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Österreich: Gut drauf in allen Gassen

Schön war's hier schon immer. Aber als Europas Kulturhauptstadt 2003 hat sich Graz besonders Kunst-voll rausgeputzt.

Gaanz so harmlos, wie mer tun, san mer net", sagt die blonde Wirtin von der Alten Münze am Schlossbergplatz, wo es den süffigen Welschriesling ab zwei Euro das Glasl gibt. Graz, die behäbige Habsburger Residenz, das "Tor zum Balkan", wird leicht unterschätzt, doch in diesem Jahr ist sie Europas Kulturhauptstadt. Da hat sich die steiermärkische Kapitale ins Zeug gelegt, als ob sie das Greenage Village oder Soho von Österreich wäre: Kunst, Kunst, Kuunst an jeder Straßenecke, in Kirchen, Klöstern und Palästen. "The Europäische Kulturhauptstadt", prangt es in roten Lettern an der Autobahnabfahrt Graz-Liebenau.Vom Bänkchen vor der Alten Münze kann man den Uhrturm sehen, das Grazer Wahrzeichen, hoch auf dem Schlossberg. Im Kunstjahr 03 bekam er einen plastischen Schatten, eine Stellage aus schwarzem Metall. "Passt schon" (mit weichem B), wie die Grazer bei jeder Gelegenheit sagen. Neben mir plätschert der historische Taubenbrunnen, dahinter steht ein Brunnen mit einer modernen, sehr männlich geformten Skulptur aus rosa Granit. "Der Künstler hat ihn "Vater/Mutter/Kind" getauft", erklärt die Wirtin, "wir nennen ihn unseren Penisbrunnen." Passt scho'! Graz03, das merkt der Besucher schnell, ist eine hinreißende Provinzstadt mit schrillen Zügen und hinterfotzigem Humor. Man trägt gerüschtes Dirndl und/oder Sonnentop nabelfrei mit Bergstiefeln kombiniert. Man isst entweder deftige Krainer mit Kren am Würstlstand, oder man diniert gleich im Nobelrestaurant Iohan. Das "Pensionopolis", ein Spitzname, den sich Graz wegen der vielen zugezogenen Ruheständler aus Wien und dem Küss-die-Hand-Charme der Donaumonarchie einhandelte, hat die schrägste junge Architektengilde Europas hervorgebracht. Und die Schriftsteller Peter Handke, Wolfi Bauer und Alfred Kolleritsch kreierten 1968 den Steirischen Herbst, der heute als Forum Stadtpark die Literaturszene aufmischt. An der zweitgrößten Uni Österreichs gibt es noch schlagende Verbindungen mit Haider-Touch, im Stadtrat aber sitzen zu einem Viertel frei gewählte Kommunisten. Wo sonst auf der Welt? Passt scho', irgendwie! Graz ist eben "Old Europe" auf kleinstem Raum: italienische Renaissance im Landhaus mit verspielten Arkaden, eine spätgotische Doppelwendeltreppe in der Landesregierung, Barock in der Wallfahrtskirche Maria Trost, ein schmuckes Opernhaus, südlich anmutende Plätze mit Cappuccino-Gelato-Stimmung und als Krönung ein ziegelbraun bis rostrotes Dächer-Ensemble aus dem Mittelalter, das die Unesco zum Weltkulturerbe ernannte. Doch irgendwas fehlte im Stadtbild wie der Kontrapunkt in der Musik. Graz war reif für die Insel. Die Insel des New Yorker Architekten Vito Acconci, ein künstliches Eiland, ist nun wirklich cool, mit Bar, Amphitheater und Spielplatz für die Kleinen. Wie eine gigantische aufgeklappte Flussmuschel aus Stahl und Beton liegt sie in der Mur, die Graz fließend in zwei Hälften teilt. Schon in den ersten Monaten strömten so viele Besucher in die Stahlmuschel, dass die Rampen wie zu einem überladenen Fährschiff teilweise gesperrt werden mussten. Bei Tag erinnert die Insel an eine schwimmende Teflonpfanne. Nachts aber, wenn sie beleuchtet wird, verwandelt sie sich in ein Zauberfloß mit filigranen Goldfäden und lilablauen Pfauenaugen. Da trifft sich dann das junge Graz bei Prosecco, Caipirinha und Jazz und schaut durch die Rasterfenster auf barocke Kirchen und Uferpaläste - und die nächste futuristische Attraktion: das Kunsthaus am Lendkai. Vom geplanten Kulturtempel sieht man bisher nur ein paar bläuliche Rüssel aus der Baustelle wachsen, aber ab Herbst 2003 soll die große blaue Blase der Londoner Architekten Peter Cook und Colin Fournier über dem Murufer schweben - Ähnlichkeiten mit den Killer-Amöben im Science-Fiction-Film Matrix erwünscht.

