Moskau Manhattan an der Moskwa

In der Innenstadt werden die Gehwege beheizt, während am Stadtrand die Plattenbauten verrotten: Moskau mausert sich zu einer der teuersten Städte der Welt - weitet gleichzeitig die Kluft zwischen Arm und Reich.

Selbst im schneereichen Moskauer Winter zeigt Bürgermeister Juri Luschkow gern, dass die russische Hauptstadt auch ohne Kriminalität ein heißes Pflaster ist. Unter dem Bürgersteig vor seinem Amtssitz in der Twerskaja-Prachtstraße hat der 70-Jährige eine Heizung verlegen lassen, die bei eisiger Kälte den Schnee wegschmilzt. Jede Menge solcher Prestigeobjekte verdankt die vor 860 Jahren gegründete Metropole dem Gas- und Öl-Reichtum Russlands. Und täglich wächst die Stadt mit nach aktuellen Schätzungen etwa 13 Millionen Einwohnern und Pendlern weiter, weil viele Russen aus der Provinz sowie billige Arbeitskräfte aus den einstigen Sowjetrepubliken an der Moskwa ihre Zukunft sehen.

Als "stark, flammend und zärtlich" bezeichnete der Dichter Michail Lermontow in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Stadt mit ihren vielen Gegensätzen. Seit Anfang der 1990er Jahre ist die einstige Hauptstadt des ersten Arbeiter- und Bauernstaates zu einer der teuersten Städte weltweit geworden. Private Investitionen sorgen dafür, dass das frühere Zentrum der Kommunistischen Internationale heute viele andere Metropolen in Europa in den Schatten stellt. Beim Durchschnittslohn seiner Bürger hinkt das superteure Moskau dagegen hinterher: Im Schnitt liegen die Löhne noch weit unter 1000 Euro im Monat.

Glasfassaden zwischen Zwiebeltürmchen

Beinahe täglich wachsen neue Türme mit kühlen Glasfassaden empor zwischen den alten märchenhaften Gebäuden aus weißem Stein, Zwiebeltürmen und goldenen Kuppeln aus der Zarenzeit und den strengen Monumentalbauten und Kriegsdenkmälern der Sowjet-Ära. Moskaus Bauherren gelten als risikofreudig und erwarten von ihren Architekten Symbole des wirtschaftlichen Aufschwungs. Das Teuerste, Beste und Auffälligste ist gerade gut genug. Dazu zählen nicht nur dutzende Wolkenkratzer. Im Süden der Stadt ist eine Art Disneyland mit russischen Märchenfiguren geplant und auf den Sperlingsbergen das mit 170 Metern höchste Riesenrad der Welt.

Viereinhalb Kilometer vom Kreml entfernt, direkt an der Moskwa, liegt eine beeindruckende Baustelle. Sie ist natürlich die größte Europas. Bis 2015 entsteht hier "Moskwa City", das neue Geschäftszentrum der Stadt mit blau schimmernden Fassaden und 2,5 Millionen Quadratmetern Nutzfläche. Es soll den Potsdamer Platz in Berlin ausstechen und New Yorks Manhattan zumindest Konkurrenz machen. Herzstück der City ist das "Federazija"-Gebäude des deutschen Architektenteams Schweger und Tchoban: 390 Millionen Euro teuer und mit 340 Metern Europas höchstes Bürohaus. Von einer gläsernen Brücke, von Panoramaaufzügen und Skybars aus können die Moskowiter ihre Stadt von oben neu entdecken.

Widerstand gegen die Abrisspolitik der Stadt

Gleichwohl fürchten Denkmalschützer zunehmend um den Charme der alten Stadt, die aus weit mehr besteht als dem Kreml, der Basiliuskathedrale, der prunkvollen Metro voller Marmor und Stalins Zuckerbäckerbauten, die Moskaus Silhouette prägen. Die Initiatoren der Internet-Plattform moskva.kotoroy.net rügen stets aufs Neue die Abrisspolitik der Stadt. Und Kritiker wie der Vize der liberalen Partei Jabloko, Sergej Mitrochin, der auch im Stadtparlament sitzt, beklagen die "barbarische Vernichtung der Natur". Unter Präsident Wladimir Putin seien ökologische Grundsätze den Bach herunter gegangen. Korrupte Beamte arbeiteten mit Geschäftsleuten in "unheilvollen Allianzen".

Moskau bleibt seinem verwirrend uneinheitlichen Erscheinungsbild treu, kultiviert mehr die kolossalen Einzelbauten als das architektonische Ensemble. Auch die seit dem Zerfall der Sowjetunion wieder erstarkte russisch-orthodoxe Kirche setzt mit Sakralbauten wie der mächtigen Erlöser-Kathedrale Zeichen für die Zukunft. Gleichzeitig wuchern Einkaufszentren und Viertel für Neureiche in der Stadt. Mehrere zehntausend Millionäre und mehr Milliardäre als in New York sollen hier inzwischen leben. Auf den oft achtspurigen Straßen rollt ein Mix aus Sportautos, Stretchlimousinen und Geländewagen, klapprigen Ladas und den öffentlichen Minibussen, den Marschrutki.

In den Randbezirken verkommen derweil die Plattenbausiedlungen aus der Chruschtschow-Zeit. Die Stadtverwaltung schätzt den Sanierungsbedarf an städtischen Gebäuden für die kommenden fünf bis sieben Jahre auf knapp zehn Milliarden Euro. Wochenlang müssen die meisten Städter im Frühjahr auf warmes Wasser verzichten, weil die Leitungen gereinigt werden. Der kremltreue Rathaus-Chef Luschkow hat noch viel vor: Er will künftig auch an den touristisch wichtigen Stellen im Zentrum den Boden beheizen, um selbst bei 30 Grad Frost mit eisfreien Gehwegen protzen zu können.

Ulf Mauder/DPA DPA

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