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Tipps für Olympia-Touristen: Meine zehn Lieblingsorte in London

Vergessen Sie Big Ben, Piccadilly Circus oder den Tower. London hat so viel mehr zu bieten als die Tourimagneten. Zehn Geheimtipps von stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs.

Sorry, aber es muss einfach mal gesagt werden: Die Touristen-Horden gehen den Londonern ordentlich auf die Nerven. 25 Millionen Besucher kommen jedes Jahr in die britische Hauptstadt. Sie stehen nebeneinander auf den Rolltreppen und blockieren Schnell-Sprintern den Weg nach oben. Sie bummeln vor Schaufenstern und halten alle auf. Sie reden laut in der U-Bahn und verweigern ermüdeten Pendlern die wohlverdiente Ruhe.

Werbeplakate fordern Londoner momentan auf, während der olympischen Spiele angesichts der Besuchermassen lieber von zu Hause zu arbeiten und besser zu Fuß zu gehen, um die U-Bahnen zu entlasten. Kein Wunder also, dass der Londoner sich etwas ausgeschlossen fühlt aus der eigenen Stadt, deren Zentrum ab Ende Juli von Besuchern in Beschlag genommen wird.

Dabei können Londoner nur den Kopf schütteln über die Touristen, die sich aus der unglaublichen Vielfalt der größten Stadt in Europa die immer gleichen Sehenswürdigkeiten heraussuchen: Trafalgar Square und Tate Modern, Big Ben und British Museum, London Eye und der Tower. Dabei hat London so viel mehr zu bieten. In den Villages, den kleinen Stadtvierteln etwas außerhalb der Innenstadt, sind die Einheimischen sehr viel weniger genervt, die Pubs viel gemütlicher und das Leben einfach schöner.

Meine Top-Ten-Tipps für London-Besucher:

Preiswertes Sightseeing: Bus Nummer 24

Es ist die bequemste Art, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen. Für den Preis einer einfachen Fahrkarte fährt man in dem Linienbus vom Victoria-Bahnhof im Süden vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten inklusive Westminster Abbey, Big Ben, Downing Street, Trafalgar Square, Leicester Square, Camden bis hinauf an den Hampstead Heath. Haltestellen und Fahrtzeiten unter www.tfl.gov.uk - der Bus fährt rund um die Uhr, in den Nachtstunden spärlicher.

Londons längste Tafel: Supper Club

Ms Marmitelover alias Kerstin Rodgers hat die Idee des Untergrund-Restaurants in London etabliert. Regelmäßig lädt sie Gäste in ihre Wohnung in Kilburn ein und bekocht sie mit Salaten aus essbaren Blumen, exotischen Currys oder südamerikanischen Spezialitäten. Für die olympischen Spiele hat sie zusammen mit anderen Supper Clubs aus ganz Großbritannien das alte Rathaus in Stratford am Olympia-Park gemietet und bietet dort an einem 70 Meter langen Tisch bei den größten Abendessen des Sommers eine kulinarische Rundreise um die Welt. Sie wird am Eröffnungstag der Spiele in Großbritannien beginnen und am 14. August in Brasilien enden. Karten und Informationen gibt es auf ihrem Blog oder unter www.globalfeast2012.com.

Villa mit Ausblick: Fenton House

In Hampstead Heath im Londoner Norden sollte man sich in den kleinen Nebengassen verlieren, wo es überall schnuckelige Pubs gibt und kleine Geschäfte. Fast ganz oben am Berg bietet das denkmalgeschützte Fenton House einen großartigen Ausblick über London und einen alten englischen Garten mit gestutzten Buchsbaumhecken. Wenn man Glück hat, üben Musikstudenten auf den alten Tasteninstrumenten, die in jedem Zimmer stehen. Und wer vom ersten Stock einen Blick auf das Nachbargrundstück auf der anderen Seite der Straße wagt, sieht genau in den Garten des Regisseurs Ridley Scott (U-Bahn Hampstead an der schwarzen Northern Line).

Dalston Roof Park

Künstlicher Rasen, Open-Air-Cinema, Gemüse-Hochbeete, ein paar Stühle und eine Bar - mehr braucht es nicht für nette Ost-Londoner Nächte. Der Roof Park liegt mitten im aufstrebenden Viertel Dalston. In dem Bürohaus gibt es Hilfe für kleine kreative und soziale Unternehmen und eine Galerie. Die Bar auf dem Dach öffnet jeden Tag um 17 Uhr, bei Regen wird ein großes Dach aufgeblasen. Ein Picknick kann man sich vorher auf dem Ridley Road Markt zusammenstellen. Hier gibt es alles von afghanischem Brot frisch aus dem Ofen bis zu jamaikanischen Süßkartoffeln (U-Bahn Dalston Kingsland oder Dalston Junction der Overground-Linie).

