Costa de la Luz Spanien für Entdecker


Wenn die Deutschen ins Ausland fahren, dann am liebsten nach Spanien. Die Costa de la Luz lassen sie allerdings immer noch links liegen. Was ohne Zweifel ein Fehler ist.
Von Joachim Rienhardt

"Schau, wie die schwitzen", sagt Jésus und strahlt. Dann wischt er sich mit dem Handrücken über die Stirn, als hätte er selbst gerade eine sportliche Höchstleistung vollbracht. Der füllige Spanier lehnt an der Bande der Stierkampfarena von Sanlœcar und verfolgt, wie Toreros in Trainingsklamotten vom morgendlichen Lauftraining eintrudeln. "Viele denken, Stierkampf sei nur Show", sagt Jésus. "Aber das ist Hochleistungssport."

Jésus kennt die Kämpfer alle mit Namen, denn er kommt jeden Morgen hierher, gleich nach dem Frühstück - ein tägliches Ritual seines Urlaubs. Seit 25 Jahren reist er an die Costa de la Luz in der Provinz Cad’z, dem südlichen Zipfel seines Heimatlandes. "Hier kommt alles her, wofür Spanien bekannt ist: Flamenco, Sherry, Stierkampf", sagt Jésus, während die Toreros mit lauten Schreien ihre Ausweichmanöver üben. Als Gegner dienen Handwagen mit montierten Stierhörnern. "Hier ist Spanien ursprünglich geblieben. Deshalb komme ich immer wieder zurück."

200 Kilometer feinsandige Playa

Merkwürdig, dass die "Küste des Lichts" vom Massentourismus mit seinen Bausünden bis spät in die 1990er Jahre verschont geblieben ist, obwohl die weitläufigen Atlantikstrände zu den schönsten Europas zählen. 200 Kilometer feinsandige Playa, von der Grenze zu Portugal bis nach Tarifa, der südlichsten Stadt des europäischen Festlands. Der Levante, die warme Brise vom Mittelmeer, zwischen Sierra Nevada und Atlas-Gebirge gepresst, beschleunigt hier häufig auf Windstärke acht. Das zieht seit jeher Surfer an, hielt die Massen aber ab. Dabei sind die Strände bei schwachem Wind auch für weniger sportliche Badeurlauber ein Platz zum Träumen.

Wo sonst kann man schon Anfang Mai oder noch Ende Oktober in die Wellen des Atlantiks tauchen - so wie in Bolonia, nahe Tarifa? Eine von sanften Hügeln geschützte Bucht, an der Einheimische Schnecken sammeln. Wer hinausschwimmt aufs offene Meer, hat Afrika im Blick, nur 14 Kilometer entfernt. Wer wieder zurückschwimmt, sieht die fein restaurierten Ruinen der römischen Siedlung Baelo Claudia, die sich direkt hinter dem Strand erheben.

Wo einst Christoph Kolumbus seine Entdeckungsreisen vorbereitete

"Aber ich war noch nie da. Ich geh nicht an den Strand", sagt Jésus. "Das macht meine Frau." Heute allerdings unternimmt sie einen Tagesausflug mit dem Boot zum Nationalpark Coto de Do–ana, wo es Flamingos, Luchse und seltene Vögel zu sehen gibt. Jésus verbringt seine Tage lieber mit seinem Freund Jordi. Sie lassen sich mit andalusischer Ruhe treiben. Stress, sagen sie, sei eine Erfindung der Amerikaner. Nach dem Stierkampftraining geht's auf einen Drink in ihre Lieblings-Flamenco-Bar "A Contratiempo". Dann mal rüber nach El Puerto de Santa Mar’a, zu ihrem Freund Antonio, einem Apotheker. Zu dritt ziehen sie durch die Heimatstadt des 67-Jährigen, in der einst Christoph Kolumbus seine Entdeckungsreisen vorbereitete. Antonio kennt die besten Bodegas, wie das "Obregón", wo fröhliche Zecher schon mittags vor dem Eingang große Trauben bilden. Oder er geht mit seinen Freunden in Kneipen wie "Vicente" am Marktplatz. Mit jahrhundertealten, kunstvoll bemalten Kacheln an den Wänden, Stierkampfplakaten bis unter die Decke und lautem Gelächter an Tresen und Tischen. Jésus bestellt Bier und tinto de verano, Rotwein mit Limo. "Aus zwei Stunden wird schnell ein ganzer Tag", sagt er. "Du weißt ja nie, wo du landest."

Hauptsache, er ist am Abend wieder bei seiner Frau. Dann genießen beide das herrschaftliche Ambiente des Palastes der Herzogin von Medina Sidonia im historischen Kern von Sanlœcar. Kein Schild weist darauf hin, dass die Hausherrin einen Teil des Schlosses zum Hotel umfunktioniert hat. Riesige Räume, antike Möbel, Bilder, Wandteppiche, teils maurische Torbögen, die hinausführen auf den Hof mit Palmen, Pfeffer- und Zitronenbäumen. Am Horizont glitzert das Mündungsdelta des Guadalquivir, den man hier den goldenen Fluss nennt - auf ihm haben die Spanier einst das in Südamerika erbeutete Gold und Silber ins Landesinnere geschifft.

Die Einkünfte aus dem Hotelbetrieb finanzieren der Herzogin die Restaurierung ihres Palastes. "Wenn wir die Vergangenheit nicht erhalten, leben wir in einer seelenlosen Gesellschaft", schnauft die kleine, drahtige Dame beim Kontrollgang und zündet sich eine Zigarette an, während Terrier Lola um sie herumwieselt. Hoheits Vorfahren waren Statthalter des Königs, die im 13. Jahrhundert die Mauren aus der Provinz und damit nahezu aus ganz Spanien vertrieben. Heute sind deren "Weiße Dörfer" Touristenattraktion. Von mächtigen Stadtmauern umgeben, thronen sie hoch an den Hügelketten unweit der Küste und tragen seit der Rückeroberung durch die Christen den Beinamen "de la Frontera".

Die Herzogin öffnet die Türen ihrer Gemächer zweimal in der Woche für öffentliche Führungen. Neben ihrem Büro sitzen Studenten und schmökern in dicken Wälzern aus der Bibliothek. Da reihen sich über 6000 Bücher und historische Dokumente, darunter Briefe von Karl dem Großen. "Das Nationalarchiv und Museen in Madrid bitten mich immer wieder um Stücke aus meiner Sammlung", sagt die Hausherrin. "Aber ich gebe nichts her. Ausverkauf findet mit mir nicht statt."

Das wünscht sie sich für die ganze Region. Anfang der 90er Jahre wurde sie von einem Investor aus Mallorca aus dem touristischen Dämmerschlaf erweckt. Am bis dahin unbebauten Strand von Chiclana de la Frontera ließ er hinter den Dünen die Feriensiedlung Novo Sancti Petri anlegen. Ein weitläufiger Komplex, der sich unauffällig in die Umgebung einfügt, vom breiten Sandstrand aus kaum zu sehen. Kein Haus ist höher als drei Stockwerke, obwohl an diesem Ort mit insgesamt 13 000 Gästebetten ein Drittel der Hotelkapazität der gesamten Provinz vereint ist. Eine Destination aus der Retorte mit Tennisanlagen, Reitstall, mit Schwimmunterricht für Kinder und einem 36-Loch-Golfplatz, den die Golfer-Legende Severiano Ballesteros entworfen hat.

Hier urlauben die Einheimischen

Dass man hier bestens ausspannen kann, haben vor allem die Spanier entdeckt. In ihren Sommerferien im Juli und August wird es auch drüben im einstigen Fischerdorf Conil de la Frontera, wo die Einheimischen heute noch ihre Netze nach Tunfisch auslegen, richtig voll. Es heißt: Wer zum ersten Mal in dieser Zeit kommt, der kommt nie wieder.

Das wäre schade. Denn von Hotelhochburgen und deutschen Speisekarten ist dieser Küstenstreifen verschont geblieben. Schon im Mai, weit vor dem großen Ansturm der spanischen Touristen, bauen Einheimische ihre Chiringuitos auf, die Strandbars. Dann reiten die ersten Surfer auf den Wellen, und ambitionierte Rennradfahrer, die meisten aus Nordeuropa, strampeln durch das Hinterland. Hoch in die Sierra de Grazalema beispielsweise, wo sich einsame Passstraßen durch blühende Ginsterfelder schlängeln. Oben werden sie alle mit einem Blick belohnt, der bis hin zur Straße von Gibraltar reicht.

Wer genug Natur getankt hat, besucht die Königliche Hofreitschule in Jerez de la Frontera. Oder kutschiert in eine der berühmten Weinkellereien des Sherry-Dreiecks rund um Jerez. Wuchtige Eichenfässer stapeln sich in dunklen Hallen. Im Hof degustieren Weinhändler leichte Sommerweine, Sherrys jeder Geschmacksrichtung und köstliche alte Brandys. Ein Kellner in Weiß serviert Carpaccio vom Tunfisch, Langusten und Steinpilzrisotto.

"Die Rinder waren hier schon immer sehr wild"

Die Sherrybarone empfangen ausgesuchte Gruppen schon mal in privaterem Rahmen, gegen ein kleines Entgelt. Zum Beispiel die Familie Domecq, die ihre Kellerei längst an einen Großkonzern verkauft hat. Wein wird hier nur noch in kleinem Stil angebaut. Die Domecqs widmen sich heute vor allem der Stierzucht und dem Stierkampf. Hoch zu Ross begrüßt der Hausherr die Gäste auf dem Hof seiner Finca. Das Fell seines Andalusiers schimmert in der Sonne. "Die Rinder waren hier schon immer sehr wild und nur schwer zu fangen", sagt Don Alvaro und schwingt sich zum Händeschütteln aus dem Sattel. "So ist der Stierkampf entstanden. Eine Kunst, die wir bis heute pflegen."

Heute ist ein wichtiger Tag, aus der Herde werden die Rinder für die Zucht ausgewählt. Auf dem Weg zur Arena scheppern die Sporen des Züchters auf dem steinernen Boden bei jedem Schritt. König Juan Carlos, Prinzessin Anne, Ernest Hemingway - alle waren bei dem Spektakel schon dabei und haben zugesehen, wenn der Chef sich, so wie Don Alvaro jetzt, mit einem Notizblock an den hauseigenen Kampfplatz setzt und ein Tier nach dem anderen vorführen lässt. Er möchte sehen, wie es reagiert, wenn es von einem Torero gereizt wird. Zweimal urteilt er: "Matadero" - Schlachthaus. Beim dritten Tier ist er zufrieden: "Der hat Mut." Das Tier kommt in die Zucht. Eine Kapelle spielt auf, es gibt Sherry und Häppchen.

Klar, dass Jésus, der Tourist in Sanlœcar, auch schon dabei war. "Aber es muss nicht alles so perfekt sein", sagt er. Jésus besucht lieber die Finca seines Freundes Miguel, oben in Trebujena, am Ufer des goldenen Flusses. Hier darf er ab und zu mithelfen, schließlich wollte er als Kind selbst Stierkämpfer werden. So wie Mani, der ihn für den letzten Abend seines Urlaubs zu sich nach Hause nach Sanlœcar eingeladen hat. Mani hegt Tradition und hat sich selbst ein kleines Torero-Museum eingerichtet. Jésus holt für den Besuch seine Frau im Hotel ab. Beide sind begeistert von der Sammlung der Anzüge berühmter Toreros, die Mani hinter Glas ausstellt.

Es ist schon halb zwölf, als es zum Abendessen geht. Danach noch ein letztes Bier auf der Plaza del Cabildo, bei "Balbino" mit den besten Tapas der Stadt. Viele Einheimische sitzen auf dem Platz, ihre Getränke haben sie von zu Hause mitgebracht. Ein Lautsprecherwagen fährt durch die engen Gassen und plärrt Aufrufe für den großen Stierkampf in zwei Wochen. Mani wird in der Arena sein. Jésus muss wieder nach Hause. "Die Arbeit", stöhnt er. Dann hebt er sein Glas: "Aber zum Kampf bin ich wieder zurück."

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