Andere Graz03-Attraktionen sind bescheidener im Format, werfen aber auch klingende Münze ab wie der gläserne Marienlift am Jakominiplatz. Für einen Euro geht es mit dem Fahrstuhl ein Stückchen gen Himmel, um sich Auge in Auge mit der Mutter Gottes auf der Mariensäule zu treffen. Das ist eine lustige Perspektive, wenngleich der Stadtpfarrer sie für eine Anmaßung hält. Die Jungfrau Maria, die aus der Nähe eher herb wirkt, lächelt süßsauer zum Spektakel. Ihrem Sohn ist schließlich hier in Graz schlimmer mitgespielt worden. Denn auf dem Kalvarienberg hat ein Künstler einen zwölf Meter hohen Christus aufgestellt, der nicht am Kreuze hängt, sondern obendrauf steht und mit gestreckten Armen zum befreienden Abflug ansetzt. "Skispringer" tauften ihn die Bürger leicht blasphemisch.Dem Schwarzenegger-Arnold, zurzeit in L.A. lebend, hat Graz ein Fußballstadion gewidmet, dem eigentlich größten Sohn der Stadt, Ritter Leopold von Sacher-Masoch, aber nur eine Torte! Dabei gilt der Autor der "Venus im Pelz" doch als Vater des Masochismus, seine Frau Wanda als Mutter aller Dominas. Wir probieren die leicht verruchte Sacher-Masoch-Torte im Café Erzherzog Johann, wo sie zum Renner der Saison wurde. "Die Sacher, die kennt ja jeder", sagt der Ober. Aber die Sacher-Masoch mit der Schoko-Marzipan-Preiselbeer-Füllung - er leckt sich die Lippen -, das sei "eine gaanz besondere Kombination!"Der Frust-vor-Lust-Philosophie des verkannten Leopold von SM hat Graz03 nun aber eine beeindruckende Ausstellung gewidmet: "Phantom der Lust", Visionen des Masochismus in der Kunst. Tausende Lack- und Ledergewandete, Dominas in roten Miedern, hochtoupierte Barbarellas mit schwarz umrandeten Augen und Kavaliere mit Satanskreuz auf der Brust stürmten bereits die Vernissage in der Neuen Galerie, als ob sie einer erotischen Illusion habhaft werden könnten. Das Gedränge war groß und die Luft heiß wie in der Vorhölle, sodass viele Besucher gar nicht erst zu Picassos Venus-Zyklus, der pelzigen Puppe von Kokoschka oder den durchbohrten Vorhäuten eines Andres Serrano vordringen konnten. Und kaum jemand sah den feinen alten Herrn mit den weißen Segeltuchschuhen: Fotograf Helmut Newton, dessen legendäre Domina-Fotos nun den Rokoko-Saal der Neuen Galerie zieren. Auf dem Schlossberg dämmert es, ich sitze immer noch draußen vor der Alten Münze beim Welschriesling. "Geh'ns mol in den Berg der Erinnerungen", sagt mein Tischnachbar und zeigt hinüber zum Schlossbergstollen. "Da haben die gaanz normalen Grazer ihren ureigenen Kunstbeitrag zu 03 geleistet." 20000 Erinnerungsstücke, vergilbte Fotos, Omas Taufkleid, NS-Führerscheine, verschmierte Schulhefte mit Lehrerkommentaren wie "ach Gott, ach Gott!", Filme über die 68er, Frauen-Demos oder die Badeidylle am Schwarzlteich. "Passt scho'", sagt die Wirtin und verabschiedet mich herzlich mit dem typischen Grazer Dreiklang: "Ciao, Servus und Baba!"Swantje Strieder

"Passt scho'" - irgendwie

VorwahlÖsterreich/Graz: 0043/316-
Graz Tourismus Information
Tel.: 80 75-0, Fax: 80 75 15
E-Mail: info@graztourismus.at
Graz Tourismus Information
Infozentrum und Graz03-Shop in der Herrengasse 16
tägl. 9 bis 19 Uhr
Nebenstelle Hauptbahnhof
Graz03 Info- und Ticket-Center:
Grünblauweißes Haus am Mariahilferplatz 2, mit Café
Tel.: 20 03, Fax: 20 03-20 03
E-Mail: info@graz03.at
Info- und Ticketcenter
Ticketvorverkauf tägl. 9 bis 19 Uhr.

HOTELS

Erzherzog Johann
Sackstraße 3-5
Tel.: 81 16 16, Fax: 81 15 15
Homepage des Hotels Erzherzog Johann
Traditionshaus mit Belle-Epoque-Charme, zentral mit feinem Café (hier gibt's die Sacher-Masoch-Torte, So. geschlossen) und Wintergarten
DZ ab 165 Euro

Schlossberg Hotel

Kaiser-FranzJosef-Kai 30
Tel.: 80 70-0, Fax: 80 70-70
E-Mail: office@schloss berg-hotel.at
Homepage des Schlossberg Hotels
Drei Altstadtpalais wurden zu einem kleinen eleganten Hotel verbunden. Mansardenzimmer mit Blick auf die Dachlandschaft.
DZ ab 190 Euro.

Landgasthof Häuserl im Wald

Rosseggerweg 105
Tel.: 39 11 65, Fax: 39 22 77
E-Mail: legenstein@aon.at
Häuserl im Wald
Das Häuserl liegt tatsächlich am Waldesrand, modern, sehr familienfreundlich.
DZ ab 78 Euro.

