HOME

Urlaub in den Niederlanden: Eine Bootsfahrt ins Blaue auf Frieslands Kanälen

In Friesland dreht sich alles ums Wasser, die niederländische Provinz wird von einem Geflecht aus Seen, Kanälen und Flüssen durchzogen. Die Menschen genießen das Leben mit dem Element, dem die Region ihre stille Schönheit verdankt.

Von Horst Güntheroth

Woudsend in den Niederlanden

Mit dem Boot durch das Land: Im Städtchen Woudsend kreuzen sich mehrere Wasserwege

Vom Häuschen neben der Brücke hat Jan Zijsling das niederländische Klischee bestens im Blick: Ein Kanal plätschert unten an der historischen Windmühle und dem Kirchlein vorbei durchs Dorf. Vor Zijslings großem Fenster kreuzt den Wasserweg eine Straße, über deren Pflaster die Autos brummen. Ein Pulk von Schiffen hat sich in Sichtweite versammelt und wartet auf Durchlass.

Der 61-Jährige drückt ein paar Knöpfe auf einer Konsole. Eine rote Ampel blinkt, die Schranken senken sich, der Straßenverkehr stoppt. Dann klappt ein Elektromotor langsam die Fahrbahn der stählernen Brücke gen Himmel. Am Ufer scharen sich Schaulustige, und auf dem Wasser beginnt die Parade.

Der Brückenwärter von Woudsend

Nacheinander ziehen die Freizeitkapitäne durch den Engpass. Offene Jollen, feiste Kajütkreuzer und schnittige Segelyachten. „Ein Skûtsje“, sagt Zijsling und zeigt auf einen besonders schönen Kahn. Hoch oben am Mast flattert blauweiß gestreiftes Tuch mit roten Seerosen, geformt wie Herzen: die friesische Flagge.

Seit elf Jahren arbeitet Zijsling als Brückenwärter in Woudsend, einem Städtchen im Süden der niederländischen Provinz Friesland. „In der Hochsaison öffnen wir die Brücke etwa 80-mal am Tag“, erzählt er, „bis zu 800 Boote kommen dann durch.“ Meist geht alles glatt. Nur wenn Anfänger das Kommando führen oder eine Böe kräftig bläst, bekommt die Brücke Schrammen. „Es wird nie langweilig“, sagt Zijsling, „ deshalb liebe ich meinen Job. Vor allem genieße ich das Leben mit dem Wasser.“

Auf den Friese Meren

Das tun hier alle. Es wird Boot gefahren, gepaddelt, gesurft, geangelt, gebadet. Ein Geflecht von großen und kleinen Gewässern durchwebt das Land. "Friese Meren“ heißen die drei Dutzend Seen, verbunden sind sie durch ungezählte Kanäle, mit knapp 10.000 Hektar Wasserfläche eine der größten Seenplatten Europas. Wo man hinschaut, gluckst es, lässt Wind die Wellen tanzen, glitzern Sonnenstrahlen auf den Wogen. Zauberhafte Hypnose.

Am Ufer: grüne Weiden bis zum Horizont, bevölkert von Milchkühen, Schafen und Pferden. Ab und an schreitet ein Storch durchs Gras, rudern ein paar Schwäne durch die Luft. Am intensivsten ist diese Natur mit dem Fahrrad zu genießen. Auf gut ausgebauten „Fietspad“-Routen geht es durch die Tiefebene zu hübschen Orten, immer wieder mit Blick aufs Wasser und einer frischen Brise um die Nase.

Umweltschutz spielt eine große Rolle

Am Wegesrand: Sloten, die kleinste Stadt des Landes – hübsch und alt, ein einziges Freilichtmuseum. 760 Einwohner leben hier. Alles beherrschend ist die schnurgerade Gracht mit zwei alten Zolltoren, dahinter eine Lindenallee mit prächtigen Giebelgebäuden. Am Ende des Kanals, bei der 1755 erbauten Windmühle, wird im Sommer jeden Freitagabend eine alte Kanone geladen und unter dem Beifall der Anwesenden ein Schuss abgefeuert.

Doch die Liebe zur Tradition versperrt nicht den Blick auf Anpassungen an die Moderne. "Zu Wasser und zu Land haben wir eine Menge verbessert“, sagt Bram Hulsman. Der 43-Jährige leitet für die Provinzregierung in der Hauptstadt Leeuwarden das „Friesische Seenprojekt“. Das will die Region mit fast einer halben Milliarde Euro fit für die Zukunft machen. Straßenübergänge wurden höhergelegt, Wasserwege untertunnelt, Kanäle ausgebaggert, Dörfer durch Umgehungsstraßen beruhigt. Bei alledem, versichert Hulsman, spiele der Umweltschutz eine große Rolle. „Die Natur ist unser Gold“, sagt er.

Ein ganz besonderer Schatz: De Alde Feanen

Der gut 2000 Hektar große Nationalpark, eine Radelstunde südöstlich von Leeuwarden, ist ein Moorgebiet, ein Labyrinth aus großen und kleinen Wasserflächen mit Schilfrohrfeldern und sumpfigen Inseln. Der Wind wiegt Pappeln und Erlen an den Ufern. Ein Grüppchen Kajakfahrer verschwindet im Wirrwarr der Gewässerarme, am Ufer zimmern Jugendliche aus Brettern und Plastikfässern ein Floß. 450 Pflanzenarten gedeihen hier, für 100 Vogelarten ist es das Zuhause. Ab und zu lässt sich sogar ein Fischotter blicken – diese hochbegabten Schwimmer und Taucher waren hier so gut wie ausgestorben, vor einigen Jahren wurden sie wieder angesiedelt.

Damit das Feuchtgebiet und die gesamte Provinz nicht endgültig überflutet werden, muss der Wasserstand ständig reguliert werden – große Teile Frieslands liegen unterhalb des Meeresspiegels. Bei starkem Regen saugen Pumpwerke den Überschuss ab und spucken ihn ins Ijsselmeer.

Die imposanteste dieser Anlagen heißt Woudagemaal und liegt am Fietspad westlich von Lemmer. Der Oldtimer ist seit 1920 in Betrieb, die acht Pumpen schaffen vier Millionen Liter Wasser in der Minute. "Vor wenigen Jahren haben wir viele Teile mit großem Aufwand renoviert“, berichtet Chef-Maschinist Ido Boonstra, 46. Die Unesco hat Woudagemaal als Weltkulturerbe geadelt. Das größte und einzige noch arbeitende Dampfschöpfwerk der Welt ist ein Symbol für beides: den Kampf gegen das Wasser und das Leben mit ihm. 

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity