Mehr als 40 Tote Zugunglück in Spanien gibt Rätsel auf – nur eine Ursache wird ausgeschlossen

Zugunglück in Spanien
Mehrere Waggons entgleisten nahe Adamuz im Süden Spaniens und prallten mit einem anderen Zug zusammen
© Guardia Civil via AP / DPA
Wodurch wurde das Zugunglück in Spanien mit mehr als 40 Toten ausgelöst? Der Verkehrsminister spricht von einem "extrem ungewöhnlichen Unfall" – und bittet um Geduld.

Es ist das schwerste Zugunglück in Spanien seit mehr als zehn Jahren: Mindestens 41 Menschen kamen ums Leben, als am Sonntagabend ein Hochgeschwindigkeitszug nahe dem Ort Adamuz im Süden Spaniens entgleiste und mit einem entgegenkommenden Zug zusammenstieß. Laut Behördenangaben könnte sich die Zahl der Todesopfer noch erhöhen.

Während das Land trauert, werden die Fragen nach der Ursache des Unglücks immer lauter. Doch Antworten darauf sind, so scheint es, schwer zu finden. Verkehrsminister Óscar Puente spricht von einem "extrem ungewöhnlichen Unfall" und betont: "Alle Hypothesen sind offen." 

Der Unfall ereignete sich auf einem gerade Streckenabschnitt, der zudem gerade erst gewartet worden war. Auch bei dem entgleisten Zug handelt es sich um ein relativ neues Modell. Verkehrsminister Puente spricht aus, was viele Spanier denken: "Wie ist es möglich, dass sich auf einer geraden Strecke, auf einem sanierten Schienenabschnitt, mit einem quasi neuen Zug, ein solcher Unfall ereignen kann?" 

Zugunglück in Spanien: Menschliches Versagen wird ausgeschlossen

Klar ist: Gegen 19.40 Uhr am Sonntag entgleisten die beiden letzten Waggons eines Hochgeschwindigkeitszugs bei einem Tempo von mehr als 200 Kilometern pro Stunde. Sie gerieten ins benachbarte Gleis und wurden dort von einem entgegenkommenden Hochgeschwindigkeitszug erfasst, der ebenfalls entgleiste. Mehr als 500 Passagiere befanden sich an Bord der beiden Züge, teilt die spanische Bahngesellschaft Renfe mit.

Zumindest in einem Punkt legt sich die Bahngesellschaft fest: Menschliches Versagen sei als Unglücksursache auszuschließen. Beide Züge seien deutlich langsamer als die auf dem Streckenabschnitt erlaubten 250 Stundenkilometer unterwegs gewesen, sagt Renfe-Präsident Álvaro Fernández Heredia dem Sender Cadena Ser.

Theoretisch sollte ein Sicherungssystem greifen, wenn ein Hindernis auf der Strecke erkannt wird. Die 20 Sekunden, die zwischen Entgleisung und Kollision lagen, reichten für die automatische Notbremsung aber offensichtlich nicht aus. Auch Sabotage gilt als unwahrscheinlich. Der Renfe-Präsident geht von einem "Defekt des beweglichen Materials oder der Infrastruktur" aus, warnt aber gleichzeitig: "Das Schlimmste, was wir tun können, ist zu spekulieren." Eine unabhängige Untersuchungskommission hat bereits ihre Arbeit aufgenommen.

Im Fokus: ein Schienenbruch und der entgleiste Waggon

Denkbar ist laut Experten ein Schaden am Gleis. Medienberichte zufolge wurde nach der Zugkatastrophe ein Schienenbruch im Bereich einer Weiche gefunden. Unklar sei jedoch, ob diese Beschädigung die Ursache oder eine Folge des Unglücks war. Die Ermittlungen sollen sich nun darauf konzentrieren. Laut spanischen Medienberichten wurden auf dem Streckenabschnitt in jüngster Zeit acht Vorfälle gemeldet. Diese haben laut den offiziellen Angaben aber nichts mit dem Unfall zu tun.

Außerdem soll der Waggon, der als erster entgleiste, genauer unter die Lupe genommen werden. "Eine gründliche Untersuchung des entgleisten Wagens ist notwendig, um den Hergang zu klären, denn es gibt viele Puzzleteile, die zusammengefügt werden müssen", erklärt Verkehrsminister Puente. Der Sprecher des spanischen Verbands der Bauingenieure vermutet, dass die Kombination aus starker Beschleunigung des Zuges, einer möglichen lokalen Instabilität der Gleise und einem unentdeckten Defekt an dem betreffenden Waggon eine dynamische Wechselwirkung hervorgerufen haben könnte, die dann zur Entgleisung führte.

Die Gründe für die Katastrophe zu finden, wird möglicherweise Wochen oder Monate dauern. Puente bittet um Geduld: "Wir müssen abwarten, denn was dort geschehen ist, wird uns wahrscheinlich überraschen." Der Minister verspricht, "dass wir die Wahrheit mit allen Mitteln verfolgen werden, erstens, weil die Opfer es verdienen, und zweitens, weil wir erfahren müssen, was geschehen sein könnte, damit so etwas nie wieder passiert".

Quellen: Nachrichtenagentur DPA, Cadena Ser, "AS", "El País", "El Mundo"

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