RESTAURANTS

Santa Clara


Bürgergasse 6
Tel./Fax: 81 18 22
Kleines gemütliches Lokal im Kellergewölbe. Der Schwender Josef kauft die besten Zutaten ein, die Bärbel kocht italienisch-französisch-steirisch. Gute Weine der Region. Mit rund 35 Euro pro Person ist man dabei. (Vorbestellen!) So. geschlossen.

Iohan


Landhausgasse 1
Tel./Fax: 82 13 12
Aus dem Pferdestall des Renaissance-Prachtbaus wurde die edelste Futterkrippe der Stadt mit zwei Gault-Millau-Hauben. Pro Person mit 60 Euro rechnen. Di. bis Sa. 18 bis 1 Uhr. (Vorbestellen!)

Zur goldenen Pastete


Sporgasse 28. Tel.: 82 34 16.
Gemütliches Gasthaus über mehrere Stockwerke. Serviert wird Steirisches (Salat mit echtem Kürbiskernöl). Preise okay. Mo. bis Fr. 11 bis 24 Uhr.

CAFES, BARS, NACHTLEBEN

Hofcafé Edegger Tax von 1888


Hofgasse 8. Tel.: 83 02 30 51. Hinter dem K.u.K.-Portal mit goldenem Doppeladler warten Kipferl, Kaiserzwieback und köstliche Sissi-Busserln. So. geschlossen.

Konditorei Strehly


Sporgasse 12-14. Tel.: 81 30 30-0. Grazer Schlossbergkugeln aus feinster Schokolade, Apfel- und Topfenstrudel und andere Desserts. So. geschlossen.

Theatercafé


Mandellstr. 11. Tel.: 82 53 65. Grazer Literaten- und Bohemienszene, Theater- und Operngänger-Treff. Mo. bis Sa. ab 23 Uhr.

Mur-Insel


Mursteg/Mariahilferplatz. Tel.: 81 86 69. Das Eiland des Actionkünstlers Vito Acconci ist hip, im Café gibt's Cocktails, Leute zum Anschauen, Jazz. Die schöne Stahlmuschel wird auch nach Graz03 nicht zuklappen. Mo. bis Sa. 8 bis 2, So. 10 bis 22 Uhr.

Royal Garden Jazz Club

Bürgergasse 4. Tel.: 71 06 33. Mitglieder der Grazer Musikhochschule lassen freitags abends die Post abgehen.

EINKAUFEN

Klapotetz


Herrengasse 9. Vinothek mit guten Tropfen innovativer junger Winzer. Mo. bis Fr. 10 bis 22 Uhr, Sa. bis 18 Uhr.

Steirisches Heimatwerk


Herrengasse 10 u. Paulustorgasse 4. Trachten-Look zu stolzen Preisen.

GRAZ03 INFOS

Graz glänzt mit riesigem Kontrastprogramm. Nachfolgend eine Auswahl, weitere Infos: Graz03 Infos.

Phantom der Lust

Visionen des Masochismus in der Neuen Galerie und im Stadtmuseum
Sackstr. 16
Tel.: 82 91 55
bis 24. August 03
Di. bis So. 10 bis 18, Do. 10 bis 20 Uhr
Eintritt 10 Euro (18 Jahre Mindesalter).
Furiose Ausstellung über die Lust am Leid. Body Acts in Kunst, Fotografie und Literatur: Beardsley, Dalí, Brus, Newton.

Turmbau zu Babel


Schloss Eggenberg
Eggenberger Allee 90 (Tram-Endstation)
Bis 5. Oktober 03
tägl. 10 bis 18 Uhr
Eintritt 10 Euro.
Schau über den biblischen Turm-Mythos und Raum-Klang-Installationen, von steinernen Zeichen bis zur Computer-High-Tech, von der Keilschrift bis zu Braille im prunkvollsten Schloss der Steiermark.

Woment

Hommage für Frauen in, aus und um Graz
Infos in der 03-Bar, Mariahilferplatz 2 und unter Woment-Homepage
E-Mail: bettina.behr@graz03.at
Tel.: 20 03-31 02.
Schon 1893 radelten die ersten Damen vom Grazer Bicycle-Club in langen Röcken den Männern davon. Pionierinnen wie einer Widerstandskämpferin, Fotografin, Schauspielerin, Komponistin oder bürgerlichen Köchin hat die Frauen-Initiative Woment 23 Plaketten in Graz gewidmet, die auf Stadtspaziergängen besichtigt werden können. Männer willkommen!

Berg der Erinnerungen


Schlossbergstollen
Eingang Schlossbergplatz
bis 28. September
tägl. 9 bis 18 Uhr
www.berg03
Gezeigt werden 20.000 ganz persönliche Erinnerungsstücke der Grazer.

AUSFLUG

Lipizzaner-Gestüt Piber


"Mythos Pferd" - eine Hommage an die edlen Tiere
in Piber bei Köflach, 35 km von Graz entfernt
Bis 26. 10.
Infos unter Mythos Pferd.

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