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Berghotel-Empfehlungen von Geo Saison: Schmuckstücke in den Alpen

Für die aktuelle Ausgabe hat Geo Saison zehn außergewöhnliche Berghotels mit besonderem Alpen-Flair besucht. Im zweiten Teil der Serie finden sich echte Schmuckstücke: vom geflügelten Schlosshotel bis zum Schweizer Palazzo.

Von Georg Weindl

Wo die Gipfel ans Himmelszelt stoßen, sind die Niederungen des Alltags fern, ein Urlaub in den Alpen kann sich anfühlen wie ein Geschenk von ganz oben. Für die aktuelle Ausgabe hat ein Team von Geo Saison Seen und Täler wie aus dem Bilderbuch entdeckt, hat Traumrouten zum Wandern aufgespürt und zehn außergewöhnliche Berghotels besucht. stern.de stellt diese besonderen Herbergen in einer zweiteiligen Serie vor. (Hier geht es zum ersten Teil.)

Waschschüssel und Fernsicht - Pension Briol, Südtirol.

Hier hoch schafft es nur noch das Gelände-Taxi. Das Gepäck wurde schnell aus dem eigenen Auto umgepackt, und nun kämpft sich der Mitsubishi von Schlagloch zu Steinbrocken die steile Forststraße über dem Südtiroler Eisacktal hinauf. Nach 20 Minuten gibt der Wald in 1310 Meter Höhe den Blick auf ein Haus frei, das mit der klassischen Alpenarchitektur so gar nichts zu tun hat. Die "Pension Briol" ist eine ehemalige Sommerfrische-Villa im Bauhaus-Stil. Kahle weiße Wände im Erdgeschoss, das Obergeschoss mit grauem Holz verkleidet, über dem Eingang ein rechteckiges Säulenportal - alles so, wie es sich der in moderne Architektur vernarrte Bozener Porzellan- und Seidenhändler Heinrich Settari vor gut 80 Jahren errichten ließ.

Heute gehört Briol seinen Nachfahren Johanna und Urban von Klebelsberg, die dafür sorgen, dass auch das Innenleben so bleibt, wie es immer war. Aufregend modern bis heute sind die schmalen Holzstühle mit den schlanken rechteckigen Lehnen, die sich im ganzen Haus finden. In den Zimmern stehen schlichte Holzbetten und Kommoden mit weißen Waschschüsseln und Wasserkrügen. Duschen und Toiletten befinden sich auf dem Flur, ein Zugeständnis an die Originalgetreue des Hauses - welche die Gäste offensichtlich goutieren: Ein Zimmer im "Briol" muss man lange im Voraus buchen. Beim hausgekelterten, tiefroten Lagrein auf der Terrasse oder von der blumenübersäten Wiese dahinter reicht der Blick weit hinüber zu den Dolomiten und tief hinein ins Grödner Tal. Raum für Gedanken – und für ein Wohlgefühl, das nicht aus dem Überfluss, sondern der Konzentration auf das Wesentliche entsteht.

Im Bergwald mit Elvis - Kleinsasserhof, Kärnten. Erwarten Sie keine Rezeption, keinen Concierge und keinen Computer-Check-in. Stattdessen kommt die Walli, die Chefin des "Kleinsasserhofs", mit einem Lächeln auf den Gast zu: "Griaßdi. Jetzt setz ma uns, trinken was, und dann suchen wir ein schönes Zimmer für dich aus." Der "Kleinsasserhof" ist eben anders. So unkonventionell, dass der Gastrokritiker eines österreichischen Magazins es als verrücktestes Hotel Österreichs pries. Der Gasthof hoch oben am Bergwald bei Spittal in Kärnten schmückt sich mit einem Sammelsurium aus Kitsch und Kunst, Filmplakaten, Souvenirs, Trash und Nippes.

Hier die alten Polstersofas in der Lounge, dort die lebensgroße Elvis-Presley-Puppe am Kamin. Bei den Gästezimmern im Obergeschoss hingegen hat Josef Gasser, Gatte der liebenswerten Walli, seine überschäumende Fantasie merklich im Zaum gehalten: höchstens mal ein kitschiges Marienbild über dem Bett oder ein roter Ledersessel im ansonsten dezenten Zimmer.

Der "Kleinsasserhof" ist ein gut 400 Jahre alter Bergbauernhof mit Gasthaus und Biolandwirtschaft. Zumindest auf der Speisekarte kommt die Tradition nicht zu kurz: Fleisch, Milch, Butter und Kräuter landen direkt vom Hof auf dem Tisch. Daraus werden mal bäuerlich-bodenständige Gerichte wie die legendäre Frittatensuppe gekocht, mal italienisch Inspiriertes.