Anders Shoppen: Seven Dials und Neal Street

Immer noch mitten im Zentrum und nur ein paar Straßen entfernt von der Hektik in Covent Garden kann man dennoch relativ gemütlich durch diese Einkaufsstraßen bummeln. Vor allem Schuhliebhaber werden auf ihre Kosten kommen, hier finden sich Geschäfte mit Marken von Crocs über Vans bis zu Fly. Der Name "Seven Dials" kommt von einem Kreisverkehr mit sieben Abzweigungen, selbst Navigationsgeräte versagen hier regelmäßig. Im Hinterhof des Neal's Yard stehen Bänke und Tische zum Ausruhen, ein Restaurant verkauft Salate, leckere Smoothies und Pizzen. Und die angeblich besten Fish'n'Chips gibt es ganz in der Nähe beim "Rock and Sole Plaice", 47 Endell Street, Covent Garden (U-Bahn Leicester Square oder Covent Garden an der dunkelblauen Piccadilly Line).

In Sommernächten: Dennis Severs' House

Der Künstler und Dandy Dennis Severs lebte wie einst die hugenottischen Weberfamilien im 18. Jahrhundert ohne Elektrizität und nur mit einem Kamin als Heizung. Severs hat sein Leben seinem Haus in der Folgate Street gewidmet - ein Spaziergang vom Keller bis in den Dachboden gleicht einer Reise durch die Geschichte Londons, vom St Mary's Spital aus dem 12. Jahrhundert, das dem Viertel Spitalfields den Namen gab, bis zu den armen Tagelöhnern unterm Dach, die wie zu Dickens' Zeiten in völliger Armut hausen. Neben hunderten Antiquitäten helfen Gerüche und Geräusche, sich in die Vergangenheit zu versetzen. Seit dem Tod von Mister Severs wird das Severs' House von seinen Freunden betreut, die jeden Sonntagnachmittag für Besucher die Türen öffnen (U-Bahn Liverpool Street an der Central Line oder Shoreditch High Street an der Overground-Line).

Berühmte Gräber: Highgate Friedhof

Karl Marx liegt hier begraben, wie auch Douglas Adams, George Eliot und Michael Faraday. Ein Besuch lohnt sich vor allem auf dem verwunschenen West-Friedhof, der nur mit einem Führer betreten werden kann. Zu viktorianischen Zeiten war ein Grab in Highgate ein Statussymbol. Besonders beliebt war damals eine ägyptische Reihe, in der Ladies und Gentlemen unter Obelisken und Pyramiden zur letzten Ruhe gebettet wurden. Direkt am Anfang des alten Friedhofes findet sich ein neues Grab: In einem Bleisarg ruht hier der Russe Alexander Litwinenko, der in London mit radioaktivem Pollonium vergiftet wurde. Führungen starten am Wochenende jede Stunde von 11 bis 16 Uhr und an Wochentagen um 13:45 Uhr vom Osteingang des Friedhofes und kosten sieben Pfund pro Person, nähere Infos unter www.highgate-cemetery.org (U-Bahn Highgate an der schwarzen Northern Line).

Im Welterbe-Dorf: Greenwich

Johnny Depp stürmte bei Filmarbeiten als Pirat durch die Straßen - ein Großteil des Stadtteils Greenwich gehört zum Unesco-Welterbe und lohnt sich vor allem für Fans des Maritimen. Die Cutty Sark, das schnellste Segelschiff des 19. Jahrhunderts, wurde nach einem Feuer komplett renoviert und ist seit April wieder für Besucher geöffnet. Im National Maritime Museum kann man die lange Geschichte der britischen Seefahrt verfolgen. Und im Royal Observatory befindet sich der Nullmeridian, nach dem die ganze Welt vermessen wurde (Dockland Railway von Bank Station bis Maritime Greenwich oder Thames-Clipper-Boote von mehreren Anlegestellen entlang der Themse).

London per Boot: Thames Clippers

Ganz entspannt sieht man London von der Themse aus. Mit den Booten der Thames Clippers kann man zum Beispiel vom Westminster Pier direkt bei Big Ben bis hinauf zum Tower oder bis Greenwich schippern. Für Kunstliebhaber gibt es einen Boots-Shuttle zwischen der Tate Modern und ihrer alten Schwester, der Tate in Pimlico. Wer mehr Zeit auf dem Fluss verbringen will, sollte mit dem Boot innerhalb von vier Stunden bis zum Hampton Court Palast im Londoner Süden fahren. Hier hat einst Heinrich VIII Hof gehalten, die enormen Schlossküchen zeugen von den riesigen Gelagen, die er auftischen ließ. Abfahrtzeiten und Preise von Westminster unter www.wpsa.co.uk.

Private Stadtführungen: London Greeters

Niemand kennt die Londoner Stadtteile so gut wie ihre Anwohner. Und jeder Tourist möchte gerne deren Geheimtipps kennen, die besten Stände auf dem großen Markt, die schönste Kneipe in einer Seitenstraße und die spannendsten neuen Clubs. In den östlichen Stadtteilen Greenwich, Hackney, Camden und Tower Hamlets kann man sich genau zu diesem Zwecke Einheimische buchen, die je nach Wunsch Geschichte, Clubszene oder Einkaufsstraßen der Gegend abklappern. Mindestens zwei Wochen vor dem gewünschten Termin sollte man sich allerdings per E-Mail (greeters@greenwich.co.uk) oder auf der Webseite www.londongreeters.gov.uk anmelden, damit der passende Ost-Londoner zu den Wünschen gefunden wird.

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