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London: Mit 199 Euro dabei

Die Stadt gilt nach Tokio als teuerste Stadt der Welt. Die Olympia-Entscheidung für London wird die Preise noch weiter in die Höhe treiben. Wir zeigen, wie Besucher auch ohne viel Geld drei Tage dort verbringen können.

Hell klingt der Singsang der Gläubigen durch den rosafarbenen Tempel, begleitet von Trommel und Zimbel: "Hare Krishna, Hare Hare, Hare Rama." Dann erzählt Silpa Karini Devi Dasi, alias Slavica aus Belgrad, wie sie vor zehn Jahren zum rechten Glauben gefunden habe. Und dass sie das Verteilen von Hare-Krishna-Broschüren jedes Mal als einzigartige spirituelle Bereicherung erfahre. Okay, schön für sie, aber nun, endlich: "Lunchtime". Zwei kahl geschorene Krishna-Jünger servieren Gemüsecurry, Blumenkohl mit Joghurtsauce, Mangoscheiben und Fladenbrot. Schmeckt lecker - und kostet nichts! Auch Touristen sind zu diesem Mittagessen im ersten Stock der Soho Street 10 willkommen. Kauend sitzen sie dort im Schneidersitz neben englischen und indischen Krishna-Anhängern, schauen sich den fein ziselierten Tempelstuck an und werden äußerst höflich bedient. Niemand versucht, sie zu bekehren.

London gilt nach Tokio als teuerste Stadt der Welt. Diese Geschichte wird zeigen, dass man an London auch mit wenig Geld viel Freude haben kann.Tag 1: Der schönste Blick auf das Parlament und die Themse kostet keinen Penny. Wir stehen auf der Hungerford Bridge nahe der U-Bahn-Station Charing Cross. Abenddämmerung. Rechts am Flussufer leuchten die Straßenlaternen des Victoria Embankment, links reckt sich Europas größtes Riesenrad, das London Eye, 135 Meter dem Himmel entgegen. Vor uns, hell erleuchtet, Westminster Hall und Big Ben. Es gibt keinen besseren Anfang für einen London-Besuch.Very british ist auch das nächste Ziel, einen Spaziergang entfernt in der King Street, im vornehmen Viertel St. James: das 1766 gegründete Auktionshaus Christie's. Parkett, rote Stofftapeten, schwere Ölgemälde an den Wänden, Krawattenträger und Damen im Abendkleid auf den Stühlen. Heute geht es um britische Kunst und im Moment um ein riesiges Ölporträt, das George Romney im 18. Jahrhundert gemalt hat. "190 000 hier vor mir, 200 000 dort hinten", ruft Auktionator Jonathan Horwich und wendet sich dann zur Reihe der Mitarbeiter, die für Klienten am Telefon mitsteigern. "210 000 von dir, Lara?" Doch die winkt ab, der Kunde in der Leitung ist offenbar ausgestiegen. Schließlich geht der Romney für 340 000 Pfund an einen Bieter im Saal. An wen genau, haben die meisten Zuschauer gar nicht mitbekommen. Weniger als 60 Sekunden hat das Bieterduell gedauert. Und mancher hat dem Auktionator bloß mit leicht erhobener Augenbraue sein Interesse signalisiert. 30 Bilder werden an diesem Abend versteigert. Gesamterlös: mehr als vier Millionen Pfund. Das Schöne daran: Zuschauen kostet nichts.Abendessen in Soho: Draußen vor der Tür steht eine Schlange, die immer länger wird. Wir sitzen schon drinnen, gedrängt an schweren Holztischen. Vor uns dampft "Green Chicken Curry" (9,90 Euro), dazu gibt's Mango-Lassi als Getränk (4,15 Euro). Das Thai-Restaurant "Busaba" ist eine der begehrtesten Adressen in Soho - weil das Essen klasse ist und für London preisgünstig dazu. Genau wie unsere Unterkunft im Holland House für 35,75 Euro.Tag 2: Ein Sprung in den offenen Hintereingang des roten Doppeldeckerbusses Nummer 159, und schon geht es ruckelnd weiter, die Oxford Street hinunter. Bis Ende 2005 soll auch die letzte dieser Londoner Ikonen aus den fünfziger Jahren abgeschafft werden. Die neuen Doppeldecker sind hinten geschlossen. Fahrgäste können dann nicht mehr zwischen den Stationen auf- und abspringen. Und die netten Schaffner? Ersetzt durch Fahrkartenautomaten. Drum: Unbedingt noch einmal mitfahren.

