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Reinhold-Messner-Interview: "Die Wanderbewegung wird enorm zunehmen"

Der Abenteurer, Grünenpolitiker und Extrembergsteiger Reinhold Messner bezieht im Interviews Stellung und kritisiert den Trend zu immer mehr Klettersteigen.

Reinhold Messner

Stand als erster Mensch auf den Gipfeln aller 14 Achttausender: Grenzgänger Reinhold Messner

Liegt Aktivurlaub in den Bergen im Trend?

Durch die weltweite Wirtschaftskrise wird die Wanderbewegung enorm zunehmen. Wandern ist gesund und kostet nicht viel. Man braucht nur einen Rucksack, eine regenfeste Jacke, festes Schuhwerk und ein paar Euro in der Tasche.
Sind Fernwanderwege die Autobahnen der Fußgänger?

Die Alpenüberquerungswege sind eine Modeerscheinung geworden. Aber ich sehe das positiv. Es sind längst nicht so viele unterwegs, dass es unerträglich wäre. Die Menschen sind gefordert. Sie laufen zum Beispiel von München nach Venedig über die Alpen, reiten, fahren mit dem Mountainbike oder gehen von Hütte zu Hütte. Diese Leute haben meine Anerkennung und meinen Applaus.

Setzen Sie auf einen sanften Tourismus in den Bergen?

Das Problem in den Bergen ist nicht der Tourismus, sind nicht die Seilbahnen oder Schneekanonen. Das ist nur fundamentalistisches Geschwätz. Das Hauptproblem in den Alpen ist die Entvölkerung. In den Südalpen sind die Menschen in die Ballungszentren wie nach Turin abgestiegen. Weiter oben ist niemand mehr, der die Wege pflegt, der die Wiesen mäht und die Almen beschickt. Damit ist eine ganze Kultur verloren gegangen.

Kann man diese alte Kultur retten?

Die Wanderwege, die nicht hoch über die Gletscher, sondern durch diese alten Kulturlandschaften führen, sind eine wesentliche Hilfe, um die Alpenbevölkerung vor Ort zu halten. Ich betreibe auch zwei Bergbauernhöfe als Modell, mit denen wir die lokale Landwirtschaft mit dem Tourismus verzahnen und veredelte Produkte an die Wanderer verkaufen. Das ist meine Antwort auf die Problematik der Entvölkerung.

Gibt es bereits eine Kehrtwende?

Es gibt beispielsweise Initiativen von Fremdenverkehrsorten an der Grenze zur Schweiz oder Österreich, die alte Schmugglerpfade wiederbeleben. Was früher ein ruchbarer Pfad war, steht jetzt den Wanderern offen. Das Schengenabkommen hat dem überregionalen Wandern sehr gut getan. Die Grenzen im Gebirge sind weggefallen, wir brauchen keinen Pass mehr.

Sind die Alpen nicht teilweise übererschlossen?

Klettersteige sind typische Beispiele dafür. Es gibt Zehntausende von präparierten Routen. Da wird von unten bis oben alles mit Bohrhaken versehen, die als Markierung und gleichzeitig als Absicherung dienen. Ich habe mich immer dagegen ausgesprochen. Die Hütten in der Umgebung dieser neuen Routen sind sehr erfolgreich. Aber ohne diese Maßnahmen gehen andere Alpenvereinshütten ein, weil sie zu wenig Touristen haben.

Entsprechen die präparierten Wege nicht einem Grundbedürfnis der Wanderer?

Auch der Bergsteiger tendiert zum Konsum. Er möchte auf abgesicherten und markierten Wegen laufen. Ich bin aber skeptisch, wenn weitere Infrastrukturen im Hochgebirge gebaut werden. Der Mensch hat in den Bergen den Raum bis knapp oberhalb der Waldgrenze immer genutzt. Weiter oben hat die unverbaute Landschaft auch einen Wert, den wir nicht einfach zerstören dürfen. Irgendwo müssen wir mit der Infrastruktur aufhören. Bei 2200 bis 2500 Metern muss Schluss sein.

Hat sich das Klettern zum Wettkampfsport entwickelt – ohne einen Bezug zu den Bergen?

Heute werden über 90 Prozent der Alpinisten in der Halle groß. Nur die wenigsten gehen ins Gebirge. Aber das Pendel schlägt jetzt zurück. Selbst für den 19-jährigen David Lama, der mehrmalige Jugend-Weltmeister im Klettern und Europameister im Bouldern, den ich gerade traf. Er sieht nach dem Hallenklettern seine große Herausforderung in den großen Bergen des Himalajas und Patagoniens.

Sind die Huber-Brüder nicht bereits ausgestiegen?

In den letzten fünf Jahren haben sich einige der besten Bergsteiger der jungen Generation aus dem reinen Sport zurückgezogen. Statt "Kickklettern", wie ich es nenne, suchen Leute wie die Huber-Brüder oder der Amerikaner Steve House das Abenteuer. Sie haben bereits die Stars aus den Kletterhallen in der Öffentlichkeit abgelöst.

Worin besteht der wahre Kick in den Bergen?

Wir finden zu den Wurzeln des Alpinismus zurück. Denn das Unterwegssein im Gefahrenraum ist das Wertvollste, was es gibt. Ich bin überzeugt, dass das, was wir erleben, für den einen auf dem Normalweg auf die große Zinne in den Dolomiten möglich ist, für den anderen in der Nordwand der großen Zinne oder am Everest.

Keine Jagd mehr nach neuen Rekorden?

Erfahrung und Neugier zählen - nicht der Schwierigkeitsgrad, nicht die 8000-Meter-Grenze, nicht die 14 Achttausender - das sind alles nur Zahlen. Ich bin überzeugt, dass wir aus dem "Zahlenalpinismus", so nenne ich den heutigen Alpinismus, herauskommen. Gerade den jungen Leuten wird klar, wie klein und verloren wir im Verhältnis zur Natur sind. Die Berge sind unendlich groß.

Interview: Till Bartels