Zu Gast im Heimatfilm - Gannerhof, Osttirol. Die Es ist ein bisschen so, als spazierte man durch die Kulisse eines Heimatfilms, wenn man Innervillgraten durchwandert. An steilen Wiesenhängen unter Bergwald hocken alte Bauernhöfe mit sonnengegerbten Holzfassaden und kunstvoll verzierten Fensterläden - so unverdorben, dass hier tatsächlich regelmäßig Schmonzetten gedreht werden, in denen edle Förster und skrupellose Wilderer miteinander kämpfen. Inmitten des Gipfelidylls thront der Gasthof der Familie Mühlmann, wo auch die Nachbarn gern auf ein Bier vorbeischauen.

Man bekommt feinste regionale Spezialitäten aufgetischt: Gröstl von verschiedenen Fischen in der Brothaube mit Weißweinschaum, Villgrater Reh mit Blaukraut und Tomatenravioli, Rückensteak vom Milchlamm mit Speckpolenta und Schalotten. Wie gut, dass der gesättigte Genießer es vom Tisch nur wenige knarzende Holzstufen hinauf zu seinem Zimmer mit den alten Möbeln und den gemütlichen Schafwolldecken hat. Durchs Fenster wirft er noch einen letzten Blick auf die nahen Grate, bevor er dann von rauschebärtigen Wilderern und feschen Bauernmägden träumt.

Das geflügelte Schlosshotel - Castell, Engadin. Ein Schlosshotel im Engadin, das klingt wie der Titel einer klischeesatten TV-Serie. Das Zeug dazu hätte das Hotel "Castell" in Zuoz auf den ersten Blick spielend: Hoch über dem Dorf thront das Haus mit seinen beiden südwärts gerichteten Flügeln und der edlen Fassade im Gründerzeit-Stil, davor eine weite Terrasse mit der Aussicht auf Piz Bernina, Piz Palü und das Inntal. Das Innenleben ist freilich nicht das, was das herrschaftliche Äußere und die Nähe zu St. Moritz vermuten lassen. Anstelle von großbürgerlichem Luxus umgibt den Gast ein legeres Ambiente, an den Wänden hängt zeitgenössische Kunst, in der extravaganten "Roten Bar" kann man in plüschigen Polstersesseln lümmeln und zu Loungemusik entspannen. Der Kunstsammler Ruedi Bechtler hat das "Castell", das 1912 als Kurhaus erbaut wurde, vor einigen Jahren zusammen mit zwei Galeristen erworben und ganz nach seinem Geschmack umgestaltet.

Ebenso unkonventionell geht es in der Küche zu: Küchenchef Marek Wildenhain bewegt sich zwanglos zwischen Schnitzel und Sushi mit Ausflügen in Richtung Mittelmeer. Die Zimmer in den oberen Etagen sind mit puristischem Designermobiliar eingerichtet. In der Wellnessabteilung wird der Schweiß im türkischen Hamam vergossen, der auf orientalischen Prunk verzichtet und stattdessen mit avantgardistischen Lichtarrangements glänzt. Der Verzicht auf Schlosshotel-Klischees wurde seit der Wiedereröffnung des "Castell" 2004 bereits mit vielen Auszeichnungen belohnt - völlig zu Recht.

Renaissance der Himmelbetten - Palazzo Salis, Bergell. Soglio braucht kein Museum, Soglio ist ein Museum: ein perfektes kleines Bergdorf auf einer Sonnenterrasse im Bergell. An der zentralen Piazza hatte das Adelsgeschlecht von Salis viele Jahrhunderte seinen Stammsitz. Im weißen Palazzo mit dem herrschaftlichen Portal und den grau abgesetzten Granitfassungen hat jede Epoche ihre Spuren hinterlassen. Mal ziert die Zimmerdecke feiner Stuck, mal eine mächtige Holzkassette.

Mit ihren Himmelbetten, den barocken Spiegeln, antiken Stühlen und Tischen wirken die Räume so wie zu Zeiten, als der Alpenmaler Giovanni Segantini im Palazzo logierte. Der Garten wurde dem vornehmen Hause entsprechend im Renaissancestil angelegt. Der Palazzo ist Kunstobjekt und Zufluchtsort zugleich, Natur und Kultur sind hier eng miteinander verschmolzen. "Soglio ist die Tür zum Paradies", schrieb Segantini. Dazu würden auch heute noch viele Gäste nicken.

Alle Kontakt- und Service-Informationen finden Sie in der anhängenden Fotostrecke.

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