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Hotel Arctic in Grönland: Ein Zimmer fürs Klima

Im Hotel Arctic im grönländischen Ilulissat wurde der Klimagipfel von Kopenhagen vorbereitet. Wer hier übernachtet, hat die Eisberge der Disko-Bucht ständig im Blick - und den schrumpfenden Sermeq Kujalleq-Gletscher ganz in der Nähe - an dem sich selbst Politiker gerne in Szene setzen.

Von Mirco Lomoth

Von der Terrasse aus sieht man sie vorbei driften. Eisberge, spitz und gezackt, rund und geschmolzen. Sie treiben nach Norden, in die Baffin Bucht, und von dort weiter entlang der kanadischen Küste in Richtung Süden, bis sie geschmolzen sind. Auch der Eisberg, mit dem die Titanic zusammen gestoßen ist, soll hierher gekommen sein, aus der Diskobucht.

Wie ein roter Farbklecks liegt das Hotel Arctic auf einem Felshügel oberhalb der Stadt. Etwas abseits, wie es sich für ein Luxushotel gehört, dem nördlichsten Vier-Sterne-Hotel der Welt, wie es in den Werbebroschüren heißt. Die isländische Sängerin Björk soll hier schon untergekommen sein, in einem der Aluminium-Iglus am Wasser, José Manuel Barroso und Angela Merkel haben wohl eher die gewöhnlichen Zimmer bewohnt. Noch im Juli reisten Klimapolitiker aus mehr als 20 Ländern zum "Grönland-Dialog" an, auf Einladung von Dänemarks Ministerin für Klima und Energie, Connie Hedegaard. Ziel war es, in einem kleinen Kreis von Top-Akteuren den Klimagipfel in Kopenhagen vorzubereiten. Vor einem symbolischen Hintergrund: Durch die breite Fensterfront hatten die Teilnehmer die umher treibenden Eisberge der Disko-Bucht ständig im Blick.

Tagen mit Blick auf den Gletscher

Drei Tage dauerte die Klimaklausur in Ilulissat. In informellen Gesprächen sollten Meinungsverschiedenheiten aus dem Weg geräumt werden. Die dänische Regierung bat um unprätentiöse Kleidung, Journalisten wurden nicht zugelassen. "Es war eine sehr ungezwungene Atmosphäre", erinnert sich Hotel-Manager Erik Bjerregaard. "Die Diskussionen gingen auch in den Pausen und beim Abendessen weiter."

Der Ort für das Treffen war bewusst gewählt. Nicht nur wegen der Eisberg-Kulisse vor dem Konferenzzentrum. Auch, weil Ilulissat ganz in der Nähe des Sermeq Kujalleq-Gletschers liegt, eines der aktivsten Gletscher der nördlichen Hemisphäre. Wissenschaftler haben vorgerechnet, wie er in den letzten Jahren geschrumpft ist. Allein zwischen 2002 und 2007 hat sich der Sermeq Kujalleq-Gletscher um rund 15 Kilometer zurückgezogen. Mit Helikoptern sind die Politiker zum Gletscherrand geflogen worden, um einen Beleg für den Klimawandel mit eigenen Augen sehen zu können. Und einheimische Fischer haben ihnen davon erzählt, wie sich ihr Leben verändert hat. "Noch vor zehn Jahren konnten sie im Winter nur Eisfischen", sagt Bjerregaard. "Jetzt können sie das ganze Jahr über mit ihren Booten rausfahren, weil die Bucht nicht mehr zufriert."

Roter Parka, rotes Hotel

So finden Politiker in Ilulissat immer wieder eine medienwirksame Szenerie, wenn das Thema Klimawandel auf der Agenda steht. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ sich im August 2007 in roter Expeditionsjacke vor Eisfjord und Gletscher fotografieren und kündigte an, sich in Zukunft verstärkt für den internationalen Klimaschutz einzusetzen. Es war das Jahr des vierten Berichts des Weltklimarats. Sie übernachtete in der Botschafter-Suite des Hotel Arctic.

Doch Ilulissat ist nicht nur für Politiker ein beliebtes Ziel. Jedes Jahr kommen rund 35.000 Touristen in die Stadt. Sie unternehmen Hundeschlittentouren oder schippern mit dem Kutter durch den Eisfjord. Man kommt hier ganz nah ran an die Eisberge und an das grönländische Inlandeis, hört es krachen und knacken, spürt die Kälte selbst durch dicke Daunenjacken hindurch. Oder sie buchen einen (klimaschädlichen) Helikopterflug zum Sermeq Kujalleq-Gletscher und beobachten, wie er kalbt. Ein Jahr brauchen die Eisberge, um die 40 Kilometer durch den Eisfjord bis zur Mündung in die Disko-Bucht zurück zu legen. Seit 2004 sind Eisfjord und Gletscher Unesco Weltkulturerbe.

Klimafeindlicher Gletscher-Tourismus

Viele Touristen suchen hier wohl auch einen ganz persönlichen Beweis für die Folgen des Klimawandels. Sie kommen nach Grönland, um schrumpfende Gletscher, Eisberge, Eisbären und Packeis zu sehen, bevor es sie angeblich nicht mehr geben wird. Ein Untergangstourismus, der allein durch den langen Flug tonnenweise klimaschädliches CO₂ verursacht. Doch der grönländischen Tourismusindustrie kommt die internationale Klimadebatte durchaus gelegen. Man hofft auf steigende Besucherzahlen. "Hier kann jeder für sich selbst sehen, wie das Eis schmilzt", sagt Tom Ostermann vom städtischen Tourismusbüro. "Der Klimawandel macht für uns quasi das Marketing".

Im Hotel Arctic hat man erst vor einigen Jahren begonnen, sich um Umweltfragen Gedanken zu machen. Seit 2000 ist das Hotel mit dem Ökosiegel Green Key zertifiziert, das nachhaltig wirtschaftende Tourismusbetriebe auszeichnet. Die Aluminium-Iglus am Wasser sollen im nächsten Jahr mit Solaranlagen ausgestattet werden. Denn Sonne gibt es hier genug. Im August sitzen die Gäste mit T-Shirt und Sandalen auf der Hotelterrasse, die Temperaturen klettern auf bis zu 26 Grad Celsius. Doch wer dabei gleich an Klimawandel denkt, wird enttäuscht. Sommer gab es in Grönland auch schon vor zwanzig Jahren. Die Folgen des Klimawandels muss man anderswo suchen.

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