Korsika Wie die Alpen im Meer

Einsame Badebuchten, hohe Berge, weite Wälder - in der Vielfalt der französischen Mittelmeerinsel Korsika findet jeder Urlauber seine Lieblingslandschaft.
Von Tilman Müller

Kein Mensch lässt sich blicken in Morsiglia. Und auch die uralten Steinhäuser sind kaum zu sehen vor lauter Eukalyptusbäumen und üppigem Buschwerk, das in dem winzigen Bergdorf bis auf das Dach der Jean-Baptiste-Kapelle sprießt. In der Ortsmitte blitzt in der Mittagssonne eine Esso-Zapfsäule aus der Frühzeit des Automobilverkehrs. Plötzlich kommt ein zerbeulter R 4 angeschossen, bremst ab, fährt rückwärts vor die weit offene Tür eines Cafés und lässt den Motor aufjaulen. Er pustet jede Menge Abgasschwaden in das Bistro und jagt dann mit quietschenden Reifen davon. Die junge Dame, die nun unter einer Rußwolke am Tresen steht, regt der Auftritt nicht auf. Laura nennt sie sich und sieht aus wie eine Mafiabraut - pechschwarze Haare, silberfarbene Leggings, tief sitzender Ledergürtel. "Ach, dieser Antoine", seufzt sie mit gequältem Lächeln, "der furzt mir in die Bude und glaubt auch noch, dass er auf diese Tour bei mir landen kann."

Mitunter sind sie etwas rau, die Sitten auf Korsika, der Insel der Extreme, wo es wie in Kuba kein McDonald's gibt, wo die Traditionen archaischer, die Gipfel höher, die Küsten meist einsamer und die Pflanzen auf jeden Fall wohlriechender sind als anderswo am Mittelmeer. Im Vergleich zum beschaulichen Mallorca hat das fast zweieinhalbmal so große Korsika etwas Wildes und Verwegenes. Mehr als 50 seiner Berge sind über 2000 Meter hoch, in holprigen Haarnadelkurven kommen einem manchmal Wildschweinrudel entgegen, und wenn im Sommer die Hitze brütet, legen Einheimische wie Touristen weit oben zwischen den Felsen, an Gletscherbächen, ihre Kleider ab.

"Die Alpen im Meer" schwärmte der deutsche Schriftsteller W. G. Sebald. "Die Granit-Insel" - so lautet der Titel des Korsika-Klassikers, verfasst von der Britin Dorothy Carrington, die ein halbes Jahrhundert lang Mythen und Riten der eigenwilligen Insulaner erforschte: Ehrenmorde und Banditentum ebenso wie ihren besonders respektvollen Umgang mit dem Tod oder die rätselhaften Menhir-Statuen bei Filitosa aus dem vierten Jahrtausend vor Christus. Wer Korsika zum ersten Mal bereist, mag sich noch wundern über das allerorts zu sehende Abbild eines schwarzen Kopfes mit weißer Stirnbinde; das korsische Emblem ziert Flaggen, Autoaufkleber, Bierflaschen und Käsepackungen. Es stammt aus der Zeit des Kampfs gegen die Sarazenen im 9. bis 11. Jahrhundert und prangt heute auf T-Shirts oft neben dem Porträt Che Guevaras. Aus Furcht, ihre kulturelle Eigenständigkeit zu verlieren, flirten viele Einheimische noch immer mit der Revolte. Doch der Höhepunkt separatistischer Gewalt ist vorbei. 1982 gab es mehr als 800 Bombenanschläge, die meist Polizeistationen, niemals Touristen galten. Inzwischen ist die Zahl der "blauen Nächte" drastisch gesunken; betroffen sind vor allem muslimische Einwanderer.

Insel der Bergbewohner

Seit 1796 gehört die wildromantische Insel zu Frankreich. Doch ein echter Korse findet sich damit nicht ab und führt - weil es nicht anders geht - ein Doppelleben. Das fängt mit der Sprache an. "Ich heiße Pierre", grüßt freundlich ein alter Herr mit schlohweißem Haar an seinem Gartentor nahe der Hafenstadt Bastia, nur ein paar Autominuten vom Bistro der schrillen Laura entfernt. Doch schon nach kurzer Plauderei unter einem Zitronenbaum gesteht er, dass die Familie ihn Pedru nennt. Daheim wird Korsisch gesprochen, in der Öffentlichkeit Französisch. "Ich habe meine Frau vor über 60 Jahren in der Schule kennen gelernt", erzählt er. "Wenn wir uns in der Pause in der Muttersprache unterhielten, schlug uns der Lehrer mit dem Rohrstock."

Ursprünglich waren die Korsen, die heute noch gut die Hälfte der 260.000 Inselbewohner stellen, keine Seefahrer, Händler oder Fischer, sondern "montagnards", Bergbewohner. Pedrus Großmutter, die nur Korsisch sprach, kam wie viele ihrer Generation aus dem Inselinneren, aus der Castagniccia, den riesigen Kastanienwäldern. Die genuesischen Herrscher hatten die Wälder ab dem 13. Jahrhundert südlich von Bastia zur Mehlproduktion anlegen lassen. Von dort stammt auch der Freiheitskämpfer Pasquale Paoli, der zwischen 1755 und 1769 an der Spitze des einzigen jemals unabhängigen korsischen Staates stand - eine Vergangenheit, die Insulaner wie Pedru nicht kalt lässt, obwohl er nie in seinem Leben politische Ambitionen hatte. "Ich bin zuallererst Korse", sagt der rüstige Pensionär etwas trotzig, "Frankreich hat für mich keine besondere Bedeutung, liegt weit weg auf dem Festland, genauso wie Italien, Deutschland oder Belgien."

