oder – für mich völlig unbegreiflich – selig vor sich hin schlummern. Merken die denn gar nicht, dass sich hier gerade die größte Luftkatastrophe des Jahrhunderts zusammenbraut??? Doch auch, wenn ich gefühlt mit diesen Gedanken allein bin, laut einer Studie vom Allenbach-Institut haben rund 16 Prozent der Deutschen Angst im Flieger. Weitere 22 Prozent fühlen sich dabei zumindest unbehaglich. Ich bin also mit meiner Angst nicht allein. Trotzdem wird es Zeit, sich endlich meinen Dämonen zu stellen. 

Im Flugangst-Seminar in einem Hamburger Hotel sind wir an diesem Wochenende 13 Leute, die ebenfalls bereit sind, genau das zu tun. Vier Männer, neun Frauen. Die jüngste ist 19, die älteste Mitte 50. Eine von Ihnen, ich nenne sie Gaby*, ist wegen ihrer Angst schon seit 24 Jahren nicht mehr in ein Flugzeug gestiegen. Peter*, Ende 30 berichtet, wie ihn die Angst ganz plötzlich im Urlaub packte und er die Rückreise aus Spanien mit Bus und Fähre antrat. Ein paar Mal hat er es danach noch versucht, sogar Flugticktets gebucht – eingestiegen ist er seitdem jedoch nie wieder. Guido*, der oft auf mit dem Flieger auf Geschäftsreisen muss, erzählt, dass er bei der Buchung sogar auf bestimmte Flugzeugtypen achtet. Kleinere Maschinen meidet er, weil da die Turbulenzen stärker zu spüren sind. Merle* traut sich erst gar nicht in die Nähe eines Flughafens und ist mit Mitte 30 noch nie geflogen. Doch das soll sich an diesem Wochenende endlich ändern. Ich bewundere ihren Mut.

"Angst zu haben, ist völlig natürlich"

"Sie werden die Angst vielleicht nie ganz los, aber sie werden später in der Lage sein, sie deutlich besser zu kontrollieren", erklärt Diplom-Psychologin Stefanie Bühling, die das Seminar in Hamburg leitet. Seit drei Jahren ist sie im Team von der Texter-Millott GmbH und betreut die Seminare "Entspannt Fliegen". Auf Folien veranschaulicht sie uns, was Angst mit uns macht, spricht von einem Hormoncocktail aus Noradrenalin, Adrenalin und Cortisol und wie der Körper darauf reagiert (erhöhter Blutdruck, beschleunigter Herzschlag, angespannte Muskulatur). Es fallen Begriffe wie Neandertaler und Grizzlybär, Kampf-und Fluchtreaktion. Sie zeigt uns verschiedene Atemtechniken und Übungen, die helfen sollen, uns zu entspannen und die wir auch im Alltag immer wieder anwenden sollen, sobald uns die Angst überkommt. "Angst zu haben, ist völlig natürlich", so Bühling. "Aber man kann sich fragen, ob sie in dieser Situation angebracht ist und sie angemessen bewerten."

Diplom-Psychologin Stefanie Bühling

Stefanie Bühling ist Diplom-Psychologin, systemischer Coach und Prozessbegleiterin

Tatsächlich habe ich schon von vielen Leuten gehört, dass Turbulenzen völlig ungefährlich sind und Statistiken belegen ja, dass ein Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel überhaupt ist. Doch mir und meiner Angst half das bislang wenig.

Zum Mittagessen stößt ein Pilot der Lufthansa zu unserer Gruppe. Mit ihm zusammen geht es für uns durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen aufs Rollfeld, wo wir einen Flieger der Eurowings besichtigen. Tobias Hinsch macht mit uns den "typischen Kontrollgang", den jeder Pilot vor einem Flug macht. Endlich kann ich mal die mannshohen Triebwerke und die großen Fahrwerke aus der Nähe sehen. Dann geht es ins Cockpit. Ich darf auf dem Sitz Platz nehmen, auf dem sonst nur der Flugkapitän sitzen darf. Auch den Steuerknüppel darf ich betätigen. Ich bin verwirrt: Ein Joystick? Echt jetzt? Und dann diese unfassbar vielen Knöpfen. Einige von ihnen sind sogar so gestaltet, dass man sie auch im Dunkeln problemlos ertasten kann. Vor mir eine Reihe kleiner Bildschirme. Erinnert mich an Videospiele aus den 1980er Jahren. Tatsächlich ist die Technik ähnlich alt. "Aber sie hat sich eben bewährt, ist nicht so anfällig", erklärt Hinsch.