So eine Bustour steht heute auf dem Programm, London von West nach Ost. Am Oxford Circus biegt der Doppeldecker in die Regent Street ein, die Prachtstraße mit ihren eleganten Fassaden, er drängt sich durch den Stop-and-go-Verkehr am Piccadilly Circus, bis wir schließlich am Trafalgar Square aussteigen. Ziel: die National Gallery, mit über 2200 Gemälden eine der größten Galerien der Welt, und: Eintritt frei! Selbst Kunstmuffel sind beeindruckt. Hier hängen Werke von Leonardo da Vinci, Rubens, Rembrandt, Botticelli, Dürer, Tizian, Michelangelo, Cézanne, Monet, Degas, Constable und Turner. Um nur einige zu nennen. Da schwirrt einem schnell der Kopf, doch man kann sich ja ein paar Bilder aussuchen und die etwas länger anschauen. Vielleicht die "Sonnenblumen" von Vincent van Gogh.In der nahen Kirche St.-Martin-in-the-Fields spielt an diesem Tag ein Kammerorchester Stücke von Bach, Ravel und Gershwin. Das Gotteshaus ist ein gelungener Mix aus Klassik und Barock und hat schon manche königliche Taufe erlebt. Mittags, um genau 13.05 Uhr, geben hier Künstler Konzerte, bei denen kostenlos zugehört werden darf. Stärkung bietet hinterher das Café in der Krypta, zum Beispiel Kartoffelsuppe mit Sellerie und Mandeln (4,20 Euro) und eine Tasse Tee (1,65 Euro).Was für ein Ort, um Schlittschuh zu laufen! Wir haben die Buslinie 15 in Richtung Aldwych genommen. Somerset House stammt aus dem 18. Jahrhundert: gelber Sandstein, vier riesige Flügel. Der letzte einer Reihe von grandiosen Palästen, die einst das Themse-Ufer säumten. Heute beherbergen zwei der Flügel ausgerechnet das Finanzamt und der dritte das sehenswerte Courtauld Institute of Art (noch mehr van Gogh, Manet & Co). Im weitläufigen Innenhof aber kann man auf einer künstlichen Eisfläche Pirouetten drehen. Schlittschuhe werden für rund 14 Euro verliehen, ein satter Preis, doch auch schon das Zuschauen ist bei so einer Umgebung ein Wintervergnügen.

Etwas weiter auf der Busroute 15, an der Fleet Street 194, liegt einer der spektakulärsten Londoner Pubs, "The Old Bank of England". Eingerichtet in der ehemaligen Schalterhalle, mit riesigen Kandelabern, viel Plüsch, schwarzgoldenen Vorhängen und edlem Holz. Eine Bronzetafel belehrt, dass hier, bevor die Bank entstand, ein gewisser Sweeney Todd seinen Friseursalon hatte - in dem er nach der Arbeit einige Kunden zu Pasteten verarbeitete. Und dann steht da noch, dass auch der Pub Pasteten anbiete. Spätestens jetzt ist es Zeit für ein Pint Ale (3,60 Euro)!Banghra-Musik schallt aus den Läden auf die Straße, Videoclips zeigen in den Schaufenstern tanzende indische Schönheiten. Dazu violette, gelbe und blaue Saris. Im Supermarkt verkaufen Schlachter mit roten, hennagefärbten Bärten Lammfleisch. In den Tiefkühltruhen liegen Fische, die angeblich kürzlich noch im Ganges oder Brahmaputra schwammen. Auf den Straßenschildern stehen die Namen auf Englisch und Bengali. "Banglatown", das bengalische East End, liegt nur ein paar Straßen entfernt von der Endhaltestelle der Busroute 15. Ein Gang über Brick Lane, die Hauptstraße, ist der kürzeste Trip von London direkt auf den indischen Subkontinent. Eine Institution des Viertels stammt noch aus der Zeit, als hier viele jüdische Stoffhändler lebten: die "Brick Lane Beigel Bakery". Ihr gegenwärtiger Besitzer, Asher Cohn, backt die Hefeteigringe schon seit 25 Jahren hier. Mehr als 2000 gehen jeden Tag über den Tresen. Wir nehmen einen Bagel mit Frischkäse und Lachs (1,90 Euro), einen Teller Minestrone (0,60 Euro), danach ein Stück Käsekuchen (0,90 Euro) und eine Tasse Kaffee (0,60 Euro). Man muss im Stehen essen; wir fühlen uns trotzdem rundum glücklich - und satt.Schöner Ausklang für den Tag: einmal auf Londons Lichtermeer schauen, von der Bar des "Rhodes Twenty Four" im 24. Stock des alten Nat-West-Tower. Der Blick ist toll, hat aber seinen Preis. Günstig kommt man noch mit einem Bier weg (5,40 Euro).Tag 3: Schon der Eingang ist Wahnsinn. Die riesige, ehemalige Turbinenhalle eines alten Kraftwerks haben die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron in eines der beliebtesten Kunstmuseen der Stadt verwandelt: die Tate Modern (Eintritt frei). Hier findet sich, wer Rang und Namen hat. Matisse, Georges Braque, Roy Lichtenstein, Jackson Pollock, Andy Warhol, Joseph Beuys, Damien Hirst. Dazu wechselnde Ausstellungen, großartige Installationen und von der Espressobar im vierten Stock eine wunderbare Sicht auf St Paul's und die Themse. Zum Mittagessen besuchen wir noch mal den Krishna-Tempel, nehmen dann die Central Line zur Haltestelle Marble Arch und machen einen Spaziergang durch den winterlichen Hyde Park und die Kensington Gardens. Am Ende steht eine ehemalige Orangerie aus dem Jahr 1705. Die ganz in Weiß gehaltene Säulenhalle stellt die perfekte Kulisse für ein englisches Ritual, das diesen London-Aufenthalt stilecht abschließt: der "afternoon tea" mit Sandwich, Karottenkuchen und Tee (9,65 Euro). Zu den im Text beschriebenen Kosten (78,30 Euro) kommen Hin- und Rückflug (40 Euro), Bustransfer vom Flughafen in die Innenstadt und zurück (21,50 Euro), die zweite Übernachtung (35,75 Euro) und drei Tagestickets für Transport innerhalb der Stadt (18,45 Euro). Macht zusammen 194 Euro. Bleibt Geld für sieben Mineralwasserflaschen à 0,33 l für je 0,70 Euro.

Bernhard Lill / print

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