Im Reich der Kastanienwälder

Der Weg zu Herkunftsorten seiner Vorfahren führt durch grüne Tunnel aus Ästen und Zweigen, hinauf in das süßlich duftende Dickicht der Edelkastanien. Die früheren "Brotbäume" der Korsen werden nur von den imposanten Glockentürmen der Barockkirchen überragt, die die Italiener einst errichteten. Vor dem Dorf Stazzona steht ein Lada-Geländewagen quer auf der Straße, heraus springt ein zwergenhafter Mann mit einem Jagdgewehr über der Schulter und einem Riesenhund an der Leine. "Ich bin hier der Bürgermeister", sagt er. Seine Gemeinde hat 23 Einwohner und wäre mit ihren festungsartigen Behausungen die ideale Kulisse für einen Robin-Hood-Film; manche Bergbewohner waren noch nie in ihrem Leben an der Küste. "Da drüben", ruft der sichtlich über den Besuch erfreute Ortsvorsteher und zeigt auf ein paar rötlich schimmernde Gebäude in der Ferne, "das ist Carcheto, bis vor einigen Jahrzehnten ein berühmtes Banditendorf. Und da drüben, das ist Catalpa, wo heute noch drei Leute wohnen."

Stundenlang kann man auf alten Eselspfaden durch die Wälder stapfen, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. Korsika ist extrem dünn besiedelt, mit 29 Einwohnern pro Quadratkilometer - in Sardinien sind es mehr als doppelt, in Sizilien fast zehnmal so viel. Und da zwei Drittel aller Korsen ohnehin an der Küste leben, ist die bergreiche Insel gewiss Europas schönstes Wanderparadies. Besonders spektakulär ist das südlich gelegene Bavella-Massiv. Auf dessen Felsennadeln stehen vereinzelt mächtige Laricio-Pinien, mit weithin sichtbaren grünen Schirmen. Wie Fahrstühle schnellen oft Nebelwände aus dem Tal empor, Minuten später ist der Himmel wieder klar, bis auf ein paar Linsenwolken.

Den Bavella-Pass kreuzt der GR 20 (Grande Randonnée 20), der 173 Kilometer lange Königsweg eines jeden Kraxlers zwischen Calenza im Norden und Conca im Süden. Mindestens zwei Wochen dauert das hochalpine Vergnügen, 10.000 Meter Höhendifferenz sind auf gut markierten Strecken zu bewältigen, vorbei an Geröllfeldern, Gebirgsseen, verlassenen Schäferhütten - und immer wieder leuchtet in der Ferne das tiefblaue Mittelmeer. Das einzigartige Alpen-im-Meer-Gefühl ist indes auch einfacher zu haben, auf den drei wesentlich kürzeren "Mare a Mare"-Routen zwischen Ost und West.

Es ist ein unvergessliches Erlebnis, auf einer der Routen von einer Anhöhe bei Evisa aus plötzlich die Calanche zu sehen, rötlich schimmernde Granitfelsen am Golf von Porto, wo einsame Buchten besonders gute Bademöglichkeiten bieten. Und wer das Glück hat, in dem kleinen Ort Piana im Hotel Les Roches Rouges ein Zimmer mit Meerblick zu ergattern, kann bei Sonnenuntergang das Naturtheater miterleben, das der Schriftsteller W. G. Sebald so geschildert hat: "Die im Verlauf von Jahrmillionen von Wind, Salznebel und Regen aus dem Granit geschliffenen, 300 Meter aus der Tiefe emporragenden monströsen Felsformationen der Calanche leuchteten in feurigem Kupferrot, als stünde das Gestein selber in Flammen und glühte aus seinem Inneren heraus ... Sogar das Wasser drunten schien in Flammen zu stehen. Erst wie die Sonne hinter dem Horizont sich senkte, erlosch der Meeresspiegel, verblasste das Feuer in den Felsen, wurde fliederfarben und blau, und zogen die Schatten von der Küste hinaus."

In Serpentinen führt von Piana ein schmales Sträßchen hinunter zum feinen Kieselstrand von Ficajola, eingekeilt zwischen Felsen und nicht größer als ein Tennisplatz. Ein bisschen weiter ist es zur 300 Meter breiten Sandbucht von Arone. Das Wasser ist glasklar, am späten Nachmittag kann man hinüberwandern zum Capo Rosso, zu einem der alten Wehrtürme, die die Herren aus Genua einst überall entlang der Inselküste platzierten. Wem es im Sommer unten am Meer zu heiß ist, der kann in gut einer Stunde hinauffahren zur Spelunca, einer von Feigenbäumen und Rosmarinsträuchern gesäumten Schlucht, in deren kühlen Naturbassins sich das Gebirgswasser staut.

Etwas weiter in Richtung der Hauptstadt Ajaccio liegt Cargèse, ein kleiner Ort mit einem Yachthafen und einer hübschen griechisch-orthodoxen Kirche. Direkt am Strand versteckt sich hinter Palmen und blühenden Agaven das kleine Hotel "Thalassa" - das Meer auf Griechisch. Marie, die Wirtin, gehört wie ein Drittel der 1000 Einwohner zur Gemeinde der Griechen, die im 17. Jahrhundert auf abenteuerliche Weise hierher gelangten. Einmal im Jahr besucht die umtriebige Dame die kleine Peloponnes-Insel ihrer Vorfahren. "Ich bin in erster Linie Korsin", sagt sie immer, "dann Griechin, und zu guter Letzt Französin."


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