Viermal pro Jahr wird der Ernstfall trainiert

Seit sechs Jahren fliegt der 33-Jährige für die Lufthansa. Er ist erster Offizier, auch Copilot genannt. Trotzdem wird es wohl noch rund zwölf Jahre dauern, bis er sich Kapitän nennen darf. "Größere Fluggesellschaften arbeiten da nach dem Senioritätsprinzip. Wenn einer ausscheidet, rückt der nächste nach", erklärt er. Vier Mal pro Jahr trainiert er im Simulator den Ernstfall. Triebswerkausfall, Feuer an Bord, technische Probleme. Also quasi mein Kopfkino, denke ich. Beruhigend. Wenn er zweimal hintereinander nicht besteht, verliert er seine Lizenz und darf nicht mehr fliegen. 

Jessica Kröll mit Copilot Tobias Hinsch

stern-Reporterin Jessica Kröll mit Lufthansa Copilot Tobias Hinsch, der vor der Flugzeugbesichtigung mit den Teilnehmern noch einen Rundgang um den Flieger machte

Zurück im Vortragsraum erklärt er uns dann, warum ein Flugzeug überhaupt fliegt und das es, auch wenn sämtliche Triebwerke ausfallen, noch rund 200 Kilometer weit segeln kann. Ich erfahre, dass eine Kurve, die in meinem Kopf gefühlt in einem 90-Grad-Winkel ausgeführt wird, tatsächlich nur mit bis zu maximal 30 Grad geflogen wird ("Aus Komfortgründen für die Passagiere"). Dass ein brennendes Triebwerk von der Benzinleitung getrennt werden kann, damit das Feuer von allein wieder ausgeht. Dass alle wichtigen Systeme doppelt, einige sogar dreifach vorhanden sind (Redundanzprinzip). Dass Gewitter immer im Abstand von etwa 30 bis 50 Kilometer umflogen werden. Dass jedoch auch ein Blitzschlag dem Flugzeug nichts anhaben kann (Faraday'scher Käfig). Dass Flugzeuge bei Start und Landung nur etwa 250 km/h schnell sind und Propellermaschinen trotz ihrer Steinzeit-Optik in Wahrheit meist die moderneren Flugzeugtypen sind. Dass auf jeder Strecke, die geflogen wird, der nächstmögliche Flughafen maximal zwei Stunden entfernt ist – auch wenn man über Meer fliegt ("Da gibt es immer irgendwo eine Insel, die man im Notfall ansteuern kann"). Und wenn jemand mal im Flieger medizinische Hilfe braucht: Flugzeuge sind mindestens genauso gut ausgestattet, wie ein Rettungswagen. Verbandszeug, Defibrillator, Adrenalinspritzen – alles ist an Bord. 

Auch dem Thema Turbulenzen widmet sich Hinsch intensiv, denn es ist in der Regel genau das, was auch die Teilnehmer am meisten fürchten. Er erklärt Wolkenbildung, dass es – auch wenn fast jeder sie so nennt – gar keine Luftlöcher gibt ("Luft ist überall") und Turbulenzen zwar unangenehm, aber tatsächlich völlig ungefährlich sind ("Es ist noch nie ein Flugzeug aufgrund von Turbulenzen abgestürzt"). Und während er jede Angst behaftete Frage der Teilnehmer souverän beantwortet, merke ich, wie sich mit jeder seiner Antwort in mir die Erkenntnis breit macht: Fliegen ist tatsächlich sicher!

Sauerstoffflaschen, Verbandszeug, Adrenalinspritzen und sogar ein Defibrillator – alles ist an Bord

Sauerstoffflaschen, Verbandszeug, Adrenalinspritzen und sogar ein Defibrillator – alles ist an Bord

Autofahren ist deutlich gefährlicher als Fliegen

Das sagt auch die Statistik. Vergangenes Jahr starteten weltweit laut dem internationalen Zivilluftfahrtverband ICAO rund 38 Millionen Flieger mit insgesamt etwa 4,3 Milliarden Menschen an Bord. Im selben Jahr kam es laut dem Hamburger Flugsicherheitsbüro Jacdec zu insgesamt 45 Abstürzen (mit Flugzeugen ab einem Startgewicht von 5,7 Tonnen). 19 davon endeten tödlich. Insgesamt verloren im Jahr 2018 also 559 Menschen ihr Leben durch Flugunfälle. Zum Vergleich: Im selben Jahr erfasste die Polizei laut Statistischem Bundesamt allein im deutschen Straßenverkehr rund 2,6 Millionen Unfälle, davon waren 2,3 Millionen reine Sachschadensunfälle. Bei den insgesamt 308.721 Unfällen mit Personenschaden starben 3.275 Menschen, fast 400.000 wurden verletzt. Die Zahlen sprechen also eine eindeutige Sprache. Oder, wie es in einem Bericht über die Verkehrsmittel im Risikovergleich dazu heißt: "Die Angst vor dem Fliegen ist mit dem Unfallrisiko nicht zu begründen." 

