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Die Äußeren Hebriden: Wo das Wetter herkommt

Sie sind Schottlands westlichste bewohnte Inseln und müssen sich gegen die raue See des Nordatlantiks behaupten. Stern.de-Autorin Silke Haas besuchte die Äußeren Hebriden und fand ein auch im Herbst erstaunliches Reiseziel.

November irgendwo in Deutschland: Nieselregen, Nebel, alles grau in grau und feucht und kalt. Zum Davonlaufen. In die Sonne, baden, türkisblaues Wasser und feinste weiße Sandstrände unter Palmen – Südseeträume vom leichten Leben. Anja Gerberoth hat den Schritt gewagt und Deutschland den Rücken gekehrt. Sie ist gegangen. Mit Sack und Pack, Hund und Pferd. Aber nicht in die Südsee, sondern in Schottlands westlichste, wildeste und windigste Ecke: die Äußeren Hebriden. Feinste Sandstrände und türkisgrünes Wasser gibt es hier auch. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten mit wohlig warmen Südseeträumen.

Fliegende Entenställe

Der Wind heult, nein, er schreit und rast über die Inseln. In seinem Gefolge wütend peitschende Regentropfen, die sich wie Nadelstiche im Gesicht einbrennen. "Das ist noch gar nichts", sagt Anja, "beim letzten großen Sturm ist mein Entenstall davon geflogen und die Enten mussten in der Dusche wohnen, bis ich den Stall repariert hatte." Vier Tage Stromausfall, vier Tage ohne fließend warmes Wasser, Duschen konnte sie in der Zeit sowieso nicht. Sie zurrt eine wetterfeste Hose über ihre stabilen Gummistiefel und schlüpft in eine schwere Öljacke, während sie ihrem Hund zupfeift und die Haustüre öffnet. Der Wind trifft wie ein Schlag in die Magengrube und raubt einem den Atem. Die wenigen Meter zum Auto kosten alle Kraft. "Immer die Türen festhalten", mahnt Anja, "Schäden an Türen zahlt keine Versicherung."

Bremsen für liebestolle Fischotter

Als Sozialarbeiterin mit einer Horde schwer erziehbarer Jugendlichen kam Anja Gerberoth zum ersten Mal Ende der Achtziger auf die Hebriden. Längst sind die Jugendlichen gegangen. Ihre Betreuerin ist wieder- und wiedergekommen und schließlich geblieben. "Ich habe mich in diese Inseln verliebt. In das Leben hier, die Menschen, das Licht, auch den Wind und den Regen. Hört sich kitschig an, ich weiß", sie zuckt mit den Schultern. "Aber wo sonst muss ich auf dem Weg zur Arbeit für liebestolle Fischotter bremsen, die sich ausgerechnet die einzige Straße als Turtelplatz ausgesucht haben?" Anja hat viele Berufe. Sie ist Fischerin, Hummer- und Krabbenfängerin, Buchhalterin, KFZ-Mechanikerin, Seenotretterin. Die Liste ließe sich fortführen. Nur als Sozialarbeiterin arbeitet sie nicht mehr. Es gibt viel zu tun, wenn man auf einer Insel im Nordatlantik überleben will. Nebenbei versorgt sie noch ein paar Hühner, Enten und Lamm "Pippa". In ihrem kleinen Garten baut sie Gemüse an, eben das, was in dem salzigen Klima so wächst. Das ist Landwirtschaftliche Experimentierfreude ist gefragt. "Meine Vorfahren haben in Süddeutschland Wein angebaut. Ich habe auch schon viel ausprobiert, aber an Wein habe ich mich noch nicht gewagt. Doch wer weiß?", sagt sie vergnügt.

Das Wetter ändert sich minütlich

Heute versperren graue, undurchdringliche Nebel- und Regeschwaden den Blick auf die vielgepriesene schroffe Schönheit der Western Isles. "Morgen ist es wieder schön", verspricht Anja. Eine Redensart sagt, das Wetter auf dem Kontinent ändert sich wöchentlich, in Großbritannien täglich und auf den Hebriden alle paar Minuten. "So if you don't like the weather, just wait a minute", summt Anja. Wie fast alle Hebrideaner strahlt sie einen unerschütterlichen Optimismus aus. Die überschwängliche Lebensfreude der Einheimischen kann man auch freitagabends beim traditionellen Tanz im Lochmaddy Hotel beobachten. "Feasgar math - Guten Abend", mit rauchiger Stimme begrüßt der Dorfälteste jeden Neuankömmling und hebt sein Whiskyglas. "Yeah, yeah, come on", feuert der Hummer- und Krabbenfischer Callum Ian die Tanzenden an. Er spielt das Akkordeon der Lochmaddy Band und entlockt ihm so manche wehmütige, gälische Weisen, die von alten Mythen und goldenen Höhlen, Feen und Helden erzählt. Große und kleine Füße wirbeln wild durcheinander. Sie tanzen alle. Auch die Kleinsten beherrschen die Schritte. Schottische Volkstänze sind fester Bestandteil des Schulunterrichts.

Whisky gegen Schwermut

Nach sieben Jahren Leben mit "ihren" Eiländern kann sich Anja nicht vorstellen, in die lärmende Enge einer Stadt zurückzukehren. "Ich bekomme schon einen Stadtkoller, wenn ich einmal in Stornoway bin. Dort gibt es immerhin die einzige Ampel auf den Äußeren Hebriden." Sie lacht und macht gleichzeitig eine abwehrende Handbewegung. "Anonymität. Viel zu viele Menschen, die ich nicht kenne. Hektisches Anhäufen von nutzlosen Dingen". Sie schüttelt den Kopf.Die Einheimischen kennen sich, halten zusammen und organisieren sich, um den langen, dunklen, stürmischen Winter gemeinsam zu überstehen. Bewährte Rezepte gegen Melancholie und Schwermut gibt es viele, nicht nur den berühmten Whisky. "Wir treffen uns und jeder macht das, was er kann. Renner im letzten Jahr war mein deutscher Kochkurs", lacht Anja. Natürlich mit Sauerkraut und Schwarzwälder Kirschtorte. Am nächsten Morgen zeigt sich, dass Anja recht behält: Der Himmel hat sich erhellt und bizarre Wolkenformationen ziehen über die Insel mit ihren unzähligen Lochs - kleine Süßwasserseen - , torfigen Hügeln und golden leuchtenden Ebenen.

Silke Haas

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