Lettland Wo die Welt Atem holt


Viel Wald, viel Wasser und dazwischen schöne alte Orte: In der Provinz Kurzeme, im Nordwesten von Lettland, darf die Natur bis heute fast ungehindert wuchern. Das lockt immer mehr Besucher an.

Die Eisentür fällt ins Schloss. Die Schritte des Wärters verhallen im Gang; in der Zelle ist es stockdunkel. Das passt ja alles zusammen: der unfreundliche Empfang auf dem Gefängnishof mit anschließender Körperertüchtigung, dann die ruppige Untersuchung, das Verhör unter einem Bild des Genossen Lenin und schließlich ab in die Zelle! Plötzlich Schüsse irgendwo da draußen. Das soll Urlaub sein? "Die Show 'Hinter Gittern' ist bei Touristen das beliebteste Programm zurzeit", erzählt Antra am anderen Tag bei einem Gang durch Liepaja. Sie war die Krankenschwester gestern Abend. "Läuse, Wanzen?", hatte sie die Besucher angeblafft, als sie mit einer Truppe von Laiendarstellern vorführte, wie es zu Zeiten der Sowjetunion im Militärgefängnis von Karosta im Norden der Stadt zuging. Das Schauspiel steigt mehrmals am Tag, für Hartgesottene auch in der Nacht. Wer möchte, kann hier sogar übernachten: Holzpritsche und fließend Kaltwasser für knapp zehn Euro.

"Wir wollen, dass die Menschen nicht vergessen, wie es hier einmal war", sagt die heute ganz sanfte Antra, und für kurze Zeit verschwindet das Lächeln, mit dem sie durch ihre Stadt führt. Vieles aus der Sowjetzeit kennt auch sie nur aus Erzählungen. Sie ist 22 Jahre alt und nach dem Abitur aus Riga nach Liepaja, in die drittgrößte Stadt Lettlands, gezogen, die sie durch Besuche bei ihren Großeltern kennen gelernt hatte. Dieser Ort, versichert sie, sei ein ganz besonderer. "Der Wind bläst den Menschen die Köpfe frei, das macht sie offen für neue Ideen und kreativ." Kein Wunder, sagt Antra bei einer Cola in Lettlands erstem Rock-Café, dass dies die Musikhauptstadt sei. Liepaja liegt im Südwesten der Provinz Kurzeme, auf Deutsch: Kurland, einem ganz feinen Winkel im Nordosten von Europa. Es ist leicht, ihn auf dem Weg von Riga an die Kurische Nehrung rechts liegen zu lassen - aber was für ein Versäumnis! Kurzeme ist ein pralles, tiefgrünes Stück Natur, gesäumt von breiten Stränden, durchzogen von Flüssen, auf denen sich prima paddeln lässt, und wenig befahrenen Landstraßen, die einladen, die Region mit dem Rad zu erkunden. Mit Städtchen, in denen die Zeit spätestens in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts stehen geblieben scheint. Bevölkert von jungen Leuten voller Aufbruchstimmung und von älteren, die froh sind, dass endlich wieder die Letten bestimmen können, was in Lettland passiert.

Einst lebte hier das abenteuerlustige Volk der Kuren; später versuchte der Deutsche Orden, der Bevölkerung den christlichen Glauben aufzuzwingen. Es gab ein Herzogtum Kurland und Semgallen, zu dem unter Herzog Jakob als Kolonie auch ein Inselchen wie Tobago gehörte. Als 1658 die Schweden einfielen, war es mit der stolzen Eigenständigkeit vorbei. Seitdem herrschten Skandinavier, Polen, Deutsche und Russen über Kurzeme. Die Spuren vergangener Epochen finden sich überall: das ehemals Deutsche Theater in Liepaja, das Schloss Kazdanga der Barone von Manteuffel bei Aizpute, der Wachturm einer Ordensburg in Kandava. Von Kandava wenige Kilometer den Fluss Abava hinab erhebt sich in Sabile ein Hügel, den das "Guinness Buch der Rekorde" mal als nördlichsten Weinberg der Welt verzeichnete. Rund 150 Liter Rot- und Weißwein geben die 650 Rebstöcke her, bis in einen Laden aber schaffen sie es nicht, sie fließen beim alljährlichen Weinfest. Ob die Party auch in Zukunft noch stattfinden kann, ist unsicher. Der Mann, der wusste, wie der Wein vom Stock in die Flasche kommt, ist gestorben; die Frau, die ihm zur Hand ging, fortgezogen.Auf einem Hügel gegenüber dem Weinberg säumen seltsame Gegenstände einen Pfad über Wiesen und durch Büsche. Da steht ein riesiger Sessel, montiert aus Ölfässern, da schwebt ein Boot an Stangen, da finden sich Arrangements aus Steinen und bemalten Zweigen. Ein Fernsehteam interviewt gerade Laura, die Managerin vom Pedvale Kunstpark. Von ihr stammen einige der Arbeiten. Sie hat die Kunstakademie in Riga besucht, arbeitet viel in der Hauptstadt, die Sommer aber verbringt sie hier auf dem Gelände, das ihr Vater Ojars, ebenfalls ein Künstler, dem Staat abgekauft hat. "Eigentlich wollte mein Vater einen solchen Park in Riga anlegen", erzählt Laura, "aber das war selbst zum Ende der Sowjetzeit nicht so einfach. Also ist er mit seiner Idee aufs Land gezogen." Ein ambitioniertes Projekt, doch ausgerechnet in der Mitte von nirgendwo? "So abseits liegen wir gar nicht", sagt Laura. "Zu unseren Festivals kommen Künstler von überall her, aus dem Baltikum und verschiedenen Ländern Europas." Und außerdem, ergänzt sie in fließendem Englisch, das sie durch die vielen Kontakte gelernt hat: "Es sieht hier zwar ruhig aus, aber es ist genug los in Städten wie Kuldiga oder Talsi."