Die Folie erklärt, warum ein Flugzeug fliegt.

Warum fliegt ein Flugzeug? Auch diese Frage wird im Flugangst-Seminar beantwortet.

Ob mir mein neu gewonnenes Wissen auch hilft, im Flieger nicht mehr die Nerven zu verlieren, zeigt sich am nächsten Tag. Mit dem Lufthansa-Flug LH019 geht es von Hamburg nach Frankfurt. Zusammen mit Stefanie Bühl und einer Flugbegleiterin, die uns während des gesamten Seminars zur Seite steht, geht es also in den Flieger. Als Vorbereitung haben wir zuvor noch einen "Hörflug" gemacht, um die verschiedenen Geräusche wie das Ausfahren der Start- und Landeklappen oder das Ein- und Ausfahren des Fahrwerks einordnen zu können. Denn es sind genau diese Geräusche, die bei vielen Passagieren Verunsicherung hervorrufen. 

Unsere Gruppe darf noch vor den anderen Passagieren an Bord. Das Personal weiß um unsere Ängste und kümmert sich fast schon liebevoll um uns. Eine Stewardess lässt uns wissen, dass sie ganz toll findet, dass wir trotz unserer Angst fliegen ("Sie könnten ja auch einfach gar nicht mehr fliegen.") Tatsächlich hat sich Peter* aus unserer Gruppe kurzfristig dazu entschieden, den Flug heute nicht anzutreten. Aber er hat sich vorgenommen, zumindest den Flugteil des Seminars eines Tages nachzuholen. Dann, wenn er sich wirklich bereit dafür fühlt. Als wir im Flieger sitzen, ist er bereits auf dem Weg nach Hause. Wir anderen hingegen treten die Reise an. Schließlich geht es nicht nur darum, seine Angst zu überwinden, sondern auch wieder ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen.

Ein Flugticket Richtung Frankfurt

Mit dem Flug LH019 geht es Richtung Frankfurt. Die Teilnehmer besprechen vorher, wer wo sitzen möchte und können die Plätze auch im Flieger noch nach Bedarf tauschen. 

Nach der Landung herrscht große Erleichterung

Als sich der Flieger in Startposition begibt, merke ich, wie meine Hände anfangen zu schwitzen und ich ergreife kurz die Hand meiner Sitznachbarin. Wir durften uns vorher im Seminar die Plätze aussuchen. Jeder nach seinen Vorlieben. Einige möchten lieber am Gang sitzen, andere, so wie ich, lieber am Fenster. Als der A321 beschleunigt, versuche ich, das Gelernte in die Tat umzusetzen. Ich beuge mich leicht nach vorne, damit ich nicht so sehr in den Sitz gepresst werde. Immer wieder rutsche ich während des Fluges auf dem Sitz hin und her. Ich soll mich schließlich bewegen. Mit den Bewegungen des Flugzeugs mitgehen. Nicht steif machen oder an den Sitzlehnen festkrallen. Die Muskeln abwechselnd an- und wieder entspannen, ruhig atmen. Langsam durch die Nase ein und doppelt so lange durch den Mund wieder aus. "Dir kann hier oben nichts passieren", sage ich mir. Und tatsächlich. Ich bleibe überraschend entspannt, mein Puls geht ganz normal. Auch, als der Flieger kurz anfängt zu wackeln. Kein "Hilfe, wir stürzen ab"-Gedanke. Stattdessen geht mir ein "Nur Turbulenzen, nichts Schlimmes" durch den Kopf. "Mir kann hier oben nichts passieren".

Sitzplätze im Flugzeug.

Nach der Landung ist die Erleichterung bei allen groß. Bei einigen kullern sogar Freudentränen. "Wir haben's geschafft", ist zu hören. Auch der Rückflug bereitet kaum jemandem ernsthaft Probleme. "Ich konnte mich sogar mit meinem Sitznachbar unterhalten", erzählt eine junge Frau überglücklich. "Das war vorher undenkbar." Ein anderer Teilnehmer sagt: "Ich glaube, ich war noch nie so stolz auf mich." Und sogar Merle*, die vorher noch nie in einem Flieger saß, fand es "total geil". Auch ich bin überrascht, wie sehr mir das Seminar dabei geholfen hat, meine Flugangst zu überwinden. Jetzt muss ich mich nur wieder trauen, einen Fahrstuhl zu besteigen. Seit ich im vergangen Jahr in einem steckengeblieben bin, nehme ich lieber die Treppe. Aber die im Seminar erlernten Techniken sollen auch in Aufzügen funktionieren. 

Alle Informationen zum Flugangst-Seminar finden Sie hier:  www.flugangst.de

*Alle Namen geändert

Quellen: allensbach institut/JACDEC Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre   / Statistisches Bundesamt