Die Gegend um Talsi und Sabile, dichten die Reiseführer, sei dank einiger Hügel die "Kurländische Schweiz", Kuldiga mit den wenigen Brücken über zwei Flüssen natürlich "das Venedig des Nordens". Und das Mauerwerk über die Venta, das wird auch gern erwähnt, ist eine der längsten Backsteinbrücken Europas. Wer durch Kuldiga spaziert, schließlich auf der Brücke steht und den Blick schweifen lässt über das Tal und den Fluss, der sich auf dem Weg in die Ostsee hier bescheidene zwei Meter hinabstürzt, stellt fest, dass diese beschauliche Gegend Reiseführerpoesie und Superlative gar nicht nötig hat. Eine besondere Ecke Kurzemes liegt hoch im Norden. Der Wagen rollt an der Ostküste hinauf, vorbei an Fischerdörfern, "Kurzemes Radio" spielt lettischen Pop und fast Vergessenes aus den Achtzigern, zwischendurch überrascht es mit "Manchmal haben Frauen..." von den Ärzten. Kurz hinter Kolka - ein paar Häuser entlang der Straße - sind es nur noch wenige hundert Meter durch den Kiefernwald - und es sieht aus wie am Ende der Welt. Es ist aber nur das Ende von Kurzeme: Am breiten Strand von Kap Kolka treffen friedlich plätschernd das Wasser aus der Bucht von Riga und die Ostsee aufeinander. Im Wald langweilen sich hinter einem Zaun zwei Soldaten vor einem kleinen Gebäude, in den Bäumen zwitschern Vögel, am Horizont umrundet ein Frachter den Leuchtturm und nimmt Kurs Richtung Westen. Die Schotterpiste die Westküste hinunter nach Ventspils führt zunächst durch den Slitere-Nationalpark, der Heimat von Rehen, Hirschen, Elchen und Wildschweinen ist. In einem der kleinen Orte zur Rechten, in Vaide, lebt Edgar, der als Förster 40 Jahre lang Geweihe sammelte und seine schönsten Fundstücke jetzt im Dachgeschoss seines Hauses zeigt. "Jedes Jahr habe ich bis zu 5000 Besucher", sagt Edgar. In einem anderen kleinen Ort, in Pitrags, lebt Wilma, die lange als Krankenschwester gearbeitet hat und sich jetzt so sehr über Besuch freut, dass sie Fremde auf ein Frühstück mit Nescafé und gebratenen Flundern ins Haus bittet und dann noch darauf besteht, die große Schachtel Pralinen zu öffnen. Ihr Mann hackt derweil Holz im Garten. "Ein guter Mann", sagt sie und lächelt verlegen, als sie hinzufügt: "Er ist 13 Jahre jünger."

Am Strand des Hafenortes Pavilosta liegt eine Gruppe junger Menschen aus Riga, zwischen 20 bis 30 Jahre alt. Die Frauen blättern in Modemagazinen, die Männer mischen aus zwei Flaschen ihren Whisky-Cola im Mund. "Wir hatten eine Party letzte Nacht", erzählt Rinalds, einer von ihnen, in nahezu akzentfreiem Deutsch. "Einige feiern noch weiter." Er war ein halbes Jahr als Austauschstudent in Osnabrück, anschließend hat er ein Praktikum bei der Telekom gemacht und noch ein bisschen in Deutschland gejobbt, jetzt macht er Geschäfte von Riga aus, und sie laufen gut, sagt er. "Es gibt viel zu tun in Lettland. Da haben junge Leute jede Menge Chancen." Wenige Meter weiter ragt ein alter Wachturm in die Höhe. Drei Frauen sind auf die oberste Plattform geklettert. "Die müsst ihr fotografieren!", sagt Viestors, ein Freund von Rinalds, die lettischen Frauen seien schließlich die schönsten der Welt. "Aber das hier war kein ,Baywatch"", sagt Rinalds. "Da oben standen die Russen und passten auf." Früher war Badezeit nur bis 19 Uhr, dann wurde der Strand geharkt und am anderen Morgen kontrolliert. "Liefen Fußspuren in Richtung Wasser, suchten sie im Meer nach Flüchtlingen, liefen sie in Richtung Land, suchten sie im Wald nach Spionen." Heute laufen die Spuren hier am Ufer kreuz und quer. Dazwischen gibt es aber immer wieder endlose und unberührte Streifen. 400 Kilometer Strand rahmen das kleine Land. "Wir haben noch viel Platz für Gäste", sagt Rinalds. Er zeigt einmal nach Norden und einmal nach Süden und gerät ins Schwärmen: "Wo gibt es so was sonst noch in Europa?"

Alf Burchardt print

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